„Deutschland 83“ und ein immer wieder nachgeplapperter Fehler

12.10.2021 •

Es war wieder Märchenstunde im deutschen Blätterwald. Zumindest in dessen digitaler Variante. Mitte September eröffnete der US-amerikanische Streaming-Anbieter Netflix den neuen Sitz seiner deutschen Niederlassung in Berlin. Diverse Medien berichteten, darunter auch die Nachrichtenagentur SpotOnNews. Übernommen wurde deren Text, gelegentlich geringfügig bearbeitet, von stern.de, brigitte.de, futurezone.de, den „Stuttgarter Nachrichten“ und einigen mehr.

Eine Faktenkontrolle fand offenbar in keiner der genannten Redaktionen statt. In seiner Meldung bezüglich Netflix behauptete SpotOnNews über die RTL-Serie „Deutschland 83“, dass diese „als erste deutsche Serie im US-TV lief“. Gleichlautendes kursierte zuvor schon häufiger, sollte aber mittlerweile aus dem publizistischen Geschehen verschwunden sein, denn es ist falsch. Lange vor „Deutschland 83“ wurden die deutschen Serienproduktionen „Heimat“, „Das Boot“ (beide ARD) und „Alarm für Cobra 11“ (RTL) von US-amerikanischen Sendern ausgestrahlt.

Die Ente entstand, als das Produktionsunternehmen Ufa Fiction 2015 in einer Pressemitteilung den Verkauf von „Deutschland 83“ in die USA vermeldete und dort angab, „Deutschland 83“ sei die erste deutsche Serie, die in den USA im Original mit Untertiteln (Hervorhebung vom Verfasser) gezeigt werde. Was ebenfalls nicht stimmt. 1985 und 1987 konnte das US-Publikum Edgar Reitz’ „Heimat“ in der untertitelten deutschen Originalfassung verfolgen. Für sorgfaltsversessene Publizisten und die Wissenschaftler unter uns hier eine von mehreren verlässlichen Quellen:

„Starting this evening at 8 and continuing nightly through Tuesday at the same hour, ‘Das Boot’ will be shown, dubbed, in the six-hour form originally conceived for German television. The story of one U-boat and its crew during World War II, the film was abbreviated to 2½ hours for its theatrical release in this country, in 1982. And in January, the premium service will offer ‘Heimat’, a 16-hour, award-winning film that recounts the history of Germany from 1919 to 1982 as reflected through the experiences of three families living in the same village. It will be shown with subtitles.“ (Steve Schneider: „Along with the familiar, cable seeks distinctive fare“, in: „New York Times“, 8.9.1985, S. 38.)

In den auf die damalige Ufa-Fiction-Pressemitteilung folgenden Agenturmeldungen wurden die Untertitel unter Vernachlässigung der Sorgfaltspflicht gestrichen und der Originaltext wurde schlampig verkürzt zur ‘ersten deutschen Serie in den USA’. Die Irreführung ging in den Kanon der Medienmythen ein und wird bis heute – siehe oben – immer wieder ungeprüft und ohne nachzudenken nachgeplappert.

12.10.2021 – Harald Keller/MK

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