Ferngesteuert oder selbstgesteuert? Perspektiven der digitalen Dynamik

Vortrag, gehalten am 28. September 2015 bei den „Cologne Conference Futures“

Von Dirk Helbing

Abstract

Wären unsere Entscheidungen, ja, wäre unsere Gesellschaft besser, wenn wir über größere Datenmengen verfügen würden? Könnte ein weiser König oder ein gutwilliger Diktator mit Big Data die beste aller Welten schaffen? Überraschenderweise müssen wir diese Frage verneinen. Bereits die Grundannahmen hinter dieser Vorstellung sind fehlerhaft. Sowohl der Versuch, eine Kristallkugel zu bauen, um unsere Zukunft vorhersagen zu können, ist zum Scheitern verurteilt, wie auch das Unterfangen, einen Zauberstab zu entwickeln, um die Zukunft zu kontrollieren. Beides unabhängig davon, wie mächtig die Informationssysteme sind, die wir noch entwickeln.

Es stimmt: Wir haben die Zeit, in der wir über zu wenige Daten verfügten, um überhaupt Tatsachenentscheidungen zu treffen, hinter uns gelassen. Dennoch gibt es eine Lücke zwischen unserem globalen System, den Daten, die wir von ihm haben, und der Rechenleistung, um diese Daten zu verarbeiten. Der Abstand wächst rasch und beständig. Ist also der Kampf gegen die Komplexität von vornherein verloren? Ja, das ist er. Dann jedenfalls, wenn wir nicht lernen, die Komplexität für uns zu nutzen. Das kann uns mit dem Wechsel von zentralisierten Kontrollmechanismen zu Mechanismen mit verteilter Kontrolle gelingen.

 Der folgende Text ist das Transkript des Vortrags von Dirk Helbing, gehalten am 28. September 2015 bei den „Cologne Conference Futures“, abgedruckt  im Medienkorrespondenz-Sonderheft Medienevolution, MK-Ausgabe Nr. 20 vom 30. September 2016.

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Dieser Tage sind wir natürlich alle bewegt vom VW-Skandal. Wir machen uns Sorgen um die Auswirkungen für Deutschland, für die Marke „Made in Germany“. Das ist natürlich nicht der erste Fall von Vertrauensverlust, wo sich eine Branche selbst demontiert hat. Wir kennen das aus der Bankenbranche zum Beispiel auch. Und das zeigt uns schon, wie groß die Herausforderungen sind, vor denen wir heutzutage stehen. Es ist wirklich die Frage: Wie finden wir den Weg in diese digitale Gesellschaft, in diese digitale Zukunft?

Wir können sicherlich viele Fehler dabei machen. Und deswegen möchte ich ganz gerne an ein Projekt erinnern, das versucht hat, hier einen Meilenstein zu setzen, Orientierung zu geben: FuturICT. Dieses Projekt hatte drei Haupt­komponenten: Es wollte mit einer Milliarde Euro Fördergelder ein planetares Nervensystem bauen, um

1. Daten über diese Welt zu generieren,

2. diese Daten zu verwenden, um etwas zu lernen über die möglichen Alternativen, die wir haben, und

3. ein partizipatives System zu kreieren, so dass jeder diese Daten nutzen könnte.

Dieses Projekt war damals wirklich auf einem sehr guten Weg. Es gab weit über hundert akademische Institutionen, die sich beteiligen wollten. Es gab viele Forschungsorganisationen, die es unterstützt haben, und auch viele Unternehmen. Überdies war es so, dass wir damals der Favorit waren im Rahmen dieses Flagship-Wettbewerbs und trotzdem wurden wir dann, wie der Vorredner es formuliert hat, „dem Schöpfer vorgestellt“. Das heißt, dieses Projekt wurde abgesägt, und Sie werden vielleicht auch im Lauf des Vortrags besser verstehen, warum.

Das Datenvolumen explodiert, die Verarbeitungskapazität hält nicht Schritt

Ich denke, es ist jetzt an der Zeit, diesen Fehler zu korrigieren. Nicht um eine offene Rechnung zu begleichen, sondern weil es wirklich darum geht, die Zukunfts­herausforderungen zu bewältigen. Lange Zeit haben wir an eine magische Formel geglaubt, die da heißt: Mehr Daten bedeutet mehr Wissen, mehr Wissen bedeutet mehr Macht und mehr Macht bedeutet mehr Erfolg. Leider Gottes funktioniert diese Formel nicht und Sie werden nach diesem Vortrag verstehen, warum wir einen anderen Ansatz brauchen.

Warum kann ich das behaupten? Wir haben natürlich mehr Daten denn je, die beste Wissenschaft, die beste Technologie und die besten Absichten. Und trotzdem stehen wir in der Welt vor einem Berg von Problemen, die ungelöst sind, wie der Klimawandel, die Finanz- und Wirtschaftskrise, die Schuldenkrise und schließlich die Instabilität des Friedens, die wir, glaube ich, alle spüren. Woran liegt das? Wie kann das sein?

Zunächst einmal sieht es eigentlich ganz gut aus, denn jetzt haben wir endlich Daten, mit denen wir evidenzbasierte Entscheidungen treffen können. Big Data bietet uns natürlich neue Möglichkeiten. Aber was wir feststellen, ist, dass das Datenvolumen schneller wächst als die Verarbeitungskapazität. Es klafft eine Lücke auf, die immer größer wird. Das heißt, wir müssen eigentlich wissen, welche Daten wir uns anschauen. Aber wer sagt uns das? Es gibt also Dark Data, und wenn wir die Aufmerksamkeit auf die falschen Daten lenken, dann werden wir in die Irre geführt.

Daneben gibt es eine andere Entwicklung: Die Systemkomplexität explodiert noch viel schneller als das Datenvolumen. Das liegt natürlich an den kombinatorischen Möglichkeiten, die entstehen, indem wir Systeme miteinander vernetzen, so dass dadurch neue Systeme entstehen. Das führt letzten Endes dazu, dass all diese Daten nicht reichen, um unsere Systeme – also jedenfalls die komplexen – top-down zu kontrollieren. Und es braucht einen völlig neuen Ansatz, nämlich den der verteilten Kontrolle.

Vom Versagen der Top-down-Kontrolle bei komplexen Systemen

In der Tat ist es so, dass viele der Probleme, die wir in dieser Welt nicht gelöst haben, aus der Komplexität der Systeme resultieren und aus systemischen Instabilitäten, die damit verbunden sind. Ein schönes Beispiel, das Sie alle kennen: Der Stau aus dem Nichts. Wir haben mathematische Modelle, die uns erläutern, warum diese Staus aus dem Nichts passieren. Und zwar geschehen sie ab einer gewissen kritischen Dichte, so dass die Abstände zu gering sind, als dass man auf zufällige Schwankungen der Geschwindigkeiten rechtzeitig reagieren könnte. Dadurch schaukeln sich kleine Schwankungen der Geschwindigkeit auf. Es entsteht eine Art Dominoeffekt und am Ende passiert etwas, das keiner wollte: Die Fahrzeuge kommen zum Stehen.

Das ist typisch für systemische Instabilität: Egal, wie viele Daten, wie viel Technologie wir haben, wie sehr wir uns anstrengen – diese Systeme können außer Kontrolle geraten. Andere Beispiele sind Instabilitäten in Lieferketten oder Booms und Rezensionen – der Stop-and-Go-Verkehr der Weltwirtschaft. Auch Crowd Disaster – da möchte keiner irgendjemanden umbringen, trotzdem passiert es. Aber auch Tragödien der Allgemeingüter: Wir wollen sicherlich nicht die Meere zum Umkippen bringen, trotzdem überfischen wir sie. Ähnliche Probleme kennen wir aus anderen Umweltsystemen. Weitere Beispiele sind soziale Konflikte, Revolutionen.

Die Frage ist: Warum passiert das alles? Warum kriegen wir das nicht in den Griff? Es basiert auf diesen Kaskaden-Effekten: Eine kleine lokale Störung kann das gesamte System durcheinanderbringen. Beispiel: die Finanzkrise. Nachdem Lehman Brothers Pleite gegangen ist, hat es noch Hunderte von anderen Banken erwischt und das kostete letzten Endes Hunderte von Milliarden.

Wie können wir diese Systeme beherrschen? Es braucht eben nicht mehr Power, sondern letzten Endes mehr Weisheit. Wir wissen das eigentlich von unserem Körper: Das ist auch ein komplexes dynamisches System. Wir wissen: Mehr Medizin hilft nicht mehr, es kann eher den Körper vergiften. Wir müssen genau wissen, welche Medizin wir wann in welcher Dosis einsetzen. So ist das mit unserer Gesellschaft auch. Top-down-Kontrolle funktioniert in der Gesellschaft nicht gut genug. Man kann die Gesellschaft nicht steuern wie einen Bus. Die größten Sicher­heits­gewinne im Bereich der Flugsicherheit wurden erzielt nicht durch Technologie, sondern indem man eine neue Kultur eingeführt hat, dass die Kopiloten nämlich die Piloten in Frage stellen durften. Genauso wird die Katas­trophe in Fuku­shima nicht etwa eingeschätzt als Naturkatastrophe, sondern als menschliches Versagen. Man hat nämlich auch dort die Vorgaben von oben zu reflexionslos akzeptiert und nicht widersprochen.

Ein anderes aktuelles Beispiel vom September 2015: 5000 Überwachungskameras und 100.000 Sicher­heitsleute waren nicht genug, um die Sicherheit in Minā bei Mekka zu gewährleisten – über 700 Menschen sind bei einer Massen­panik tragisch gestorben. Das heißt, der Überwachungsstaat wird nicht Sicherheit garantieren können. Wir brauchen hier einen völlig neuen Ansatz. Ein anderes Beispiel: Migration. Die höchsten Mauern helfen nicht. Und wenn Sie es immer noch nicht glauben: Berlin mit seinem Flughafen ist natürlich das beste Beispiel für ein System, das unbeherrschbar ist, weil es offensichtlich zu komplex ist.

Bottom-up-Organisation vs. Top-down-Regulierung

Wie gehen wir also mit diesen Herausforderungen um? Klassischerweise haben wir eigentlich zwei Ansätze. Der eine basiert auf der Idee, dass sich die Gesellschaft selbst organisieren könnte: Bottom-up. Jeder macht das, was er für das Richtige hält, dann sollte das eigentlich zum Besten der Gesellschaft und der Wirtschaft sein. Die Vorstellung ist also, dass das funktioniert wie bei einem Vogel­schwarm. Wir kennen das auch von Fischen, von Ameisen, von Bienen und so weiter. Das kann ganz wunderbar funktionieren, aber manchmal geschieht es eben nicht von alleine. Es entstehen Tragödien der Allgemeingüter – Umweltverschmutzung oder eben auch Finanzkatastrophen – und das bedeutet: Wir können ein System nicht einfach sich selbst überlassen. Es wird nicht unbedingt immer von selbst das Beste tun.

Deswegen kommt der Staat ins Spiel und sagt: Ja, wir müssen Leitplanken setzen. Regulierung ist erforderlich. Jedes Jahr haben wir Hunderte oder Tausende neue Gesetze. Nur ist das auch nicht die Lösung, es hat zu Überregulierung geführt. Wir brauchen eigentlich mehr Innovationen, aber die Manager beklagen sich, dass sie zu stark behindert würden in ihrer Tätigkeit. Ganz nebenbei gesagt: Es ist auch ein System, das unbezahlbar geworden ist. Alle Industrie­nationen – vielleicht mit der Ausnahme der Schweiz – sind völlig überschuldet, 100 bis 200 Prozent des jährlichen Bruttosozialprodukts an Schulden. Kein Mensch hat jemals gesagt, wie man das wieder zurückzahlen soll. Ein ungelöstes Problem. Und deswegen brauchen wir einen neuen Ansatz.

Die Grenzen von Big Data

Da kommen natürlich diese ganzen Daten, die jetzt verfügbar werden, wie gerufen. Innerhalb von einer Minute schicken wir 700.000 Google-Anfragen. Wir erstellen 500.000 Facebook-Posts. Wir gehen einkaufen, das hinterlässt Daten­spuren. Wir bewegen uns, das hinterlässt Datenspuren. Big Data häuft sich an. Und die Leute sagen: Das ist das Öl der Zukunft.

Man kann damit sicherlich viel Geld machen, aber man kann auch andere schöne Sachen machen. Wir können die Welt neu vermessen. Und zwar zum Beispiel mit diesem Smartphone, das wir alle in der Tasche tragen – darauf komme ich nachher noch zu sprechen. Mit den Daten können wir besser verstehen, wie sich internationale Spannungen ausbreiten – etwa wie der Irakkrieg im Lauf der Zeit die gesamte Region destabilisiert hat. Epidemische Ausbreitung ist mittlerweile viel besser verstanden und bis zu einem gewissen Grad auch antizipierbar. Auch die Verbreitung von Wissen ist natürlich von großem Interesse und wir können heutzutage die Ausbreitung von einzelnen wissenschaftlichen Konzepten und Ideen nachvollziehen und visualisieren, sogar die Ausbreitung von Kultur über Tausende von Jahren. Alleine aus Geburts- und Todesdaten kann man unglaublich viel herauslesen.

Die Frage ist: Was können wir sonst noch alles tun mit diesen Daten? Da gibt es natürlich Chris Anderson, der behauptet hat: Es naht das Ende der Theorie; dieser Überfluss an Daten macht eigentlich die wissenschaftliche Herangehensweise überflüssig. Und es entstand die Vorstellung, wir könnten irgendwann alles wissen, was auf dieser Welt passiert. In Echtzeit. So, als hätten wir eine Kristall­kugel und könnten möglicherweise noch voraussagen, was in Zukunft passiert. Mit all diesen Daten könnten wir die Welt durchoptimieren. Das ist die Frage, die sich manche gestellt haben: Könnten wir sozusagen wie ein wohlwollender Diktator oder wie ein weiser König die Welt verbessern? Und da ist Skepsis angebracht, denn Big Data ist keineswegs das universelle Tool, das es häufig vorgibt zu sein.

Big Data enthüllt oft nicht die Ursache. Wenn wir in den Himmel schauen, dann sehen wir Sternbilder, aus wissenschaftlicher Sicht haben diese Muster aber keine Bedeutung. Vergleicht man die Daten des jeweiligen Schokoladenkonsums innerhalb der westlichen Industrieländer mit der Anzahl der Serienkiller pro Einwohner, sieht es so aus, als würde es da eine Korrelation geben. Wenn das wirklich der Fall wäre, dann würde man in der Schweiz sehr gefährlich leben. Aber offensichtlich hat das weiter nichts zu bedeuten.

Ein anderes Problem, das man bei der Big-Data-Analyse hat, ist natürlich, gute und schlechte Risiken voneinander zu trennen. Versicherungen machen das gerne bei ihren Versicherten. Die Staatssicherheit möchte gerne herauslesen: Wer ist Terrorist, wer ist ein guter Bürger? Doch leider Gottes kann man das oft nicht so klar voneinander trennen. Es gibt hier in die eine und in die andere Richtung Fehlalarme, übersehene Risiken und nebenbei eben auch das Problem der Diskriminierung. Denn wenn wir zum Beispiel die Ernährung heranziehen, um zu bestimmen, wie viel jemand für seine Versicherung bezahlen soll, dann würden wir wahrscheinlich nebenbei, ohne dass es beabsichtigt ist, verschiedene Tarife haben für Christen, Juden und Muslime. Sicherlich wäre das eine Diskriminierung, die zu vermeiden wäre.

Skepsis gegenüber der Superintelligenz

Wir brauchen also etwas Besseres als Big Data. Und da könnte man an künstliche Intelligenz denken. In der Tat ist es so, dass nicht nur die Datenmengen und Prozessorleistungen explodieren, sondern die künstliche Intelligenz genauso. Innerhalb von fünf bis vierzig Jahren – da gibt es unterschiedliche Schätzungen – werden Computer menschliche Leistungsfähigkeit, also quasi die Fähigkeit des Gehirns erreichen und überschreiten. Wir haben schon vor vielen Jahren gesehen: Intelligente Maschinen spielen besser Schach. Wir wissen, dass sie viele Arbeiten besser und billiger verrichten. Bald werden sie vielleicht die besseren Auto­fahrer sein. Sie sind oft besser in der Beantwortung von Fragen und vielleicht bald auch die besseren Ärzte.

Lange Zeit hat künstliche Intelligenz keine Fortschritte gemacht. Aber heutzutage wird sie nicht mehr Zeile für Zeile programmiert, sondern diese Systeme entwickeln sich von selbst. Roboter können lernen. Sie könnten auch andere Roboter bauen, klügere Roboter. Das heißt, sie vermehren sich eigentlich bzw. sie können es zumindest. Und sie können sich auch weiterentwickeln: Eine Roboterrevolution sozusagen. Insofern lautet die Frage: Wären superintelligente Maschinen möglich? Und da ist ein Stichwort: Deep Learning.

Bis vor kurzem hat man davon nicht viel gehört, aber heute ist das ein ganz großes Thema. Und man muss sich fragen: Warum werden jetzt eigentlich alle so nervös bei dem Thema Superintelligenz? Insbesondere merkwürdigerweise im Silicon Valley. Elon Musk hat gesagt: „Ich denke, wir müssen wirklich sehr vorsichtig sein mit künstlicher Intelligenz. Es könnte die größte existenzielle Bedrohung der Menschheit sein.“ Er ist nicht allein mit dieser Auffassung. Bill Gates meinte: „Ich bin im Camp derjenigen, die besorgt sind über diese Entwicklung.“ Steve Wozniak, der Apple-Mitbegründer, meinte: „Computer werden uns überholen, keine Frage. Aber werden wir leben wie Götter? Oder werden wir so etwas sein wie Haustiere? Oder wie die Ameisen, die man achtlos zertritt? Das kann ich Ihnen nicht sagen.“

Sicherlich, Superintelligenz-Forschung ist überall auf dem Weg, nicht nur im Silicon Valley. Insbesondere wird auch in China an einem China Brain Project gearbeitet. Baidu, die Suchmaschine, verwendet Nutzerdaten und lässt diese sozusagen lernen. Man versucht dort, die einzelnen Bürger sozusagen auswendig zu lernen und prognostizierbar zu machen. Im Grunde genommen könnte man denken, dass diese digitalen Abbilder uns irgendwann ersetzen bei den Entscheidungen, die zu treffen sind. Zum Beispiel, dass sie mal für uns wählen. Die Frage ist: Wer will das? Und wie würden eigentlich diese superintelligenten Maschinen benutzt?

Wir leben in der Skinner-Box

Das Stichwort ist die „kybernetische Gesellschaft“. Schon vor Jahrzehnten gab es Ansätze in diese Richtung. Chile war das erste Land, hat sich regelmäßig die Produktionsdaten der einzelnen Fabriken melden lassen, um Über- und Unterproduktion zu vermeiden. Aber es gab natürlich den Störfaktor Mensch, der letzten Endes unberechenbar war. Das hat die Wissenschaftler beschäftigt und da gibt es einige, die meinen: Ja, auch diesen Störfaktor kann man ausschließen. Man kann Menschen berechenbar und steuerbar machen.

Das basiert auf der Theorie von Skinner. Sie kennen diese Experimente, wo Tiere konditioniert wurden durch Anreize oder Bestrafung – zum Teil sehr unschöne Experimente. Und die Idee ist: Das könnte man doch auch auf den Menschen übertragen. Wir leben heutzutage in einer Art Skinner-Box. Wir sind mittlerweile die Versuchskaninchen. Wir leben in einer Filter-Bubble, die letzten Endes gegeben ist durch personalisierte Information. Wir sehen die Welt alle unterschiedlich, so wie man sie uns präsentiert, auf unserem Computer, auf unserem iPhone. Und mit diesen personalisierten Informationen kann man unsere Entscheidungen unmerklich beeinflussen. Sie merken das gar nicht. Sie denken, das ist Ihre Entscheidung. In Wirklichkeit hat man Ihnen das untergejubelt. Das heißt, wir werden im Grunde genommen bereits ferngesteuert aus dem Silicon Valley. Das ist der eigentliche Grund, warum all diese Daten über uns gesammelt werden. Terrorismus, okay, natürlich muss der bekämpft werden. Doch es geht hier um die Verhaltens- und Gesellschaftssteuerung.

Dann ist die Frage: Würden wir bestraft, wenn wir uns nicht entsprechend diesen Vorgaben verhalten? Wenn die Skinner-Box das Vorbild ist, dann lautet die Antwort: Ja, genau das würde passieren. Wie könnte das gemacht werden? Mit personalisierten Preisen.

Wenn Sie das jetzt für übertrieben halten, dann empfehle ich Ihnen, doch ein bisschen im Internet zu suchen. Wir sind so weit, dass China jeden Bürger einschätzt. Jeder bekommt ein bestimmtes Rating, einen Score, und der hängt nicht nur davon ab, ob man seine Kredite pünktlich zurückbezahlt, sondern auch davon, was man im Internet anklickt, ob man die richtige Gesinnung hat und so weiter. Und das entscheidet darüber, welche Konditionen man beim nächsten Kredit bekommt oder ob man einen bestimmten Job bekommt oder nicht. Und ähnliche Dinge sind auch in westlichen Ländern unterwegs. Das Stichwort – wir haben gerade erst vor wenigen Tagen darüber gelesen – ist „Karma Police“.

Das „China-Modell“ ist keine Alternative

Schauen Sie einmal nach bei „The Intercept“, dann werden Sie sehen, was die Entwicklungen sind. An US-Flughäfen haben wir das schon seit einiger Zeit. Da werden Sie eingeschätzt, ob Sie möglicherweise gefährlich sind: Wenn Sie gähnen, wenn Sie lachen, wenn Sie sich die Haare kämmen oder sonst wie nervös sind, dann gibt das Minuspunkte. Das ist natürlich erschreckend, funktioniert auch nicht, aber trotzdem sind diese Verfahren im Einsatz.

Dann wissen wir alle: „Predictive Policing“ ist auf dem Weg. Da hängt Ihr Schicksal nicht nur davon ab, was Sie machen, sondern auch davon, was Ihre Nachbarn machen und gemacht haben. Und wenn Sie dann ins Gefängnis kommen, dann hängt letzten Endes die Dauer, die Sie sitzen, auch von der Einschätzung eines Computeralgorithmus ab, ob Sie in Zukunft irgendwelche Straftaten begehen würden oder nicht. Das heißt, Dinge, die Sie noch gar nicht getan haben, gehen da schon in die Bestrafung mit ein.

Das bringt uns zu der Schlussfolgerung, dass hier die Gefahr besteht, dass wir mehr oder weniger alles verlieren könnten, was wir innerhalb von Jahrzehnten und Jahrhunderten aufgebaut haben. Ich werde das gleich noch etwas näher belegen. Arbeit ist in Gefahr, das werden wir gleich sehen. Die Selbstbestimmung, Freiheit, Menschenwürde (wenn wir gläsern sind, dann haben wir keine Menschenwürde), die Annahme der Unschuld (im Grunde ist heute jeder verdächtig, auch derjenige, der nichts angestellt hat), Fairness, Gerechtigkeit, die Möglichkeit, seine eigenen Ziele zu verfolgen, glücklich zu werden, Pluralismus und Demokratie sind in Gefahr. Und meiner Meinung nach auch Sicherheit und Frieden.

Die Frage ist: Müssen wir das hinnehmen? Ist das die natürlich Entwicklung der Geschichte? Ist Demokratie vielleicht veraltet? Gehen wir einfach mal gedanklich durch diese Überlegung hindurch, denn sie ist höchst wichtig dafür, um zu entscheiden, was eigentlich das Richtige ist.

Manche denken sich: Mensch, wäre das schön, wenn wir die Zeiten hätten von Ludwig XIV., wenn die Französische Revolution nicht passiert wäre, dann könnten wir doch viel schneller entscheiden, alles wäre viel effizienter. Wir könnten ein Einkaufszentrum hier hinstellen und eine Stadt da und einen Flughafen dort und so weiter. Das Ganze ist im Umlauf unter der Namen „China-Modell“. Und viele denken, bei den Wachstumsraten, die China hat, müssten wir das auch machen. Wie sollen wir sonst im globalen Wettbewerb bestehen?

Aber auch mit aller Superintelligenz, wenn wir sie hätten, würden Fehler manchmal vorkommen. Davor schützt uns auch alle Macht nicht. Dann gibt es eben diese Shoppingmalls, wo niemand einkaufen geht, und Geisterstädte, die gebaut wurden, in denen aber keiner wohnen möchte. Es gibt Smog, der die Städte fast schon unbewohnbar macht, Katastrophen wie die Chemiekatastrophe in Tianjin und schließlich auch diesen Meltdown, den wir an den asiatischen Finanz­märkten kürzlich gesehen haben. Das heißt, alle Macht, die der chinesische Präsident und der Parteiapparat dort haben, nützt nichts, um diese Probleme in den Griff zu bekommen. Das heißt, dieses Herrschaftsmodell funktioniert auch nicht so gut, wie man lange dachte. Im Übrigen war es prognostizierbar, dass 2015 Probleme auftreten würden, und genauso ist es gekommen.

Veränderungen der gesamten Ökonomie, der gesamten Politik

Aber warum funktioniert das eigentlich nicht? Es hört sich doch so plausibel an, dass der Apfel gesünder ist als die Schokolade und dass man den Leuten eben einen Stups geben sollte, den Apfel zu essen statt die Schokolade. Leider Gottes ist es so: Äpfel bekommen nicht allen Menschen gut. Ich wäre beinahe mal an einem Apfel gestorben – allergische Reaktion. Wenn Sie zu Ihrem Arzt gehen, sagt der: Nüsse sind gesund. Doch wir wissen alle: Es gibt Allergiker, die könnten einen anaphylaktischen Schock bekommen und daran sterben. Genau genommen gibt es nichts, das für alle gut ist. Das müssen wir wirklich verstehen.

Folglich könnten wir auch viele Fehler machen, vielleicht mehr Fehler als gute Entscheidungen treffen, wenn man bedenkt, dass nur 38 Prozent der Studien in der Psychologie reproduziert werden konnten. Das heißt, die empirische Basis, auf die wir uns abstützen müssten, ist gar nicht so solide, wie wir denken könnten. Deswegen empfiehlt Ihnen auch jeder Ernährungsratgeber etwas anderes, vor allem, wenn Sie das über die Jahrzehnte vergleichen. Die Vorstellung, die Krankenkasse könnte uns sagen, was gut für uns ist, oder der Staat, das halte ich für irrig. Das Prinzip nennt sich „Nudging“. Ein Ansatz, der Menschen mit Informationen so manipuliert, dass sie bestimmte Dinge tun. Man muss da wirklich vorsichtig sein.

Gut, unser Verhalten ist voraussagbarer als gedacht. Es gibt Firmen wie Recorded Future, die 90 Prozent unserer Tagesabläufe voraussagen können. Wir sind eben Gewohnheitstiere, wir haben unseren Zyklus. Jede Woche ist ähnlich gestaltet, bei vielen Menschen zumindest. Und trotzdem: Interaktionen können alles ändern. Sie kennen das: Irgendwann begegnen Sie einem Menschen, Sie verlieben sich. Das verändert Ihr Leben. Und wenn Sie Politiker sind, vielleicht auch das Leben der ganzen Nation. Vielleicht schreibt es Geschichte. Das heißt, in komplexen, dynamischen Systemen gibt es grundsätzliche diese Begrenzung der Voraussagbarkeit.

Wir haben auch Experimente im Labor gemacht. Wir haben Modelle, die 96 Prozent aller Entscheidungen korrekt voraussagen. Trotzdem ist es so, dass das Gesamtergebnis nicht vorausgesagt wird von diesem Modell. Und in dem Moment, wo man Rauschen dazu addiert, das Modell also weniger genau macht, macht es bessere Voraussagen. Wir müssen wirklich unsere Vorstellungen von komplexen System völlig überdenken.

Ganz nebenbei gesagt ist es so, dass wir natürlich in unserer Gesellschaft vor riesigen Herausforderungen stehen, die alles andere als voraussagbar sind und wahrscheinlich auch nur sehr begrenzt kontrollierbar. Elon Musk hat zum Beispiel geschrieben: „Superintelligenz ist potenziell gefährlicher als Nuklear­waffen.“ Was könnte er damit gemeint haben? Das ist übrigens ein Bild, das auch bei Venture-Kapitalisten im Silicon Valley zum Teil gefunden wird, diese Vorstellung: Wir müssen die alten Strukturen zerstören. „Disruptive Innovation“, das ist das Paradigma des Silicon Valleys. Folglich ist es auch so, dass 40 Prozent der Top-500-Firmen verschwinden werden in den nächsten zehn Jahren. Darauf müssen wir uns gefasst machen.

Unsere Wirtschaft und Gesellschaft sind im Gange, die Art und Weise zu verändern, wie wir shoppen (heutzutage natürlich viel im Internet), wie wir produzieren (zunehmend mit 3D-Printern), wie wir uns bewegen werden (mit selbstfahrenden Fahrzeugen) oder wie wir Güter transportieren (mit Drohnen). Auch die Forschung verändert sich. Big Data Analytics wird eine vierte Säule der Forschung. Ebenso das Erziehungssystem, durch „Massive Open Online Classes“ zum Beispiel: Plötzlich können wir Millionen von Menschen gleichzeitig aus­bilden. Ich will nicht sagen, dass das die beste Möglichkeit der Ausbildung ist. Doch all diese Dinge passieren jetzt. Und auch die gesamte Ökonomie und Politik werden sich verändern. Sogar der Krieg.

Beispiele: Uber fordert die gesamte Taxi-Branche heraus. Meiner Meinung nach werden die auch noch das gesamte Weltlogistiksystem herausfordern. Airbnb fordert die gesamte Hotelbranche heraus. Dann gibt es heutzutage 3D-Drucker für Häuser, das fordert die Baubranche heraus. Ein chinesischer Bauunternehmer hat sich zum Ziel gesetzt, bis zum Ende seines Lebens das höchste Gebäude der Welt innerhalb von einer Woche zu bauen. Und vielleicht wird er es tun. Dann haben wir plötzlich Bitcoin, das fordert die Banken heraus. Sind sie überhaupt noch notwendig, fragen sich auch die Bankmanager mittlerweile besorgt. Blockchain soll aus der Sicht von bestimmten Leuten die Basis sein für die Organisation der Gesellschaft. Die meinen im Grunde genommen, dass die Politik abgeschafft gehört, dass alles nur noch zwischen Individuen ausgehandelt wird. Hier wird wirklich alles weggeblasen mit diesen neuen Technologien.

Eine Gefahr für die Demokratie

Auf jeden Fall ist es so, dass wir vor einer neuen Ökonomie stehen. Unsere Ökonomie hat sich schon mehrfach transformiert: Von einer Agrargesellschaft zur Industriegesellschaft, dann schließlich von der Industrie- zur Servicegesellschaft. Und jetzt kommt schließlich eine neue Wirtschafts- und Gesellschaftsform auf: die digitale Gesellschaft. Das ist einfach ein Name, natürlich ist die Gesellschaft nicht digital.

Das geht einher damit, dass etwa 50 Prozent der heutigen Jobs durch Computer, durch Algorithmen, durch Roboter übernommen werden, voraussichtlich innerhalb der nächsten zehn bis zwanzig Jahre. Das wird natürlich die Gesellschaft unglaublich stark herausfordern, da bleibt kein Stein auf dem anderen. Ausgerechnet bei den jungen Menschen, die eigentlich besser mit diesen neuen Technologien umgehen können müssten, ist die Arbeitslosigkeit besonders hoch, in manchen Ländern über 50 Prozent. Und das ist in der Tat eine Bedrohung für den sozialen Frieden in Europa. Es gibt gerade mal noch vier Länder, in denen junge Menschen noch gut Arbeit finden: Deutschland, die Schweiz, Österreich und Norwegen.

Es sieht so aus, als stünde Europa der Kollaps bevor – ich hoffe, es wird nicht passieren, aber es wird allerhöchste Zeit, dass wir wirklich die richtigen Maßnahmen ergreifen, solange wir noch Geld und Zeit haben, um hoffentlich unbeschadet in dieses Zeitalter einzutreten. Denn all diese Transformationen in der Vergangenheit, die ich eben erwähnte, die gingen nicht glatt ab, leider, sondern es gab Finanz- und Wirtschaftskrisen. Es gab Revolutionen und Kriege. Nun, Finanz- und Wirtschaftskrisen, die haben wir ja schon. Jetzt wollen wir wenig­stens die Revolutionen und Kriege vermeiden, und das ist schwierig genug. Denn wir könnten sehr leicht in die Situation kommen, dass wir, wie ich gleich noch erläutern werde, unsere heutige Wirtschaftsform und die Demokratie verlieren. Und die Frage ist: Sind wir auf einem solchen Pfad oder kriegen wir noch die Kurve, indem wir Kapitalismus und Demokratie neu erfinden und sie mit neuen Technologien – konkret dem Internet der Dinge – glücklich verheiraten?

Wenn Sie das für übertrieben halten, dann möchte ich doch einige Artikel in Erinnerung rufen aus Zeitungen, die als seriös angesehen werden. „The Economist“ titelte zum Beispiel: „Wealth without workers, workers without wealth“, „Spiegel Online“: „Der Kapitalismus funktioniert nicht mehr“, die „Zeit“: „Der Kapitalismus in der Reichtumsfalle“ – diese Artikel hatten wir vor zehn Jahren so noch nicht. „Is Democracy Dead?“, fragt Tony Blair in der „New York Times“. „Die Demokratie – ein Auslaufmodell“, schreibt die „Welt“. Das muss einem schon Angst machen und wir müssen uns die Frage stellen: Ist das jetzt so oder ist die Demokratie doch noch etwas wert? Ist sie die Zukunft, wenn wir sie sozusagen mit einer Frischzellenkur neu beleben?

Genau im richtigen Moment: Neue Argumente

Bis vor kurzem war es die Idee, die Probleme der Welt durch Top-down-Kontrolle, durch eine zentralisierte Technologie zu lösen, die letzten Endes unsere Entscheidungen steuert. Ich empfehle Ihnen das Buch „Die Herrschaftsformel“ von Kai Schlieter – es sollte ursprünglich am 15. September 2015 erscheinen; aus mysteriösen Gründen erschien es dann erst zehn Tage später, an jenem Tag, an dem die UN-Agenda 2030 veröffentlicht wurde. Zu der muss ich sagen: Ein großes Lob an die Politik – ich habe das Gefühl, wir haben gerade noch rechtzeitig die Kurve gekriegt. Das kam ziemlich vom Himmel her, hat man das Gefühl, ein Überraschungsmoment, und viele Leute glauben, dass es eigentlich beabsichtigt war, die Klimaveränderung als Mechanismus zu verwenden, um zu sagen: Ja, jetzt brauchen wir global koordinierte Maßnahmen.

Vorher war die Vorstellung, diese Top-down-Steuerung oder die Unternehmen würden es schon richten. Das hat aber nicht funktioniert und darauf haben gerade in letzter Zeit einige Leute aufmerksam gemacht. Ich glaube, der Punkt, warum wir wirklich so erfolglos darin waren, die Überwachungsgesellschaft infrage zu stellen, war der, dass wir nicht verstanden haben, was wirklich dahintersteckt. Die Politik wollte das Beste, sie wollte die Welt kontrollierbar machen, und wir haben oft argumentiert auf der Basis der Demokratie: Das ist doch nicht vereinbar mit dem Grundgesetz und so weiter und so fort. Aber wenn man meint, die Demokratie ist ein Auslaufmodell und man braucht etwas anderes, dann ziehen all diese Argumente nicht. Die Argumentation muss wirklich aus der Perspektive der zukünftigen Gesellschaft kommen.

Und zum Glück kamen dann rechtzeitig noch – im letzten Moment, möchte ich sagen – einige Stimmen, die es geschafft haben, diese Argumente einzuspeisen. Ich habe an einem Buch gearbeitet, „The Automation of Society is Next: How to Survive the Digital Revolution“ , das auch in diese Richtung argumentiert und dafür gesorgt hat, dass das auch politisch in verschiedenen Ländern wahrgenommen wird. Und so hoffe ich denn, dass wir jetzt tatsächlich auf dem richtigen Weg sind. Unsere Gesellschaft wird sich transformieren, das hatte ich vorher schon gesagt, und sie wird hoffentlich von der Raupe zu einem schönen Schmetterling – einer besseren Welt, wenn wir es besser machen. Zwischendurch ist es vielleicht ein bisschen hässlich, aber da müssen wir durch.

Wo geht es hin? Ich glaube, dass das Stichwort Aufklärung – in diesem Fall digitale Aufklärung – wirklich zentral sein muss. „Medienkompetenz“, wie man hier sagt. Und dass wir uns aus dem befreien müssen, was manche Leute als „digi­tale Leibeigenschaft“ oder „Feudalismus 2.0“ beschrieben haben. Das bedeutet: die Entscheidungshoheit wieder an Individuen, an verschiedene Institutionen zurückzugeben, aber unterstützt durch digitale Technologien, digitale Assistenten, die uns erlauben, verschiedene Ziele auszuwählen, zwischen ihnen zu wählen und die uns dann bei der Umsetzung und Erreichung dieser Ziele so gut wie möglich unterstützen.

Ein globaler Ansatz für globale Probleme

Wir kommen jetzt also zu neuen Ansätzen und die Frage ist: Wie sollten wir eigentlich Computerpower in Zukunft benutzen? Da ist wirklich entscheidend, dass wir Systeme, insbesondere komplexe Systeme, besser verstehen. In der Tat ist es so, dass Googles Flu Trends lange als Paradebeispiel für das Big-Data-Paradigma galt. Dann stellte sich heraus: Es funktioniert gar nicht so gut und es gibt heutzutage bessere Ansätze, die mit wesentlich weniger Daten arbeiten. Wenn man berücksichtigt, dass sich Krankheiten ausbreiten, indem Leute von A nach B reisen und von B nach C, also das Flugverkehrsaufkommen in ein Modell einspeist, dann plötzlich wird die Ausbreitung von Epidemien voraussagbar. Und das funktioniert wesentlich besser als ein reiner Big-Data-Ansatz. Das heißt, Modelle helfen uns zu entscheiden, wie wir Daten anschauen müssen. Erst dann werden diese Daten nützlich für uns.

Es gibt Modelle für viele Phänomene, für Fußgänger, für Crowd Disaster, für Verkehr, für wirtschaftliche Booms und Rezessionen, für den Ausfall von Power Grids, für die Zuverlässigkeit von Gasversorgung, aber auch für Dinge, die wirklich schwieriger zu verstehen sind: für soziales Verhalten nämlich, für Koordination, für Kooperation, für Ausbreitung von Kriminalität, für die Entstehung von moralischem Verhalten, von sozialen Präferenzen, von sozialen Normen, aber auch für die Entstehung von Konflikten. Es gibt die Idee, man könnte doch diese verschiedenen Modelle zusammenfügen und auf diese Art und Weise besser verständlich machen, was eigentlich in unserer Welt passiert. Das würde dann so ähnlich passieren wie bei der Wettervorhersage: Am Anfang sind die Modelle noch nicht sehr gut, aber im Lauf der Zeit würden sie immer besser und immer nützlicher werden. Doch der Hauptpunkt ist: Um die Welt zu verstehen, brauchen wir eigentlich weniger Daten, als wir denken würden, aber mehr Zusammenarbeit und viele verschiedene Perspektiven.

Es erfordert also Interdisziplinarität und es erfordert einen globalen Ansatz, eine globale Anstrengung, um globale Probleme anzugehen. Viele Probleme sind heutzutage global. FuturICT hat tatsächlich über 30 Länder an Bord bekommen, diese Community ist eigentlich startklar, wir könnten loslegen, es fehlt nur noch der Startschuss.

Um mit der irrsinnigen Geschwindigkeit, in der sich unsere Welt verändert, Schritt zu halten, brauchen wir mehr Partizipation. Das ist auch der Grund, warum Stichworte wie Crowd Sourcing, Crowd Funding, Collective Intelligence, Citizen Science und so weiter plötzlich so wichtig werden. Vieles spricht für eine internationale Kooperation und man kann diese auch so gestalten, dass sie vereinbar ist mit kompetitiven Vorteilen, wenn wir Mechanismen einführen, die auf Reputation, Qualifikation und Merits beruhen. Aber das Entscheidende ist wirklich, dass wir lernen, wie wir die besten Ideen und das beste Wissen zusammenbringen.

Wir brauchen kollektive Intelligenz

Kollektive Intelligenz ist wirklich das, was wir brauchen, um die Komplexität der Welt noch einigermaßen zu verstehen. Das Interessante dabei ist: Nicht der beste Ansatz, der klügste Kopf, der größte Supercomputer gewinnt, sondern die Diversität, die Kombination von verschiedenen Perspektiven – das ist wirklich sehr überraschend und das zeigt uns den Weg in die Zukunft. In der Tat weiß man, dass die diversifiziertesten Ökonomien die erfolgreichsten sind. Das gleiche gilt für Innovation, die passiert nämlich dort, wo es am meisten Diversität und Freiheit gibt.

Wie können wir diesen Ansatz der kollektiven Intelligenz nun also umsetzen? Wie können wir der Demokratie eine Frischzellenkur verpassen? Ich sprach vorhin von diesen digitalen Assistenten. „Online Deliberation Platforms“ werden in diesem Zusammenhang wichtig werden, wo die Argumente alle auf den Tisch kommen können, wo sie sortiert werden können, wo sie kondensiert werden können auf verschiedene Perspektiven, die dann in einem politischen Moderations­prozess integriert würden, um letzten Endes zwei, drei beste Lösungen zu identifizieren, die dann unter Umständen in verschiedenen europäischen Ländern unterschiedlich umgesetzt würden. In dem einen Land würde die eine Lösung vielleicht umgesetzt, in dem anderen die andere, denn Diversität ist wichtig für kollektive Intelligenz, wie ich sagte, aber auch für die Resilienz unserer Gesellschaft und für Innovation.

Nun, was braucht es, damit diese kollektive Intelligenz gedeihen kann? Es braucht unabhängige Entscheidungsprozesse und Diversität, man braucht vertrauenswürdige Informationssysteme und man muss Manipulation vermeiden. Im Unterschied zu dem „Nudging Approach“ – bei dem die Leute dazu gebracht werden sollen, eher den Apfel zu essen als die Schokolade. Ich bin im Übrigen nicht so negativ gegenüber künstlicher Intelligenz eingestellt; ich glaube, es wird darauf hinauslaufen, dass Menschen einfach Bestandteile eines globalen Netzwerks von Intelligenzen sein werden und darunter werden eben auch künstliche Intelligenzen sein.

Eine Welt aus Ideen

Lange Zeit dachte ich, ich würde mein Leben damit verbringen, mehr und mehr und immer bessere Modelle zu entwickeln. Doch dann kam ich zu dem Schluss, dass die Welt sich innerhalb der nächsten zwei bis drei Jahrzehnte so dramatisch transformieren wird, dass sie völlig anders aussehen wird. Und dann macht es keinen Sinn, eine Welt zu beschreiben, die eine Vergangenheit sein wird. Die Frage ist also: Wie bereiten wir uns eigentlich vor auf das, was da kommen wird?

Wir müssen also über die neuen organisatorischen Prinzipien der Welt nach­denken. Sie wird nach anderen Regeln funktionieren und das braucht Mechanismus- und „Systems Design“. Die Vorstellung ist: Wenn wir nur die Kräfte verstehen – mit den Modellen, die ich vorher genannt habe, die den sozialen und ökonomischen Prozessen zugrunde liegen –, dann können wir diese Kräfte auch für uns einsetzen. Wir würden dann nicht gegen Windmühlen laufen und sie zu bekämpfen versuchen, sondern wir würden sie für uns nutzen, so wie wir das in der Physik und im Ingenieurwesen gelernt haben: die Kräfte der Natur für uns zu nutzen.

Natürlich ist es so: Die richtigen Regeln, die es braucht, sind nicht unbedingt diejenigen, die sich die einzelnen Teilhaber der Gesellschaft wünschen, sondern es sind natürlich diejenigen, die die wünschenswerten Ergebnisse produzieren. Wir werden sehen, dass da Selbstorganisation eine wichtige Rolle spielt.

Es ist wichtig, zu realisieren, dass wir natürlich mehr und mehr Zeit in virtuellen Welten, in Informationswelten verbringen und dass die Zukunft dadurch immer immaterieller wird. Sie wird immer mehr ein Ideenkonstrukt – eine Welt, aus Ideen gebaut. Natürlich brauchen wir weiterhin Wohnungen und Nahrung, das ist klar, aber wir verbringen einfach immer mehr Zeit in diesen Welten. Wir bauen jetzt digitale Kopien dieser Welt, und warum nicht völlig andere digitale Welten, in denen andere Wirtschafts- und Gesellschaftsformen ausprobiert werden können? Und in der Tat, das passiert auch schon.

Dieser Umstand, dass die Welt sozusagen mehr und mehr aus Ideen kreiert wird, ist auch der Grund, warum wir Bits in echten Geldwert umwandeln können. Sie kennen sicherlich aus Ihrer Kindheit diese Geschichte, aus Stroh Gold zu spinnen. Jeder hat davon geträumt, natürlich hat es nicht funktioniert, aber jetzt plötzlich: Bitcoin hat es möglich gemacht.

Der Vorteil kultureller Diversität

Welche Gesellschaften werden führend sein? Diejenigen, die verstehen, wie Information funktioniert, wie man sie am besten nutzt. Information sperrt man nicht wie Gold in einen Tresor, eine Information ist ein vergängliches Gut, sie veraltet schnell. Das Besondere der Information ist, dass wir sie so oft teilen können, wie wir wollen, es ist letzten Endes unsere Entscheidung, und dass wir sie auf Milliarden verschiedene Möglichkeiten verwenden können. Es ist also kein Nullsummenspiel. Es ist so, dass nicht einer etwas abgeben muss, damit der andere mehr davon haben kann. Im Gegenteil! Informationen teilen macht die Informationen oft wertvoller.

Dann ist die Frage: Wie kreieren wir denn nun diese 50 Prozent an neuen Jobs, die zuvor wegfallen werden? Wenn 50 Prozent der Volkswirtschaft wegfallen, müssen wir die halbe Volkswirtschaft neu erfinden. Klassischerweise hat man das meiste Geld gemacht mit Rationalisierung – „Economies of scale“. Jetzt brauchen wir ein ergänzendes Modell und das ist das Modell der Co-Kreation, also der Zusammenarbeit. Es geht also nicht mehr darum, dass man selbst irgendwie versucht, alles zu machen, sondern es geht wirklich um Interaktion, um Zusammenarbeit. Dann kommen wir weg von diesem Paradigma der linearen Innovation, wo alle zwei Jahre ein neues Automodell zum Verkauf gebracht wird. Dann können wir wirklich exponentielle Innovation ermöglichen.

Interoperabilität ist hier wirklich das Stichwort. Je mehr Services, je mehr Produkte es gibt, desto mehr werden möglich. Wenn wir es nur zulassen; es ist unsere Entscheidung, so ein Informations-, Innovations- und Produktions-Ökosystem zu bauen. Die beste aller Welten ist diejenige, die für alle Menschen funktioniert und zu der alle beitragen können. Partizipation ist wirklich entscheidend.

Wir können lernen, soziales Kapital zu bilden. Vertrauen zum Beispiel ist natürlich unglaublich wichtig für unsere Gesellschaft, wir haben damit noch immer Schwierigkeiten. Wir können dieses soziale Kapital jetzt so langsam visuali­sieren und verstehen, was die Grundlage dafür ist. Das ist natürlich auch ein immaterieller Wert, der die Grundlage für unsere Gesellschaft ist. Und wir können vor allen Dingen sozialen und ökonomischen Wert von kulturellen Erfolgsprinzipien ableiten. Das ist ein wichtiger Punkt. Genau an diesen kulturellen Verwerfungslinien, wo verschiedene Kulturen aufeinander­treffen, wo wir Schwierigkeiten gehabt haben zurechtzukommen, genau an diesen Stellen werden neue Produkte und Services entstehen.

Jede Kultur basiert auf Tausenden von verborgenen Erfolgsgeheimnissen. Die saugen wir durch unsere Erziehung in uns auf, in vielen Fällen können wir es nicht explizit formulieren, aber würden wir das explizit machen können, könnten wir all diese Erfolgsprinzipien auf neue Art und Weise miteinander verbinden. Ich nenne das das „Cultural Genome Project“. Und es ist wichtig, dass wir diese kulturelle Diversität haben, jetzt müssen wir nur lernen, mit dieser Diversität umzugehen.

Das heißt, wir brauchen digitale Assistenten, die uns unterstützen, diese Diversität zu verstehen und zu bewältigen. Und in der Tat gibt es erste Beispiele: die Echtzeitübersetzung – Sie laden sich eine App runter, sprechen in Ihr Telefon in einer Sprache hinein, auf der anderen Seite kommt es in einer anderen Sprache heraus. Wunderbar. Und wir können ähnliche Sachen machen, um Situationen zu identifizieren, die wir zu unserem Vorteil verwandeln können, die uns warnen vor Situationen, die zu unserem Schaden wären, und die uns eben dabei helfen, diesen neuen Wert zu generieren. In diesem Zusammenhang sind solche inspirierten Technologien sehr wichtig.

Was zu tun ist

Dadurch, dass diese Welt mehr und mehr aus Ideen bestehen wird, wird Moral – wie wir bei VW auch gesehen haben – wieder viel wichtiger, denke ich. Es ist entscheidend, Folgendes zu verstehen: Power erfordert Vertrauen, Vertrauen erfordert Transparenz. Und wir brauchen geteilte Werte, damit unsere Welt funktioniert. Es ist also kein Wunder, dass der Papst diese Agenda 2030 der UN offiziell eingeläutet hat; das hat man mit Bedacht gemacht.

Das Wichtigste ist hier, dass wir positive Externalitäten vergrößern, negative verringern und für eine faire Kompensation sorgen. Das heißt, der Ansatz für die Zukunft ist Co-Evolution und Interoperabilität. Wir können verschiedene Dinge tun, damit wir auf einen besseren Weg kommen, von diesem Feudalismus 2.0 hin zu einer innovativen, kreativen Welt, mit der wir diese verschiedenen Herausforderungen besser bewältigen können:

• Digital Literacy erhöhen!

• Dezentralisierte Design- und Kontrollelemente (Modularität)!

• Möglichkeiten zur Partizipation schaffen!

• Informationelle Selbstkontrolle ermöglichen!

• Transparenz erhöhen für mehr Vertrauen!

• Information Biases und Rauschen verringern!

• Nutzerkontrollierte Informationsfilter ermöglichen!

• Sozioökonomische Diversität schützen!

• Interoperabilität!

• Coordination-Tools bauen!

• Digitale Assistenten schaffen!

• Kollektive Intelligenz fördern!

• Feedback-Schleifen ermöglichen!

• Externalitäten messen (und damit handeln)!

• Multidimensionalen Wertetausch unterstützen!

Und tatsächlich: Wenn wir das tun, dann werden wir eine nachhaltigere, eine resilientere und effizientere Gesellschaft haben. Resilientes System­design ist gerade in Zeiten des Umbruchs wichtig, wo wir nicht wissen, was im Einzelnen auf uns zukommt. Da ist es entscheidend, dass wir eben diesen Gordischen Knoten zerschneiden. Modulares Design, verteilte Kontrolle ist wichtig, und da gibt es heutzutage völlig neue Möglichkeiten, digitale Assistenten, neue Organisationsformen, wo nicht mehr alles top-down organisiert ist, sondern wo Top-down und Bottom-up auf innovative Art und Weise zusammenkommen.

Das Internet der Dinge als Bürgernetzwerk

Wie bewältigen wir Globalität? Sie muss kombiniert sein mit lokalen Inter­aktionsprinzipien, damit wir die Destabilisierung, die wir zur Zeit sehen, überwinden. Wenn wir das nicht tun, dann wird unsere Welt fragmentieren, und das würde nichts Gutes bedeuten. Wir müssen lernen, diese unsichtbare Hand zum Funktionieren zu bringen, müssen lernen, wie Selbstorganisation funktioniert, denn das Besondere in komplexen System ist: die organisieren sich selbst. Aber wir können die Interaktion, die die Grundlage dieser Selbst­organisation ist, auf eine Art und Weise verändern, die das Ergebnis beeinflusst und damit die Strukturen, Eigenschaften, Funktionalitäten schafft, die wir gerne hätten. Wir können also tatsächlich die Kräfte, die unserer Gesellschaft und Wirtschaft zugrunde liegen, für uns nutzen, indem wir die richtige Art von Feedback-Effekten auf lokaler Ebene einführen. Das erfordert aber eine Art multidimensionales Austausch- oder Finanzsystem. Das haben wir heutzutage nicht, sondern müssen wir bauen.

Aber mit dem Internet der Dinge können wir jetzt eigentlich all diese Sachen umsetzen, wir können Externalitäten messen, die früher einfach nicht messbar waren, und auf das System zurückleiten, so dass sich die Prozesse besser koordinieren. Dafür braucht es ein technisches System, an dem wir arbeiten – das nennt sich „Nervousnet“. Es nutzt letzten Endes Smartphones und all diese Sensoren, die dort eingebaut sind und von uns im Moment nicht aktiv eingesetzt werden; das könnten wir aber tun: Wir könnten die Smartphones miteinander vernetzten und wir könnten die Daten benutzen, um kollektive Messprozesse durchzuführen. Zum Beispiel Beschleunigungsdaten, mit denen wir Erdbeben detektieren könnten und dann Warnungen an unsere Freunde, Kollegen, Bekannten und Verwandten senden lassen könnten.

Das Entscheidende bei einem solchen System ist natürlich, dass es ein System ist, dem wir vertrauen können, und das erfordert informationelle Selbstkontrolle. Deswegen ist es auch so, dass wir hier nicht versuchen, Gefangene zu nehmen, sondern wir geben Ihnen im Gegenteil so viele Steuermöglich­keiten wie möglich. Insbesondere können Sie entscheiden, welche Sensoren Sie aufschließen wollen und ob Sie die Daten, die dann erzeugt werden, für sich selber behalten wollen oder ob Sie sie teilen möchten. Wir denken auch an einen Daten­store, also eine Art Datenpostfach für jeden, wo Sie dann einstellen können, wer welche Art von Daten für wie lange und zu welchem Zweck benutzen darf.

Das Wichtigste ist wirklich, dieses Internet der Dinge als Bürgernetzwerk zu betreiben, um eine Mitmachgesellschaft zu ermöglichen. Dann werden viele Dinge möglich, nicht nur Echtzeitmessungen und mehr Bewusstsein für die Probleme in unserer Welt, mehr wissenschaftliche Einsichten, sondern eben auch die Selbstorganisationsfähigkeit von vielen Prozessen und kollektive Intelligenz. Zum Beispiel können wir diese schrecklichen Staus, die wir am Anfang kennengelernt haben, überwinden. Wir haben Fahrerassistenten­systeme entwickelt, die auf dezentralisierte Art und Weise den Verkehr stabilisieren, Kapazität erhöhen. Selbst wenn nur 20 Prozent damit ausgestattet sind, hat das schon einen Effekt.

Die Gesellschaft ist kein Uhrwerk

Ähnliches könnten wir machen mit der Weltwirtschaft: auch hier den Stop-and-Go-Verkehr, Rezessionen ein bisschen ausbügeln, wie gesagt, auch dezentralisiert. Selbststeuerung von Ampeln funktioniert viel besser als die zentralisierte Steuerung, die wir heutzutage haben – ungefähr 30 Prozent Verbesserung, und zwar für die verschiedensten Verkehrsteilnehmer, es geht also nicht zu Lasten bestimmter Bevölkerungsgruppen. Und es ist auch für die Umwelt gut. Und schließlich natürlich Industrie 4.0, Smart Grids und so weiter – das alles kann auf dezentralisierten Prinzipien beruhen. Solche Dinge können wir jetzt auch umsetzen im Bereich von sozialen Systemen. Es gibt eine Reihe von verschiedenen Ansätzen, mit denen durch Selbstorganisation unsere Gesellschaft kooperativer werden kann. Reputationssysteme sind nur ein Beispiel.

Damit komme ich zum Schluss. Die digitale Gesellschaft, eine Ökonomie 4.0 braucht aus meiner Sicht mehrere öffentliche Informationssysteme. Dieses planetare Nervensystem wäre nützlich, um zum Beispiel die Externalitäten zu messen und zurückzuführen. Um sie zurückführen zu können, braucht es ein multidimensionales Austauschsystem, das für alle zugänglich sein muss, digitale Assistenten und kollektive Intelligenz. Dies würde eben nicht top-down umgesetzt, sondern es würde alles basieren können auf verteilten Ansätzen. Das ist auch für Security wichtig. Insofern ist es auch nicht dieses eine riesige Uhrwerk, wie wir uns unsere Gesellschaft in Zukunft vorzustellen haben, sondern die Koordination zwischen vielen weitgehend autonomen Prozessen unter Berücksichtigung der Externalitäten.

Das hat Vorteile für Politik, für die Wirtschaft und für jeden einzelnen. Deswegen sollten wir es angehen. Massive Verbesserung der Effizienz durch Selbstorganisation. Es ist mit der Demokratie vereinbar und mit der ökonomischen Freiheit des Unternehmers. Aber durch die Berücksichtigung der Externalitäten würden wir eben mehr Rücksicht nehmen auf die Umwelt und das würde auch der Kooperation und Konfliktvermeidung dienen. Also: Warum machen wir das nicht einfach zusammen?

29.10.2016/MK

Print-Ausgabe 20/2017

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