Kinder am Bildschirm, Eltern am Drücker

Kika: Der Kinderkanal von ARD und ZDF im 20. Jahr seines Bestehens

Von Charlotte Echterhoff

09.10.2017 • Am 1. Januar 1997 ist der Kika als gemeinsames Programm von ARD und ZDF auf Sendung gegangen, der öffentlich-rechtliche Kinderkanal feiert in diesem Jahr sein 20-jähriges Bestehen. Der abgekürzte Sendername Kika hat sich im Sprachgebrauch durchgesetzt und man kann sagen, Kika hat sich als Marke etabliert, die für die Eltern funktioniert und die den Kindern gewissermaßen beibringt, lineares Fernsehen zu schauen. Erwachsen werden will der Spartenkanal nicht, sondern weiterhin mit einer täglichen Sendezeit von 15 Stunden die jüngste Zielgruppe ansprechen, das sind für den Sender die 3- bis 13-Jährigen. Angesiedelt ist der Kika in Erfurt unter dem Dach des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR), der federführend für das Programm zuständig ist.

Während anfangs vor allem bekannte Sendereihen wie „Löwenzahn“ (ZDF), „Sesamstraße“ (ARD/NDR) und „Die Sendung mit der Maus“ (ARD/WDR) das Programm prägten, das damals mit dem „Sandmännchen“ um 19.00 Uhr endete, produziert der Kika mittlerweile viele erfolgreiche Formate selbst und die Sendezeit wurde ab 2003 bis 21.00 Uhr ausgeweitet. Das vielfältige Angebot aus Unterhaltung, Bildung und Information setzt sich zu je einem Drittel aus Beiträgen von ARD, ZDF und dem Kika selbst zusammen. Besondere Programmelemente sind Nachrichten, Magazine, Soaps und Live-Formate, die sich von dem sonst durch Zeichentrick- und Animationsserien charakterisierten Kinderprogramm auch anderer Sender abheben. Die Moderatoren des Kika-Formats „Kummerkasten“ etwa sprechen die Älteren der Zielgruppe auf Augenhöhe an und sind im besten Fall Vertrauensperson oder Identifikationsfigur für die zuschauenden Teens.

Auch ein bequemes Betreuungsangebot

Das Kika-Programm differenziert mit seinen derzeit etwa 40 Formaten unterschiedlichster Produktionsformen die eigene Zielgruppe in die Vorschüler, die 6- bis 9-jährigen Grundschüler und die Kinder über 10. Die Zielgruppenunterscheidung manifestiert sich im Sendeschema: Vormittags läuft Programm für die Vorschüler, nachmittags für die Grundschüler und nach 19.00 Uhr für die Älteren. Am Wochenende wird mitunter die gesamte Familie angesprochen, etwa mit Märchenfilmen. In den Sommerferien läuft ein Sonderprogramm, das verrät: Der Kika ist auch ein bequemes Betreuungsangebot – im Selbstverständnis und im Nutzungsgrund.

Der Erfolg des öffentlich-rechtlichen Kinderkanals zeigt sich zum einen an seiner Beliebtheit in der Zielgruppe: Der Kika ist laut Senderangaben – in einer Pressemappe zum 20-Jährigen wird dazu auf verschiedene Studien verwiesen – „der Lieblingssender“ der Vorschüler (mit 58 Prozent) und der Grundschüler (mit 44 Prozent). Er hält, wie auch der private Wettbewerber Super RTL, etwa 20 Prozent Marktanteil bei der 3- bis 13-jährigen Zuschauerschaft und ist mit 29,3 Prozent Marktführer im Vorschulbereich.

Zum anderen sind die zahlreichen Preise, die der Sender erhalten hat, ein weiteres Erfolgskriterium. In den letzten Jahren wurden beispielsweise Formate ausgezeichnet, die sich mit den Themen Flucht und Menschenrechten beschäftigten. In der Begründung für den Anfang Juli 2017 vom Grimme-Institut an das rund zwei Jahre zuvor gestartete Kika-Kindermedienmagazin „Timster“ verliehenen „Klicksafe-Preis für Sicherheit im Internet“ wird explizit auch „die sehr gute Einbindung der Eltern“ erwähnt (zu „Timster“ vgl. auch diese MK-Kritik). Der Dialog mit den Eltern ist ebenso wie die Werbefreiheit beim Kika ein Alleinstellungsmerkmal des Senders im Kinderfernsehbereich.

Zukunftsfähiges Kinderfernsehen

Der typisch öffentlich-rechtliche, pädagogische Anspruch wirkt im Kinderfernsehen auf besondere Weise, da die Angebote eben nicht nur die Kinder, sondern vor allem auch deren Eltern überzeugen müssen. Zum Senderstart an war es wichtig und richtig, die Kinder an ein festes Programmschema zu binden, weil das auch dem habitualisierten Medienkonsum der Erwachsenen entsprach. „Unser Sandmännchen“ wurde in vielen Haushalten bald ein fester Bestandteil des Abendrituals und zählt auch heute noch zu den beliebtesten Formaten des Senders.

Heute ist die Aufgabe eines zukunftsfähigen Kindersenders ein crossmediales Programm, das Kinder und Eltern nach Wunsch online und nicht nur auf die Minute genau im linearen Fernsehen abrufen können. Somit wurde denn auch zum Beispiel die Vorschulsendereihe „Kikaninchen“ als multimediales Angebot ausgebaut, mit einer verbesserten Nutzung auf mobilen Endgeräten. Und entsprechend groß sind auch die Senderseiten im Web, die jeweils einen Kinder- und einen Elternbereich beinhalten. Sie bieten – für erwachsene Surfer unüblich – erstmal kein Hintergrundwissen, sondern sind vor allem eine digitale Spielwiese für die Zielgruppe. Auf den Seiten des Vorschulbereichs unter www.kikaninchen.de beispielsweise stehen nicht einzelne Videos im Vordergrund, sondern sind sie nur eine Option neben Spielen, Musik und Ausmalbildern.

Eltern-Sender-Kommunikation

Als 2009 mit „Kikaninchen“ die eigene Marke für das Vorschulprogramm geschaffen wurde, ging es laut Senderangaben gegenüber der MK explizit darum, nicht nur einen „geschützten Raum“ für die Medienanfänger zu bieten, sondern auch die Eltern an die Hand zu nehmen. Idee und Ziel ist der angeleitete Medienkonsum dieser jüngsten Altersgruppe. Die Eltern als wichtige Partner einzubinden – vor diesem Hintergrund wurde 2017 die Facebook-Seite „Kika für dich“, die sich explizit an die Eltern richtet, als Dialogfläche neu gelauncht. Hier nehmen Eltern ihre Rolle im Gestaltungsprozess wahr: Sie loben und kritisieren das Programm und geben Programmwünsche ihrer Kinder an die Redaktion weiter.

Mit den Eltern als Gatekeepern hat es der Kinderkanal auf der einen Seite leicht, zum beliebtesten Sender der Vorschul- und Grundschulkinder zu werden, wenn es der einzige Sender ist, den die Kinder regelmäßig einschalten dürfen. Auf der anderen Seite entwickeln sich auf Seiten der Eltern spezifische Anforderungen gegenüber dem Kika als medienpädagogisch wertvollem ‘Servicedienstleister’. Mit der Eltern-Sender-Kommunikation geht es für den Kika ums Ganze, wie zwei Ereignisse der letzten Monate illustrieren.

Anlässlich des 20-jährigen Kika-Jubiläums wurden die „Teletubbies“ von April bis Juni dieses Jahres für einen Zeitraum von vier Wochen wieder im Programm ausgestrahlt (am Vorabend). Die „Teletubbies“, der europaweit erste Versuch, Fernsehen für Kleinkinder unter drei Jahren zu machen (vgl. FK-Heft Nr. 15/99), fanden bereits von 1999 bis 2008 regelmäßig Platz im Kika-Programm und sind Senderangaben zufolge damals auf eine „durchgehend gute Akzeptanz bei den Zuschauern“ gestoßen. Im Frühjahr 2017 überwogen dann jedoch die kritischen Stimmen. Eltern beschwerten sich sowohl auf der neuen Facebook-Seite „Kika für dich“ als auch im Kommentarbereich der Kika-Mediathek.

Um Konsens bemüht

Mitarbeiter vom Kika nahmen sich der Reaktionen an und beantworteten sie in Fleißarbeit. Nach dem Verweis auf die Programmdirektion wurde schließlich als letzte Pro-„Teletubbies“-Argumentiererin die Wissenschaftlerin Maya Götz genannt, die in einer Studie positive Elemente der Sendereihe beschreibt. Die Studie wurde im Web-Bereich des Kindersenders hochgeladen, in der Mediathek und auf Facebook verlinkt und dient nun als Rechtfertigungsgrund für die Programmentscheidung, die „Teletubbies“ wieder ausgestrahlt zu haben.

Die Kommunikation im Fall der Diskussion um die am 12. Juli 2017 veröffentlichte Studie der Universität Rostock über Geschlechterdarstellungen in deutschen TV- und Kinoproduktionen verlief ähnlich, das heißt, hier war man beim Kika ebenfalls sehr um Konsens bemüht. Die Untersuchung belegte, dass im deutschen Fernsehen und speziell auch im Kinderprogramm männliche Protagonisten dominieren. Ein Vater verwies auf der Facebook-Seite des Kikas auf die Studie und forderte eine Stellungnahme des Senders. Die Redaktion antwortete ausführlich, selbstkritisch und mit Hinweisen auf das laufende Programm. Von einem Versäumnis konnte sich hier auch der Kika nicht freisprechen, sondern man räumte die Problematik offen ein, es gab genaue Angaben über geplante Änderungen und man gelobte Besserung. Der Kika darf die Gunst der Eltern nicht verlieren, denn die sitzen sehr stark mit am Drücker.

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Der Kika steht bekanntlich auch für eine große Betrugsaffäre beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Im Text hier zum 20-jährigen Bestehen des Kika geht es um dessen Programm. Zur Kika-Betrugsaffäre vgl. ausführlich FK-Hefte Nr. 49/10, 14/11, 27-28/11, 25/12, 15/13 und 7/14. Im Mai 2015 hatte der MDR die Aufarbeitung der Kika-Betrugsaffäre für abgeschlossen erklärt (vgl. hierzu diese MK-Meldung).

09.10.2017/MK

Print-Ausgabe 20/2017

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