Die Allmacht des Intendanten und das Herz des Journalisten

10.05.2021 •

Aus einem längeren Interview des „Tagesspiegels“ (Ausgabe vom 9.5.2021) mit dem früheren WDR-Intendanten Fritz Pleitgen, 83:

Tagesspiegel: Was hat Sie denn seinerzeit eigentlich bewogen, rauszugehen aus der Berichterstattung und Hierarch in der Rundfunkanstalt in Köln zu werden?

Fritz Pleitgen: Herausforderungen habe ich immer schon gerne angenommen. Außerdem habe ich, auch als Intendant, damit geliebäugelt, mich einfach selbst zurückzuversetzen als Korrespondent nach New York. Dort war ich ja leider nur ein Jahr gewesen. Ich hatte eine diebische Freude bei dem Gedanken, das hätte ich in meiner Allmacht als Intendant gekonnt! Ich bestimmte alles. Ich sagte: Das ist ein Thema, und das kommt auf den Sender. Na, was wollen Sie mehr?»

In dem Interview, das Torsten Hampel und Stephan-Andreas Casdorff führten, geht es schwerpunktmäßig um Pleitgens Zeit von 1977 bis 1982 als ARD-Fernsehkorrespondent in der DDR. Dazu noch die folgende Passage des Gesprächs:

Tagesspiegel: Sie hatten auch einen Winkel in Ihrem Herzen reserviert für Menschen wie Bärbel Bohley, die für einen reformierten Sozialismus in der DDR eintraten.

Fritz Pleitgen: Grundsätzlich ist es ja so: Der Journalist sollte sich nicht nur von seinen Gefühlen lenken lassen, sondern auch von seinem Verstand. Aber vom Herzen her ist man immer auf Seiten derer, die es schwer haben. Und ich sah, wie in der DDR Menschen bereit waren, ihre Existenz auf Spiel zu setzen, um andere Verhältnisse dort herzustellen. Es ging Bärbel Bohley und anderen in erster Linie um das Selbstbestimmungsrecht. Wenn ich DDR-Bürger gewesen wäre, wäre ich wahrscheinlich auch auf der Seite der Andersdenkenden gewesen und hätte gesagt, zeigen wir denen mal die Idee des Sozialismus und der Gleichheit. Als überzeugter Christ habe ich da eine gewisse Anfälligkeit.

10.05.2021 – MK

` `