Der Blick der Kamera auf das weibliche Mordopfer

09.09.2021 •

Aus einem Artikel von Judith Bauer im „Tagesspiegel“ (Ausgabe vom 7.9.2021) über das Thema, wie Morde an Frauen in Film und Fernsehen dargestellt werden:

«Für die Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen hängt die Beliebtheit des Motivs unter anderem damit zusammen, dass Künstlerinnen und Künstler dadurch einen symbolischen Umgang mit dem Tod finden. Eine schöne Leiche lässt das Sterben weniger schrecklich erscheinen. Der traditionell männliche Schöpfer kann so seine Ängste verarbeiten, indem er die Frau, also ein nicht-männliches Wesen, davon betroffen sein lässt.

Was Bronfen unter anderem in Romanen des 19. Jahrhunderts beobachtet, hat sich tief ins kulturelle Gedächtnis eingegraben. So fällt es kaum auf, wie viele Frauen allabendlich im Fernsehen getötet werden. Während sich die Rolle von Frauen in der Gesellschaft wandelt, sie sich mehr Sichtbarkeit, Macht und Repräsentation erstreiten, halten sich kulturelle Ausdrücke überholter Geschlechterbilder hartnäckig oder werden gargenüsslich neu inszeniert. Der Blick der Kamera auf das weibliche Mordopfer zeige ein verstörendes Idealbild, sagt Susanne Kaiser, Journalistin und Autorin des Buches „Politische Männlichkeit“ (Suhrkamp): „Die Frau soll schön sein, über den Tod hinaus. Sie soll passiv sein. Ihr Körper wird vermessen und beurteilt. In ihrer ganzen Intimität, oft als nackte Leiche, wird die Frau zum Gegenstand gemacht.»

09.09.2021 – MK

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