Im Wettbewerb mit dem Netz

Der professionelle Journalismus und die Medienkrise: 10 Thesen

Von Markus Schächter

2.12.16 MK  Zum Start einer öffentlichen Diskussionsreihe unter dem Titel „Medienkrise?“ Mitte Oktober am Lehrstuhl ‘Medienethik’ an der Münchner Hochschule für Philosophie hat Markus Schächter ein Impulsreferat zum ‘Stand der Dinge 2016’ vorgetragen, das in zehn Thesen mündete. Den Thesen vorgestellt hat er einen historischen Abriss über die Bedeutung und den Bedeutungszuwachs der Medien und ein Fazit dergestalt, dass man die Medienlandschaft bislang in Deutschland zu den stabilsten, seriösesten und vielfältigsten der Welt zählen konnte. An der Diskussion über die Thesen beteiligten sich Hans-Werner Kilz (ehemaliger Chefredakteur von „Spiegel“ und „Süddeutscher Zeitung“), Peter Frey (ZDF-Chefredakteur), Sabine Rückert (stellvertretende Chefredakteurin „Die Zeit“) und Alexander Filipovic (Professor für Medienethik an der Hochschule für Philosophie). Wir dokumentieren im Folgenden die von Markus Schächter vorgetragenen zehn Thesen. Schächter, Jg. 1949, war von 2002 bis 2012 Intendant des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF) in Mainz und ist seit 2013 Honorarprofessor für Medienethik an der Hochschule für Philosophie. Im Folgenden Schächters zehn Thesen. • MK

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  1. Die vor 15 Jahren durch die disruptive Gewalt der digitalen Technologien ausgelöste Krise der Geschäftsmodelle privatwirtschaftlich organisierter Medien ist in ihrem publizistischen Kern bis heute deutlich spürbar. Die klassische Ertragsstruktur durch Werbung und Abonnement ist durch den militanten Siegeszug des Netzes massiv eingebrochen. Zum ersten Mal in der Nachkriegsgeschichte gibt es die begründete Sorge, ob professioneller Qualitätsjournalismus in der Spitze und in der Breite auf Dauer im bisher gekannten Umfang und Anspruch eine finanzielle Grundlage haben kann.

  2. Zu dem Verlust des ökonomischen Monopols kommt der Verlust des inhaltlich-konzeptionellen Informationsmonopols. Die Gatekeeper-Funktion des Journalismus, seine essentielle Aufgabe, die Themen für das Zeitgespräch der Gesellschaft zu filtern und zu setzen, wird durch neuartige Informationsstrukturen im Netz in Frage gestellt. Das Internet informiert umfassender, schneller, mobiler und multimedialer als die herkömmlichen Informanten. Kaum noch eine relevante Nachricht, die man zuerst aus den klassischen Massenmedien erfährt.

  3. Das Netz hat auch das Vielfaltsmonopol der klassischen Medien reduziert. Die Wettbewerbssituation mit dem Netz hat die Medienlandschaft uniformer und gleichförmiger gemacht und Vielfalt und pluralistische Akzentuierung eher reduziert.

  4. Mit der rasanten und massenhaften Etablierung der Social Media wie Facebook, Twitter & Co. ist der Vierten Gewalt der Massenmedien eine Fünfte Gewalt der Social Media entgegengetreten. Soziale Netzwerke sind für viele Nutzer die wichtigsten oder die einzigen Informationsquellen geworden. Die die sozialen Netzwerke zusammenführenden Algorithmen sind die Treiber einer Entwicklung, in der viele Nutzer in dem Übermaß der Informationsangebote nur noch die Themen hören und sehen wollen, die ihrer Sicht entsprechen und die Dinge und Ansichten bestätigen, die sie als richtig angesehen haben.

  5. Soziale Netzwerke sind stärker auf Emotionen ausgebaute Kommunikatoren. Sie sind in der Lage, Argumente und Fakten durch Stimmungen und Einstellungen zu korrigieren. Mit ihrer bisweilen kontrafaktischen oder postfaktischen Grundausrichtung entautorisieren sie die professionelle, auf Fakten, Evidenz und Argumentation ausgerichtete Grammatik des professionellen Journalismus.

  6. Mit ihren zielgerichteten Algorithmen und ihren inzwischen auch von Robotern übernommenen technischen Reaktions- und Antwortmechanismen werden die Social Media zum Zentrum einer aggressiven Kritik und Hauptgegner des klassischen Journalismus.

  7. Professioneller Journalismus wird von dem Teil der Gesellschaft, der sich im Gegensatz zur Mehrheitsgesellschaft sieht, als paternalistische Bevormundung bezeichnet. Die klassischen Medien werden von diesem Teil der Gesellschaft mehr als Anpasser denn als Aufpasser, mehr als Regierungsversteher denn als Anwalt der Regierten bezeichnet. Die lautstarken zehn bis zwanzig Prozent dieser Gesellschaft lehnen die Informationsquellen der klassischen Medien eher ab. Sie sind im klassischen Kommunikationsaustausch nur noch schwer erreichbar.

  8. Dass auch jenseits des digitalen Kampfes um die Deutungshoheit der Journalismus Vertrauen verliert, hängt auch mit Fehlern der Journalisten und deren Umgang mit diesen Fehlern zusammen. Dass Journalisten Fehler machen – wie Politiker, Lehrer oder etwa Ärzte – ist menschlich und verständlich. Dass sie aber kaum den Ansatz einer Fehlerkultur entwickelt haben, macht ihre Arbeit angreifbarer. Statt eines kommunikativen Umgangs mit eigenen Fehlern und entsprechenden Korrekturansätzen gibt es, so ein Vorwurf, das Selbstverständnis einer Quasi-­Unbelangbarkeit der Vierten Gewalt. Der Vorwurf: Der Journalismus gehe mit seinen eigenen Fehlern selber weniger rigoros und hart um, als mit denen, über die er berichtet.

  9. Dabei häuften sich in den letzten Jahren die Fehlerquoten. Vom fehlerhaften Umgang etwa mit skandalisierten Personen bis zur Darstellungsproblematik der Silvesternacht in Köln gibt es häufiger Formen der Berichterstattung, die in der Nachbetrachtung als problematisch angesehen werden können. Zwei Fehlerquellen fallen besonders auf: Im Aktualitätskampf mit dem immer schnelleren Netz wird zu häufig die alte Journalismus-Tugend „Gründlichkeit vor Schnelligkeit“ außer Kraft gesetzt. Und: Die Uniformierungstendenz durch das Netz. In der Gleichförmigkeit einer eher gleichgerichteten Berichterstattung werden Vielfalt und Pluralität erheblich reduziert.

  10. Es gibt Klage über den erheblichen Mangel an Transparenz darüber, wie Journalisten ihren Beruf ausüben und was die Bedingungen ihrer medialen Professionalität sind. Wie, warum und auf welcher Grundlage entscheiden Journalisten über die Auswahl ihrer Themen, wo es doch täglich tausende Ereignisse gibt – das ist die am häufigsten gestellte Frage in einem medienkritischen Forum. Der Vorwurf: Die Journalisten, die ansonsten alle Zusammenhänge der Welt zu erklären wissen, klären zu wenig über die Zusammenhänge ihrer Arbeit auf.
02.12.2016/MK

Print-Ausgabe 6/2017

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