Die Selbstauflösung des Kulturradios

26.02.2021 •

«Dass die Literaturvermittlung neue Formate brauche, galt den Radioleuten als ausgemacht, auch um damit – das ist etwa die Aufgabe der von [HR-Kulturredaktionschef; MK-Red.] Mentzer geleiteten „Kultur-Unit“ – in sozialen Medien zu verstreuten, nicht unbedingt gebildeten Subkulturen durchzudringen. „Wir müssen das so gestalten, dass wir bei denen in die Timeline gespült werden“, assistierte Schaeffer [Leiter aktuelle Kultur beim WDR]. Was aber über die Schlagworte „bunt“ und „vielfältig“ hinaus denn nun der Plan sei, wollte [die Kritikerin Insa] Wilke, nun schon halb verzweifelt, wissen. Schließlich würden die klassischen Formate ja bereits eingestellt. Mentzers Antwort: Der Plan sei ein Prozess mit bestimmten Konkretionen, wobei die gegenwärtigen Produkte noch nicht das Endportfolio darstellten. Das Ziel sei, Publika zu gewinnen, die man linear nicht mehr erreiche. Warum man dafür dem kulturinteressierten Radiopublikum die Literaturbesprechung streichen muss, erklärte das nicht.

Schaeffer, eher „digital reborn“ als „digital native“, war unterdes noch ein Schlagwort eingefallen: Man hätte all diese Fragen lieber in Clubhouse diskutieren sollen als im bürgerlichen Literaturhaus. Die (ganz bewusste) Selbstauflösung des Kulturradios, so die Erkenntnis des Abends, ist in vollem Gange. Das Analytische in seiner alten, fordernden Form hat an der Spitze der Häuser immer weniger Fürsprecher, weil die Jugend, so stellt man es sich offenbar vor, eher Leichtverdauliches wolle. Die Verlegerin fand für die Sorge, die sich daraus ableitet, abschließend die passenden Worte: „Unterschätzt nicht das Publikum.“»

Aus einem Artikel von Oliver Jungen in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (Ausgabe vom 25.2.2021) über eine Diskussion im Kölner Literaturhaus über die Zukunft der Literaturkritik im Hörfunk

26.02.2021 – MK

Print-Ausgabe 7/2021

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