Klassische Medien unter nie gekanntem ökonomischen Druck

Beim 8. Herbstforum der ‘Initiative Qualität im Journalismus’ (IQ) haben am 12. Oktober in Berlin etwa hundert Experten über neue Finanzierungsformen für Journalismus diskutiert. Der Intendant des Deutschlandradios, Willi Steul, sagte zum Auftakt der Tagung, die klassischen Medien erlebten derzeit einen „so nie gekannten wirtschaftlichen Druck“. Die Informationsflut der modernen Medien führe zu künstlicher Dramatisierung, die aus der enormen Konkurrenz um Aufmerksamkeit resultiere. Es scheine, als entstehe eine „sich selbst hysterisierende Gesellschaft“, die auch die politische Kommunikation verändere. Steul warnte vor Populismus und „Rudeljournalismus“. Gefragt sei vielmehr publizistische Qualität als Alleinstellungsmerkmal.

Die vor 14 Jahren gegründete Initiative Qualität veranstaltet alle zwei Jahre eine Tagung, bei der aktuelle Probleme rund um das Thema publizistische Qualität behandelt werden. Unterstützt wird die Initiative von journalistischen Berufsverbänden (DJV, DJU), Landesmedienanstalten, dem Deutschen Presserat, dem Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV), der Bundeszentrale für politische Bildung, von weiteren Bildungsinstitutionen und von Wissenschaftlern.

Schrumpfungsprozess

Willi Steul analysierte, sinkende Einnahmen auf Werbe- und Lesermärkten seien für die Zeitungsbranche existenzbedrohend. Dies gelte insbesondere in Zeiten, in denen sich Online-Nutzer daran gewöhnt hätten, „dass Medieninhalte umsonst zu haben sind“. Grundsätzlich aber halte er staatliche Subventionen zugunsten von Medienanbietern aus ordnungspolitischen Gründen für „hochgradig problematisch“, betonte Steul.

Stephan Ruß-Mohl bezeichnete einen staatlich finanzierten Journalismus gar als „völlig abwegig“. Der Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Lugano befand, der Journalismus stecke in einem „Schrumpfungsprozess“. Hoffnungen, Qualitätsjournalismus lasse sich künftig komplett durch Spenden, Stiftungen oder Crowdfunding finanzieren, erteilte Ruß-Mohl eine Absage. So entsprächen etwa Spenden in Deutschland nur 0,1 Prozent des Bruttosozialprodukts und flössen vor allem in humanitäre Projekte. Stiftungen könnten eine dauerhafte Finanzierung journalistischer Angebote schon deshalb nicht leisten, weil die Stiftungen am liebsten Projekte unterstützten, mit denen eine große Aufmerksamkeit verbunden sei.

Gemeinnützigkeit

„Stiftungen sind nicht dafür da, erodierende Geschäftsmodelle zu heilen.“ Mit diesen Worten warnte auch Jens Rehländer davor, allzu stark auf das Stifter-Engagement zu setzen. Der Leiter der Kommunikationsabteilung der Volkswagen-Stiftung berichtete, der Expertenkreis ‘Stiftungen und Qualitätsjournalismus’ im Bundesverband Deutscher Stiftungen werde sich künftig dafür einsetzen, den Wert journalistischer Produkte für die Öffentlichkeit deutlicher herauszustellen. „Wir können den lokalen Journalismus nicht retten, aber zu Kooperationen anregen“, sagte Simone Jost-Westendorf, die Projektleiterin der unter dem Dach der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) angesiedelten Stiftung ‘Vielfalt und Partizipation’, zum Ziel der erst vor vier Monaten gestarteten Einrichtung (vgl. dazu diese Personalie). Sie erklärte, die Stiftung werde Anreize für mehr publizistische Vielfalt in lokalen Kommunikationsräumen schaffen. Außerdem werde sie staatsfern dazu beitragen, die Rahmenbedingungen zu verbessern, indem Aus- und Weiterbildung sowie Netzwerke gefördert würden.

Gleich mehrere Experten appellierten beim IQ-Herbstforum 2015 an die Politik, dass journalistische Angebote künftig auch als gemeinnützig anerkannt werden müssten. Christian Humborg, Geschäftsführer des Recherchebüros Correctiv, forderte eine entsprechende Änderung des Anwendungserlasses zur Abgabenordnung. Alexander von Streit, Chefredakteur und Mitinitiator des Online-Magazins „Krautreporter“, sagte, er glaube nicht, dass Journalismus insgesamt gemeinnützig sein müsse, für bestimmte Angebote jedoch sei Gemeinnützigkeit sinnvoll.

Medienabgabe

Ähnlich äußerte sich auch Hermann-Josef Tenhagen, Chefredakteur des gemeinnützigen Online-Verbrauchermagazins Finanztip.de. Der ehemalige Chefredakteur der Zeitschrift „Finanztest“ kritisierte in diesem Zusammenhang, dass für Online-Angebote 19 Prozent Mehrwertsteuer fällig werden, während für klassische Medien der verminderte Steuersatz von 7 Prozent gilt. Moritz Tschermak berichtete als Gründungschefredakteur des Regenbogenpresse-Watchblogs topfvollgold.de, die Gemeinnützigkeit dieses Projekts sei nur erreicht worden, weil die Macher auch Bildungsveranstaltungen zum Thema Medienkritik anböten. Gemeinnützige Organisationen haben den Vorteil, dass Spender ihre Zahlungen an solche Institutionen steuerlich geltend machen können. (Zum Thema Journalismus und Gemeinnützigkeit vgl. auch diesen und diesen MK-Artikel)

Der Kommunikationswissenschaftler Ruß-Mohl und die Kölner Journalistik-Professorin Marlis Prinzing regten beim IQ-Herbstforum an, aus dem Rundfunkbeitrag eine Medienabgabe zu machen, mit der auch journalistische Projekte jenseits des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gefördert werden könnten. Ruß-Mohl schlug vor, dass Inhalte von ARD und ZDF privatwirtschaftlichen Internetseiten kostenfrei zur Verfügung gestellt werden könnten.Prinzing setzte sich dafür ein, der Öffentlichkeit den Wert von Journalismus bewusster zu machen. Ruß-Mohl wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die Verlage an der mangelnden Zahlungsbereitschaft für Online-Inhalte selbst schuld seien. Schließlich würden sie die Medienkrise und die daraus resultierenden Probleme für die Qualität des Journalismus nicht ausreichend in den eigenen Zeitungen thematisieren.

30.10.2015 – mak/MK

Print-Ausgabe 24/2016

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