Der Fußball, das Fernsehen und der Geist des Geldes

03.06.2020 •

Lothar Loewe, der 1983 für drei Jahre Intendant des Senders Freies Berlin (SFB) wurde, zählte zu dem, was ihm nicht passte, auch die Kabarettsendung „Scheibenwischer“, die seinerzeit im ARD-Programm ausgestrahlt und (von 1980 bis 2003) vom SFB produziert wurde. Da Loewe aber Sammy Drechsel schätzte, wollte er den „Scheibenwischer“-Gründer und -Moderator Dieter Hildebrandt, den er nicht so schätzte, nicht frontal angreifen. Aber alles beim Alten lassen wollte er auch nicht.

Also monierte er, dass Regisseur Drechsel stets für ein handverlesenes Studiopublikum sorgte, das in der Lage war, die Anspielungen der Kabarettisten zu verstehen und die Pointen zu bejubeln. Loewe hielt das für Manipulation zu Gunsten einer politischen Position. Erst nach quälenden Gesprächen konnten Drechsel und ich ihn mit dem Argument beruhigen, in einer solchen Live-Sendung sei nur ein Publikum sinnvoll, das kompetent sei und wisse, was eine Satire sei, das in der Lage sei, zu verstehen und spontan zu reagieren. Hier sei das Publikum ein unhonorierter Teil der Inszenierung, stellvertretend für das Fernsehpublikum: mitwirkend eben.

Man kann dieses Argument auch bei einer Bewertung von Fußballspielen ohne jedes Publikum in Betracht ziehen, wie sie wegen der Coronakrise derzeit stattfinden und im Fernsehen zu betrachten sind. Man nennt sie aus unerfindlichen Gründen „Geisterspiele“, so wie man neuerdings Dummköpfe als Verschwörungstheoretiker mit einem völlig falschen Titel adelt. Ein Fußballspiel ohne kompetentes Publikum findet nicht vor oder mit Geistern statt. Da schweben keine Geister über den Rängen.

Tatsächlich zieht man bei einem Unterhaltungssport wie Fußball, der von der Reaktion auf jede kleine Aktion lebt, durch einen Zuschauerausschluss nichts weniger als den Resonanzboden weg. Das Publikum ist mitwirkend. Ohne das kompetente Publikum geht jeder Schuss ins Leere. Jeder Trick verpufft. Es ist ein Spiel ohne Echo, kein Beifall, kein Geschrei, kein Jubel. Nicht einmal das berühmte Raunen geht durch die Menge.

Die antike Rhetorik hat dem Redner vor allem das Ziel vorgegeben, ein zunächst nicht festgelegtes Publikum, das nicht weiß, was es meinen soll, davon zu überzeugen, dass er recht hat. Er muss, wenn er vor Gericht siegen will, nicht so sehr den Richter, sondern vor allem das Publikum auf seine Seite ziehen, was wiederum den Richter unter Druck setzt. Der Redner muss so intelligent und sprachlich so elegant argumentieren, dass das Publikum ihm gerne folgt.

Die Bundesliga-Stars, die Neuers, Brandts, Ginters & Co. müssen so spielen, dass sie die Süd-, Ost -oder Nordtribüne auf ihre Seite ziehen, mit jeder Ballberührung und jede Woche neu, weil sie nicht immer überzeugen. Sie müssen sich feiern oder auspfeifen lassen. Sie müssen nach dem Schlusspfiff vor die Tribüne laufen und sich für die Mitwirkung des Publikums, der Fans bedanken. Oder für eine Pleite entschuldigen.

Die Mitwirkung eines kompetenten Publikums an einem Fußballspiel ist nicht beliebig. Sie ist substanziell. Sie ist ein Teil der Inszenierung. Das Publikum wirkt an der Unterhaltung mit. Ohne ein kompetentes Publikum macht das Spiel keinen Sinn. Ohne Publikum bleibt auch das Fernsehpublikum kalt. Aber warum laufen sie dann, warum spielen sie dann? In einer Hinsicht ist es dann doch noch ein Geisterspiel. Denn über den leeren Rängen schwebt tatsächlich ein Geist. Der Geist des Geldes.

03.06.2020 – Norbert Schneider/MK

Norbert Schneider, Jg. 1940, war von 1981 bis 1986 Fernseh- und Hörfunkdirektor des SFB. Danach war er Geschäftsführer der Produktionsfirma Allianz-Film. Von 1993 bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2010 war er Direktor der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM)

03.06.2020 – MK