Crossmedial im Großraumbüro: WDR legt Redaktionen für Fernsehen, Radio und Internet räumlich zusammen

Beim WDR rückt man näher zusammen. Redaktions- und Produktionsteams einzelner Ressorts für Fernsehen, Hörfunk und den Online-Bereich, die früher am Sendersitz in Köln auf unterschiedlichen Etagen, manchmal sogar in verschiedenen Gebäuden untergebracht gebracht waren, arbeiten seit Beginn des Jahres Seite an Seite unter einem Dach. Genauer gesagt: sogar in einem Raum. Der allerdings etwas größer ausfällt. Allein für den Sport sind es 1700 Quadratmeter, auf denen 92 Mitarbeiter ihrer Arbeit nachgehen. WDR-Intendant Tom Buhrow nannte das „Campus Sport“ betitelte Großraumbüro bei dessen Vorstellung am 21. Februar in Köln „einen weiteren Mosaikstein auf dem Weg des Wandels“.

Gerade beim Sport, befand Buhrow, sei die Zusammenlegung von Fernseh-, Hörfunk- und Online-Redaktionen eine naheliegende Sache. Vor allem bei den Flaggschiffen „Sportschau“, die der WDR fürs ARD-Fernsehen produziert, und „WDR 2 Liga Live“ im Radio. „Es sind dieselben Spiele, es ist derselbe Sport, es ist derselbe Fußball“, so der Intendant. Ohnehin hätten die einzelnen Redaktionen auch bereits in der Vergangenheit einen regen Austausch an Themen und Informationen gepflegt, der nun in den neuen Räumlichkeiten, aber wesentlich unkomplizierter und spontaner möglich sei. Quasi auf Zuruf.

Mit Smartphone in der Mixed Zone

Denn im Zentrum des Raumes stehen die drei jeweils leitenden Redakteure während ihrer Schicht quasi Rücken an Rücken in einem Rondell vor ihren Monitoren, wie man es auch schon von den Newsdesks der Zeitungsverlage kennt. Rund 4 Mio Euro hat der WDR in den Umbau der Räumlichkeiten investiert, in denen einst die Bibliothek des Senders (wo die wohl geblieben ist?) untergebracht war. Mit zusätzlich 1,5 Mio Euro schlug die neue Technik zu Buche, die es unter anderem erlaubt, in unmittelbar angrenzenden Studios Wortbeiträge für den Hörfunk zu produzieren.

Doch die crossmediale Zusammenarbeit beim WDR soll keineswegs auf die Location des „Campus Sport“ beschränkt bleiben. So instruiert man inzwischen beispielsweise Hörfunkjournalisten, die von internationalen Fußballspielen berichten, an denen die ARD keine Bildrechte hat, ihre Interviews in der Mixed Zone nach Ende der Partien bildlich auf ihren Smartphones festzuhalten, um damit Fernsehen und Internet zu beliefern. Und den Text für den dazugehörigen Online-Auftritt werden die Reporter womöglich auch noch verfassen müssen.

Erwartbarer Nebeneffekt: Stellenabbau

Wo immer in Unternehmen von Konzentration und Synergieeffekten durch engere Zusammenarbeit einzelner Abteilungen die Rede ist, geht das mit einem mehr oder minder kurzfristigen Stellenabbau einher. Das ist auch beim WDR nicht anders. Zwar betonte Tom Buhrow, dass dieser Gedanke bei dem Campus-Projekt keinesfalls im Vordergrund gestanden habe, doch er machte zugleich deutlich, diesen erwartbaren Nebeneffekt gern mitnehmen zu wollen. Schließlich müsse der Sender bis zum Jahr 2020 im Rahmen eines selbstauferlegten Sparprogramms 500 Planstellen abbauen.

So ist denn auch dieses Campus-Modell beim WDR keineswegs auf den Sport beschränkt. Die 85 Mitarbeiter des Programmbereichs ‘Wirtschaft und Service’ arbeiten seit Anfang 2017 bereits nach demselben Prinzip und im Mai soll die Wissenschaftsabteilung mit 45 Angestellten folgen. Die Kosten für den Umbau der beiden Ressorts seien jedoch, so der WDR-Intendant, wesentlich niedriger als beim Sport.

Das in diesem Zusammenhang größte Projekt will der WDR allerdings erst 2021/22 stemmen. Bis dahin soll das Filmhaus genannte Gebäude des Senders generalsaniert sein und eine Art „Campus News“ beherbergen. Dort sollen nicht nur die entsprechenden Hörfunk- und Online-Redaktionen untergebracht werden, sondern auch sämtliche Nachrichtensendungen und anverwandte Magazine des Dritten Programms WDR Fernsehen (wie „Aktuelle Stunde“, „WDR aktuell“, „WDR extra“ oder „Westpol“) redaktionell verantwortet und produziert werden.

Durch diese Veränderung dürften viele der derzeitigen Mitarbeiter der entsprechenden Formate zu Berufspendlern werden. Denn bislang werden diese Sendungen im WDR-Studio in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt Düsseldorf hergestellt. Dass die aktuelle Berichterstattung in wenigen Jahren in der Kölner Zentrale des WDR gebündelt werden soll, hatte der öffentlich-rechtliche Sender bereits im April vorigen Jahres bekanntgegeben (vgl. MK-Meldung).

Verlagerung von Düsseldorf nach Köln

In Vorahnung, dass diese Verlagerung der aktuellen Berichterstattung womöglich auch politisch nicht gänzlich reibungslos vonstatten gehen könnte, gab sich Tom Buhrow („Wir fühlen uns dem Medienstandort Düsseldorf verpflichtet“) am 21. Februar bei der Vorstellung der Pläne vorsorglich als großer Freund der Landeshauptstadt und verwies darauf, sich sowohl für die Verleihung des Deutschen Fernsehpreises in Düsseldorf als auch für die Übertragung der dortigen Startetappe der diesjährigen Tour de France am 1. Juli 2017 stark gemacht zu haben.

Doch in naher Zukunft steht erst einmal die Evaluation der neuen Campus-Modelle in Köln an. In einen paar Monaten soll ein unabhängiges Institut die Mitarbeiter der jeweiligen Ressorts nach ihrer Zufriedenheit mit der neuen Arbeitsform befragen und beispielsweise herausfinden, ob sich der unausweichliche Lärmpegel in den Großraumbüros womöglich doch eher störend denn stimulierend auswirkt. Die Studie dürfte hie und da Nachbesserungen nach sich ziehen, jedoch kaum zur Abkehr vom neuen Campus-Konzept führen. Denn dazu waren schon die bisherigen Umstrukturierungen schlicht zu teuer.

20.03.2017 – lü/MK

Print-Ausgabe 10/2017

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