Eine Eilmeldung beim „Polizeiruf“ zeigt, woran die ARD nicht glaubt

15.03.2021 •

MK

Sonntag, 14. März 2021,
„Polizeiruf 110: Sabine“ (NDR),
20.15 bis 21.45 Uhr im Ersten

Dieser Abend war ein Paradebeispiel für die Zerstörungslust der ARD: Die laufende Rostocker „Polizeiruf“-Folge „Sabine“, sicher einer der besten Sonntagskrimis des Jahres, wird kurz vor Schluss (die Screenshots dokumentieren es) durch eine Dramatik fingierende Eilmeldung zerstört, just auf dem Höhepunkt der Spannung; der Zuschauer denkt wegen der Amalgamierung mit der Fiktion sofort an Terror oder Katastrophe, dann jedoch entpuppt sich die Eilmeldung als Hinweis auf eine Wahlsondersendung, eine simple Extra-Ausgabe der „Tagesthemen“. Das Beispiel zeigt, dass die ARD weder an die Empathie bildende Kraft von Erzählung glaubt noch an die integrative Kraft der Politik.

Das Empörende daran ist der Verlust eines medienethisches Kompasses: In diesem Detail manifestiert sich die Gleichgültigkeit gegenüber dem Individuum, das im Kriminalfilm heraufbeschworen wird, dessen Würde der Film verteidigt. Die Figur der amoklaufenden Frau in diesem „Polizeiruf“ schafft einerseits Spannung, aber zugleich ist sie eine Nachdenklichkeit stiftende und Mitgefühl heraufbeschwörende Figur; der Zuschauer muss sich zu ihr verhalten und überlegen, wie er sie selbst ethisch und moralisch einzuordnen hat; diese Frau ist eine Figur, ein Mensch, der daran scheitert, dass er von allen verlassen wird, dass er gesellschaftlich depraviert ist und mit dem Fahrstuhl sozial nach unten fährt.

Die fiktive Biografie dieser Frau hat auch sehr viel mit Politik und politischen Entscheidungen zu tun; nun wird diese große Verlassene, Einsame, die vom Zuschauer begleitet wird, der sie in gewisser Weise birgt, der über ihren Weg trauert und der zugleich angesichts ihres Scheiterns eigene moralische Bewertungen vornehmen muss, nun wird sie von der Eilmeldung (die keine Eilmeldung ist, sondern eine zuschauerbindendes Gleitmittel) verraten, weil die Eilmeldung komplett desinteressiert ist an dieser Frau und schon auf eine nahe Zukunft verweist, die nichts mit dieser Figur und ihren Emotionen zu tun hat.

Mal ganz abgesehen davon, dass diese Eilmeldung, die zweimal zwei unendliche Minuten lang durch das verkleinerte Hauptbild gescrollt wurde, eine horrende ästhetische Respektlosigkeit gegenüber dem Film und seiner Kunst ist, ist sie ein Verrat auch am Zuschauer, der für dumm verkauft wird, weil er die Legitimität der Eilmeldung gleich anzuzweifeln hat. Die Eilmeldung ist ein Parasit, weil sie kein berechtigtes, blitzschnell mitzuteilendes Informationsbedürfnis ankündigt, sondern weil sie nur Zuschauerbindung betreiben will, weil sie fesseln will. Das heißt, die Eilmeldung wird selbst zum integralen fiktiven Bestandteil der Fiktion, zerstört diese und lässt auch die Politik erodieren, denn man traut es der Wahlsondersendung offenbar nicht zu, aus eigenem Recht zu interessieren.

Und wo wir gerade bei den Toten sind, die wir immer zu wählen haben, wenn wir ARD und ZDF schauen – auch ein Hinweis auf den ARD-Krimi-Vierteiler „Die Toten von Marnow“ wird an diesem Abend noch eingeblendet, pünktlich zum Spannungshöhepunkt. Das ist dann partout zynisch: Die eine Figur ist noch dabei, sich in eine Leiche zu verwandeln, da werden schon reißerisch die nächsten Leichen herbeigeschafft, angekündigt. Wo es mithin nur noch darum geht, das Programm zu behaupten, es durchzusetzen, es fließen zu lassen, um den Zuschauer in ein gesichtsloses und absorbiertes Zuschauerpromillchen zu verwandeln, da muss sich die ARD fragen, ob sie nicht längst ihre Kreditlinie überzogen hat. Das medienethische Konto ist leer, die Glaubwürdigkeit geht dahin.

15.03.2021 – tk/MK

Print-Ausgabe 7/2021

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