Eine gute Tat

Wie die ARD die deutschen Zeitungsverleger retten könnte

Von Dieter Anschlag

18.09.2017 • Die Auflagen der deutschen Zeitungen sinken seit Jahren. Und die Verleger können nichts dagegen machen. Nichts? Die Verleger haben Ursachenforschung betrieben und entdeckt: Es liegt ganz wesentlich an der „Tagesschau“-App. Dieses Online-Angebot der ARD ist „presseähnlich“ und arbeitet mit zu vielen Buchstaben und zu wenig Videoinhalten, haben die Verleger herausgefunden. Und: Dagegen kann man doch etwas machen, nämlich vors Gericht ziehen.

Das erkannten die Verleger schon vor sechs Jahren. Und so reichten Sie im Juni 2011 beim Landgericht Köln eine Klage gegen die „Tagesschau“-App ein. Es klagten gleich acht Zeitungshäuser: die Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, die Süddeutsche Zeitung GmbH (München), der Springer-Konzern (Berlin), die Funke-Mediengruppe (Essen, früher WAZ-Gruppe), die DuMont-Mediengruppe (Köln), die Rheinische Post Verlagsgesellschaft (Düsseldorf), die Medienholding Nord (Flensburg) und Lensing Medien (Dortmund). Übergeordnet unterstützt wurde die Klage vom wackeren Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV). Die Verlage hatten ihrer Klageschrift in Papierform Screenshots vom Angebot der „Tagesschau“-App vom 15. Juni 2011 beigefügt, um die nicht zulässige Presseähnlichkeit der App zu belegen (vgl. FK-Hefte Nr. 24/11 und 25/11).

Nun entwickelte sich ein langer Gerichtsprozess, der nach einigen Instanzen am 30. September 2016 damit endete (wobei des Urteil noch nicht rechtskräftig ist), dass das Oberlandesgericht Köln die Ausgabe der „Tagesschau“-App vom 15. Juni 2011 für unzulässig erklärte (vgl. MK-Meldung). An diesem Tag habe die App zu viele nicht sendungsbezogene Inhalte enthalten und das sei, so das Gericht, laut Rundfunkstaatsvertrag nicht erlaubt. Wie es am Tag vor dem 15. Juni 2011 war und am Tag danach und wie es möglicherweise heute ist, sechs Jahre später – muss einen das interessieren?

Das Experiment: Verzicht auf die „Tagesschau“‑App

Die Verleger waren nach dem Gerichtsurteil sehr glücklich und konnten einmal kurz vergessen, dass die Auflagen sinken und sinken. Jetzt war es ja klar, gerichtlich belegt: Die „Tagesschau“-App war vorrangig schuld an den Problemen der Verleger, nicht etwa sie selbst. Der NDR als der verantwortliche Sender der ARD für die „Tagesschau“-App reagierte recht schnell mit Änderungen bei der App, so dass sie seither mehr Bewegtbildinhalte (Videos) und weniger Unbewegtbildinhalte (Buchstaben) enthält. Das war schon sehr nett von der ARD.

Aber dennoch sind seither die Auflagen der deutschen Tageszeitungen seither nicht gestiegen, im Gegenteil, die neuesten Zahlen offenbaren weiter ein generelles Bergab. Die Zeitungsverlage in den USA haben im Übrigen dieselben Probleme, obwohl es dort so gut wie keinen öffentlich-rechtlichen Rundfunk gibt. Überhaupt stellt sich doch die Frage: Gibt es eigentlich irgendwo anders auf der Welt außer in Deutschland Zeitungsverleger, die, um ihre Geschäfte zu retten, gegen eine öffentlich-rechtliche App klagen?

Aber klar, immer wieder heißt es: In Deutschland ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk – der mit „Zwangsgebühren“ finanzierte „Staatfunk“, wie gerne von Zeitungsjournalisten und besonders gerne von denen der „FAZ“ polemisiert wird –, so dermaßen stark, dass er die Geschäfte privater Medienunternehmer gefährdet. In der Tat ist es geradezu erstaunlich, dass unter diesen Bedingungen in Deutschland privater Rundfunk entstanden ist. Dass Helmut Thoma und andere es gewagt haben, RTL, Sat 1 & Co, kreativ zu sein und mit ARD und ZDF den Wettbewerb aufzunehmen. Durchaus erfolgreich, wie man weiß. Hätte Thoma so gedacht wie deutsche Zeitungsverleger, RTL wäre nie gegründet worden. Oder man hätte erst die „Tagesschau“ wegklagen müssen und „Wetten, dass..?“ gleich dazu, mindestens.

Zurück zur „Tagesschau“-App, dieses Schreckgespenst deutscher Verleger, diese Ursache all deren Übels. Nehmen wir einmal an, es wäre so, dann könnte man doch die Frage stellen: Könnte die ARD nicht noch ein bisschen netter sein und einfach von sich aus in den nächsten, sagen wir: zwei, zweieinhalb Jahren, also: bis zum 31. Dezember 2019 einfach von sich aus auf die „Tagesschau“-App ganz verzichten? Das könnte sie sicher locker verkraften. Und der Verzicht wäre eine wirklich gute Tat. Dann könnten die Verleger nämlich ganz ohne diese öffentlich-rechtliche Buchstabenkonkurrenz die Auflagenentwicklung ihrer Zeitungen verfolgen, könnten sich einfallen lassen, mit welchen Maßnahmen man die Auflagen steigert, wie man besser auf die Leser eingeht und und und... Dann können die Verleger nicht nur etwas gegen etwas tun, sondern endlich auch einmal für etwas. Das muss doch herrlich sein: freie, gedeihliche Entwicklung in einem „Tagesschau“-App-freien Land. Blühende Zeitungslandschaften in Aussicht.

Wo Verleger investieren könnten

Und warum sollte die ARD so nett sein? Es wäre so etwas wie ein freiwilliges Experiment: Man könnte dann in den nächsten zweieinhalb Jahren sehen, wie sich die Auflagen der Zeitungen ohne die „Tagesschau“-App entwickeln. So könnte die ARD vielleicht die deutschen Zeitungsverleger retten, jawohl! Oder vielleicht auch nicht. Denn wenn sich zeigen sollte, dass trotz des Verzichts der ARD auf ihre Killer-App der Auflagenschwund der Zeitungen ungebremst vorangeht, dann wäre dies der empirische Beweis, dass es nicht an der presseähnlichen „Tagesschau“-App gelegen hat (und ein deutschen Gericht mit seinem Urteil unrecht hatte). Dann könnte die ARD ab 2020 ihre „Tagesschau“-App wieder neu starten; sie bräuchte auch nicht vor den Bundesgerichtshof zu ziehen, um auf diese Weise noch zu erwirken, dass der App juristisch attestiert wird, dass damit doch alles in Ordnung sei. Und die Verleger – die übrigens ihrerseits immer stärker auch Bewegbilder produzieren – sollten es dann auch lassen, wider besseres Wissen zu prozessieren.

Aber würden die deutschen Verleger zu einer solchen Selbsterkenntnis fähig sein? Die Organisation der nordamerikanische Zeitungsverleger, die „Newspaper Association of America“, hat sich im September 2016 einen neuen Namen gegeben. Der US-Verband heißt seither „News Media Alliance“ und verzichtet mithin auf das jahrzehntelang identitätsstiftende Wort „Zeitung“. So sollen nun auch digitale Nachrichtenportale wie „Buzzfeed“ dem Verband beitreten können. Früher war es für die Mitgliedschaft notwendig, dass ein Unternehmen Printredakteure beschäftigte. In Deutschland klagen sich die wichtigsten Zeitungsverlage im Kampf gegen eine Zeitungsähnlichkeit der „Tagesschau“-App vom 15. Juni 2011 über mehrere Jahre durch alle Instanzen. Wenn die Verleger die Gesamtkosten für ihre juristischen Verfahren gegen eine App stattdessen in journalistische Ausbildung, in die Ausstattung der Redaktionen, in angemessene Honorare für freie Mitarbeiter und den Mindestlohn für Zeitungszusteller investieren würden, wäre ihren Blättern und deren Online-Ausgaben schon eher geholfen. Vielleicht sollten sich die deutschen Verleger mal darauf verlegen, sich wieder auf die wirklich wichtigen Aufgaben zu konzentrieren.

18.09.2017/MK

Print-Ausgabe 20/2017

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