Die neue Rücksicht auf verletzte Gefühle

20.07.2021 •

Aus einem Interview des „Kölner Stadt-Anzeigers“ (KStA) mit dem Entertainer und früheren Late-Night-Star Harald Schmidt:

KStA: Wäre denn eine Sendung wie die „Harald-Schmidt-Show“, die in den neunziger Jahren gerade durch den gezielten Tabubruch ein Riesenerfolg war, heutzutage noch möglich?

Harald Schmidt: Nicht in der Form von damals. Weil wir einfach gefeuert haben – mal gucken, was passiert. Wir haben uns nur gefragt: Ist das schon justiziabel? Das war immer die Grenze.

KStA: Die Sie knapp überschreiten wollten.

Harald Schmidt: Nein! Ich bin ja Profi. Ich hab doch keinen Bock auf Ärger. So war immer klar, wie weit man gehen kann, und das hat super funktioniert. Heute ist die Grenze nicht mehr, ob etwas rechtlich zulässig ist, sondern das Gefühl: „Ich fühle mich verletzt.“ Ja? Ich fühle mich auch verletzt, wenn ich 60-jährige Männer in weißen Stan-Smith-Schuhen sehe. Das beleidigt mein Gefühl. Oder wenn ich beim Einchecken am Flughafen Mütter sehe, die einen Delfin am Knöchel tätowiert haben, fühle ich mich in meinen Gefühlen verletzt. Interessiert aber niemanden.

KStA: Was heißt das fürs Witzemachen?

Harald Schmidt: Diese neue Rücksicht auf verletzte Gefühle macht es vor allem langweilig. Denn selbstverständlich spricht in meiner Show ein Chinese klischeehaftes Kauderwelsch ohne „R“‑Laute. Da muss ich aber heutzutage mit einer Beschwerdewelle wegen Beleidigung unserer asiatischen Freunde rechnen. Die selbst regen sich nicht auf, aber der deutsche Freundeskreis. Darauf habe ich keine Lust.

Das Interview, abgedruckt in der KStA-Ausgabe vom 19. Juli 2021, führten Steven Geyer und Andreas Niesmann.

20.07.2021 – MK

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