Kybernetik und Sozialismus,
Präzision und Unsicherheit

Cologne Futures: Zur Tagung zum Thema Medienevolution

Von Lutz Hachmeister

24.10.2017 • Zum fünften Mal hat die MK am 6. Oktober anlässlich der „Cologne Futures“, der jährlichen Tagung zum Thema „Medienevolution“, ein Sonderheft veröffentlicht, in dem die Tagungsvorträge des Vorjahres abgedruckt sind. Im Folgenden veröffentlichen wir auch online die Einleitung, die Lutz Hachmeister für das Sonderheft 2017 geschrieben hat. (Weiteres zum MK-Sonderheft siehe am Ende dieses Artikels),. Die „Cologne Futures“ werden veranstaltet vom in Köln ansässigen Institut für Medien- und Kommunikationspolitik (IfM). • MK 

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„Es ist nun endlich erwiesen,
dass Kybernetik und Systemforschung
Pseudowissenschaften sind.“
Erich Honecker (1971)

In seinem Vortrag bei den Cologne Futures 2016 hat der Soziologe Harald Welzer mutig behauptet, dass „Wissen mit Handeln überhaupt nichts zu tun hat“. Darüber könnte man endlose eigene Konferenzen veranstalten – etwa zu der alten Frage, ob Erfahrungswissen, kombiniert mit den genetischen Prädispositionen, nicht überhaupt erst jedes Handeln konstituiert, auch jenes, das man zunächst als „intuitiv“ begreifen könnte. Man könnte auch auf vergessene Klassiker der neomarxistischen Medien- und Kommunikationstheorie wie Franz Dröges „Wissen ohne Bewusstsein“ (1972) verweisen.

Aber jenseits von vielleicht sterilen, kategorialen Debatten rund um den Wissensbegriff kann man doch festhalten, dass in politicis spätestens seit dem 18. Jahrhundert der Wunsch nach umfassender System- und Infrastrukturplanung, nach Gesellschaftspräzision zu den Leitmodellen von Macht, Herrschaft und Lebenskolonisierung gehört. Diese Grundannahme ist kardinal für die statistischen Modelle mit und nach dem Zeitalter der Aufklärung („Staatistik“ und auch „Policeywissenschaft“), bis zu Max Webers Bürokratietheorie und den darauf fußenden soziologischen Systemtheorien von Talcott Parsons und Niklas Luhmann, auch wenn Letzterer dauerironisch stärker auf Vergeblichkeiten und Illusionen verwiesen hat. Der gesamte zeitgenössische Medienmarkt – mit Reader Scans, Einschaltquoten und Klick-Obskurantismus auch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern – wäre ohne dieses Denkmodell gar nicht existent.

Bis zum Sturz autokratischer Leitfiguren

In einer anscheinend komplexeren Form, mit dem Leitbegriff der Kybernetik, hatten diese Ordnungslehren seit den 1950er Jahren auch realsozialistische Staaten wie die UdSSR, die DDR und Chile unter seinem Präsidenten Salvador Allende ergriffen. Das ist eine putzige und tragikomische Episode der Politik- und Wissenschaftsgeschichte – immerhin führte sie mittelbar zu Selbstmorden von kommunistischen Kadern und zum Sturz von autokratischen Leitfiguren. Nikita Chruschtschow und selbst Walter Ulbricht suchten sich zunächst, aus unterschiedlichen Motiven, vom Stalinismus älterer Machart dadurch abzugrenzen, dass sie die – anfänglich als bourgeois-kapitalistisch verdammte – kybernetische Revolution als Vektor zur Herausbildung einer neuen technokratischen Klasse sozialistischer game changer begriffen, mit attraktiven Leistungsanreizen auf dezentraler Ebene, gegen die starre Ideologie des „Arbeiter- und Bauernstaats“. Darüber gibt es in neuerer Zeit einige interessante Studien, bis hin zu detaillierten Erforschungen des chilenischen Projekts „Cybersyn“, mit dem futuristischen Opsroom des deutschen Designers Gui Bonsiepe in Santiago.

DDR-Staatschef Walter Ulbricht, der von der Kybernetik als Feedback- und Steuerungslehre nur eine vage Ahnung hatte (wie allerdings auch viele Kybernetiker selber), hatte noch beim VII. Parteitag der SED (1967) proklamiert: „Und wenn die Kybernetik uns hilft, dann werden wir uns solange und so gründlich in diese neue Wissenschaft hineinknien, bis wir sie vollständig beherrschen“ – beherrschen also im Wettbewerb mit der ursprünglichen US-Nachrichten- und Informationstheorie aus den 1940er Jahren. Aber auch wenn mit dem Philo­sophen Georg Klaus (1912 bis 1974) ein DDR-eigener und auch in der Bundesrepublik stark beachteter Kybernetik-Prophet eine Zeitlang das Wort führte, stürzte der pragmatischere Erich Honecker seinen Amtsvorgänger Walter Ulbricht gemeinsam mit dem neuen KPdSU-Generalsekretär Leonid Breschnew – gerade mit dem Hinweis auf Ulbrichts angebliche Kybernetik-Versponnenheit.

Schon im Jahr 1965 hatte sich DDR-Planungschef Erich Apel, Chefdenker des Ulbrichtschen NÖSPL (= Neues Ökonomisches System der Planung und Leitung), einer der eminenten Ost-Kybernetik-Förderer, in seinem Büro mit seiner Dienstwaffe erschossen, weil die Sowjet-Übermacht nicht mehr mitzog. Fast alle Kybernetik-Planstellen an DDR-Hochschulen wurden in der Ära Honecker sukzessive abgebaut, wenn auch der neue SED-Chef und sein Wirtschaftslenker Günter Mittag (einst einer der NÖSPL-Protagonisten) fatalerweise am Mikrochip-Wettstreit mit dem Westen festhielten.

Das Smartphone als Sprung in die Medienevolution

Solche Episoden können einem auch in den Sinn kommen, wenn Harald Welzer von der „smarten Diktatur“ spricht. Das war lange vor der – auch bei den Cologne Futures – immer wieder thematisierten kalifornischen Ideologie mit den noch sanfteren Über-Konzernen wie Facebook, Amazon und Google – vor allem mit der noch unscheinbareren Ummantelung und Durchdringung des Bildungssystems durch algorithmische Feedback-Verfahren, von denen Paul-Olivier Dehaye in seinem Konferenz-Protokoll berichtet. Margot Honecker als DDR-Bildungsministerin, wenn sie etwas von Kommunikations- und Informationstheorie verstanden hätte, wäre begeistert gewesen.

Heute verfügen wir mir mit dem Smartphone-Minicomputer über einen zentralen kybernetischen Massenapparat – auch wenn er zunächst als extrem dezentral erscheint – und spätestens damit kann die Frage nach der Dialektik von Präzision und Unsicherheit noch einmal neu gestellt werden. Je mehr Präzision, Speicher, Clouds und Serverfarmen, desto stärker wächst die gesellschaftliche Unsicherheit, so könnte eine These lauten, die weiter zu diskutieren wäre. Das Smartphone, das ja nur noch ganz zuletzt ein Telefon herkömmlicher Vorstellung ist, kann ohne Umschweife als Sprung in der Medienevolution verstanden und erlebt werden – gerade weil es ganz lebensnah am User klebt und inzwischen das bevorzugte Medium des Entertainment-Komplexes ist, mit den Streamings und Mediatheken.

Völlig autonome „Medien“, die ohne jede Beziehung zu human beings existieren, sind aber nur schwer zu denken, weil sie dann ohnehin nur als nicht-humanistische Gebilde, sozusagen ganz außerhalb des menschlichen Prognose- und Vorstellungsvermögens situiert wären. Auch Günter Anders’ Analysen der „Antiquiertheit des Menschen“ oder die Aufhebungs- und Zerstörungsphantasien der italienischen Futuristen kalkulierten immer noch irgendein menschliches Maß ein, argumentierten also im Wortsinne post- oder transhumanistisch. Erst wenn sich der Medienbegriff vollständig von der kulturell-technologischen Sphäre der menschlichen Intervention entfernt, wird für unsere Spezies auch nichts mehr zu messen oder zu kalkulieren sein.

• Lutz Hachmeister, Jg. 1959, ist Publizist und Filmemacher sowie Direktor des Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik (IfM) in Köln. Zuletzt erschien von ihm das Buch „Hannover. Ein deutsches Machtzentrum“ (DVA, München 2016).

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• Das MK-Sonderheft 2017 zum Thema „Medienevolution" kann zum Preis von 10 Euro (Porto inbegriffen) bestellt werden unter dieser Adresse: leserservice.spam@medienkorrespondenz.de. Das Heft enthält die Texte der auf den Cologne Futures 2016 gehaltenen Vorträge von Harald Welzer („Smarte Diktatur. Fiktionen der Berechenbarkeit“), Wolfgang Gründinger („Eine Erwiderung auf Harald Welzers Vortrag und seinen Essay 'Die smarte Diktatur'“), Julia Hobsbawm („Knowledge, Network and Time: Social Health in an Uncertain Age“) und Paul‑Olivier Dehaye („Politics of Smart Learning“).  

24.10.2017/MK