Ehrgeiziges Fernsehen

Religionen und Ersatzreligionen: Zur ARD‑Themenwoche „Woran glaubst Du?“

Von Martin Thull

17.07.2017 • Es war ein anspruchsvolles Thema, das sich die ARD für ihre diesjährige Themenwoche gestellt hatte: „Woran glaubst Du?“, diese Frage sollte in der Woche vom 11. bis 17. Juni das Programm in allen Facetten durchdringen. In Spielfilmen und Magazinen, in Diskussionsrunden und in Dokumentationen, in der „Lindenstraße“ oder bei Dieter Nuhr, in Kindersendungen. Und es hatte den Anschein, als wollte die ARD mit dieser Thematik die das ganze Jahr über ebenfalls in allen Programmformen vorzufindenden Beiträge zum 500. Jahrestag des Thesenanschlags von Martin Luther ergänzen. Umgekehrt ist auch richtig: Die ARD besinnt sich hier auf den Urauftrag öffentlich-rechtlichen Rundfunks – Information, Bildung und Unterhaltung. Die Federführung für die Themenwoche hatte der Sender im ‘Lutherland’, der für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zuständige Mitteldeutsche Rundfunk (MDR).

Auch wahr: Der Anspruch, mit der jeweiligen, Radio, Fernsehen und Internet umfassenden Themenwoche eine gesellschaftliche Diskussion anzuregen, ist – bislang jedenfalls – nicht gelungen. Oder wer erinnert sich an Themen der vergangenen Jahre? Was 2006 mit der Themenwoche „Leben, was sonst?“ begann, in der es um das Thema Krebs ging, führte in den letzten Jahren über Schwerpunkte wie „Leben mit dem Tod“ (2012) oder „Heimat“ (2015) zur Themenwoche „Zukunft der Arbeit“ im vorigen Jahr. Was die Wirkung betrifft, ergeht es der ARD nicht anders als den Kirchen mit ihrer „Woche für das Leben“. Inhaltlich ist beides durchaus anspruchsvoll, bleibt aber letztlich ohne das erwünschte, ersehnte, geforderte nachhaltige Echo in der Zivilgesellschaft. Und das vielleicht auch deshalb, weil es gelegentlich aufgesetzt wirkt, wenn im Programm – wie in diesem Fall – plötzlich der Glaube woran auch immer eigens und überdeutlich forciert thematisiert wird. Die Ursache für die eingeschränkte Wirkung kann ja nicht allein darin begründet sein, dass die (Print-)Medien die Themenwochen eher beiläufig berücksichtigten. Rituell gibt es aber nach jeder ARD-Themenwoche eine Pressemitteilung, in der nicht zuletzt auf der Basis von Einschaltquoten verbreitet wird, wie erfolgreich das Unterfangen wieder war. Eine Mitteilung, dass eine Themenwoche nicht erfolgreich war, hat es noch nie gegeben.

Motivation

In den unterschiedlichen Pressemitteilungen, die vor Beginn der diesjährigen Themenwoche aus der ARD-Programmdirektion und vom federführenden MDR kamen, wurde die Motivation des Senderverbundes deutlich: So sollte in der Schwerpunkt „Woran glaubst Du?“ der Blick für viele Spielarten des Glaubens geöffnet, sollten traditionelle Glaubenswelten und esoterische Strömungen gleichermaßen dargestellt werden. „Die Themenwoche will untersuchen, ob und wie die Kraft des Glaubens Menschen heute helfen kann, ihr Leben angesichts einer Fülle von Entscheidungsmöglichkeiten und der Herausforderung einer sich rasant verändernden Gesellschaft zu gestalten“, hieß es beispielsweise.

Allerdings fehlte so etwas wie eine Definition, was unter „Glaube“ hier und heute verstanden wird. Denn es lediglich auf den religiös motivierten und gespeisten Glauben zu beschränken, wäre eine unzulässige Verengung der Thematik. Erst recht, wenn es um den abendländisch-christlichen Glauben allein ginge. Glaube also woran und wozu? Geht es um den Glauben an den einen Gott? Oder ist hier doch auch schon der Glaube an den Fortschritt der Medizin einbezogen, der Glaube an die politische Vernunft oder an den Erfolg des Klimaschutzes? Irgendwie ist dann jeder ein irgendetwas Glaubender. (Wie ja auch schon bei der Themenwoche „Zukunft der Arbeit“ letztes Jahr jeder betroffen war, weil jeder ist ja irgendwie ein Arbeitender.)

Dokumentationen

Bemerkenswert waren bei der Themenwoche zu Glaubensfragen die Fernsehdokumentationen. So etwa der Beitrag Land ohne Glauben? der als Teil der Reihe Die Story im Ersten gesendet wurde (12. Juni, 22.45 bis 23.30 Uhr). Kai Voigtländer bereiste für diese Reportage das „Kernland der Reformation“, die Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Er belegte dabei eindrucksvoll, wie sehr sich die alten und die neuen Länder in Fragen der Religion unterscheiden. Und deutet nachvollziehbar an, dass sich in dieser Thematik die alten Bundesländer den neuen in den nächsten Generationen anpassen werden: geringere konfessionelle Gebundenheit, neue Formen und Rituale, gedeihliches Miteinander von Christen und Konfessionslosen.

Deutlich wurde im Film „Land ohne Glauben?“, dass nichts vermisst wird, was man zuvor nicht kennengelernt hat. In der damaligen DDR spielte Religion nur eine marginale Rolle und das hat sich bis heute in den neuen Bundesländern nicht wieder geändert. Gottesdienste werden dort von drei (!) bis 20 Menschen besucht, Kirchengebäude werden aufgegeben, es wird eine säkulare Hochzeitskapelle gebaut. Aber die Kirchen(gebäude) bilden dennoch einen Kristallisationspunkt, die ein Gemeindeleben, wenn der Supermarkt geschlossen wird und Buslinien aufgegeben werden, weiterhin ermöglichen. Zu besichtigen waren Konstellationen, die dem christlich geprägten Westen (noch) unbekannt sind, auf die es sich sinnvollerweise aber vorzubereiten lohnt.

Die sonntags nachmittags im Ersten ausgestrahlte Reihe Gott und die Welt befasst sich schon naturgemäß mit der Glaubensthematik. Die vom MDR stammende Ausgabe, die in der ARD-Themenwoche ausgestrahlt wurde, hatte den Titel Wenn Gewalt das Leben verändert: Belastungsprobe für den Glauben (11. Juni, 17.20 bis 17.50 Uhr). Die Arbeit des Pfarrers und Notfallseelsorgers Albi Roebke ist von Gewalt bestimmt, weil er deren Folgen übermitteln muss: Nach tödlichen Autounfällen, Familiendramen oder Selbstmord begleitet er die Polizei zu den Hinterbliebenen. Er ist dabei, wenn die Todesnachricht überbracht wird, aber er ist auch noch da, wenn die Polizei wieder gegangen ist. Sein Job ist es, über den ersten Schock, die ersten Tage zu helfen. Er versucht, die Hinterbliebenen darin zu bestärken, die Sinnlosigkeit auszuhalten, die sie in solchen Situationen überkommt. Das Vertrauen in eine gute Zukunft musste auch er selbst, der seinen Bruder durch einen Verkehrsunfall verlor, sich neu erarbeiten. Nicht nur Albi Roebke und seine Lebensgefährtin, sondern auch Betroffene kommen in dem Film von David Gern zu Wort und berichten jeweils, ob und wie ihnen Religion und Glauben helfen konnten, einen Schicksalsschlag zu verarbeiten. Die formal eher konventionelle Reportage ließ den Zuschauer beeindruckende Protagonisten begegnen.

Bereits 2015 hatten Bernd Seidl und Claus Hanischdörfer im Format der Presenter-Reportage sich in einer dreiteiligen Reportage unter dem Titel „Was glaubt Deutschland? Religionen auf dem Prüfstand“ (ARD/SWR) mit Hoffen, Lieben und Feiern in den Religionen bewusst subjektiv beschäftigt (vgl. MK 17/15). In einer Art Fortsetzung des Formats haben sie wie beim ersten Mal SWR-Reporter Steffen König auf Spurensuche geschickt. Dieses Mal lautete der Sendetitel Was glaubt Deutschland? Die Gewalt, der Frieden und die Religionen (12. Juni, 23.30 bis 0.15 Uhr). Der Beitrag lieferte weniger eine Analyse, sondern er enthielt vielmehr eine von persönlichen Ansichten und Schicksalen bewegte Bestandsaufnahme. Auffallend war erneut, wie sehr sich Steffen König selbst einbringt mit seinen Zweifeln und immer wieder auch seiner Ratlosigkeit. Seine Fragen sind nicht abgelesen, nicht auswendig gelernt, sondern sie vermitteln seine eigene Neugier. Und er ist auf die Antworten gespannt.

Ebenfalls bekannt aus der ersten „Was-glaubt-Deutschland?“-Produktion ist der Münsteraner Professor Perry Schmidt-Leukel. Unaufgeregt und sachlich knüpfte er auch in der Fortsetzung wieder zusammen, was König zuvor angesprochen hatte. So wurde es ein spannender Beitrag, die einen früheren Sendetermin verdient gehabt hätte. Arbeitete die „Story“-Reportage von Kai Voigtländer mit sehr vielen Statistiken und stellte eher allgemeine Modelle vor, so stieß der Film mit Steffen König den Zuschauer auf individuelle Schicksale und Erfahrungen. Insofern ergänzten sich beide Produktionen sinnvoll. (Am 19. Juni strahlte das Erste um 23.30 Uhr eine weitere Folge von „Was glaubt Deutschland?“ aus, diesmal zum Thema „Die Frauen, die Männer und die Religionen“.)

Katrin Bauerfeind ging der Frage nach, was Glaube im heutigen Deutschland eigentlich bedeutet. Und gegen Ende ihrer Sendung Bauerfeind recherchiert – Woran glaubst du? (14. Juni, 0.00 bis 0.45 Uhr) kam sie zu dem Ergebnis: Religion ist wie ein Gemischtwarenladen oder wie ein Fitnesscenter, man kann einzelne Angebote nutzen. So präsentierte sie denn auch ihre Gesprächspartner – Jugendliche auf dem Evangelischen Kirchentag, eine Wissenschaftlerin und eine geistige Heilerin, einen Atheisten, eine islamische Feministin und eine früheren Gefängnispfarrer. Alle sprechen eindrucksvoll von ihren religiösen Empfindungen, die oft eher mit Esoterik zu tun haben denn mit den etablierten Kirchen. Bauerfeind präsentiert das alles gewohnt frech und skeptisch, subjektiv und hartnäckig fragend. Dass sie eine eigene Kirche „nur für Frauen“ vorstellt mit fünf Geboten, die eher Äußerlichkeiten geschuldet sind, geschenkt. Aber es ist ein 45-minütiger sehr subjektiver Blick auf viele Facetten des Themas, könnte gar die ‘Leitsendung’ der Themenwoche gewesen sein, weil hier Glaube sehr weit verstanden wurde. Doch im Programm wird diese vom MDR verantwortete Reportage (Koautor: Ralf Husmann) um Mitternacht eher versteckt. Als fürchte man die Aufregung, weil Bauerfeind ‘die falschen Menschen’ befragt hat?

Serien

Die Lindenstraße (ARD/WDR, 11. Juni, 18.50 bis 19.20 Uhr) beteiligte sich ebenfalls an der Themenwoche. Man ließ Zuschauer zuvor im Mai über einen Zeitraum von drei Wochen abstimmen, welchen Handlungsverlauf die 1633. Folge (Titel: Nachspiel) haben sollte. Die Ausgangssituation war: Die 13-jährige Antonia möchte sich überraschend zur Konfirmation anmelden. Das ergab die Frage ans Publikum: Wie sollen ihre Eltern Iffi und Momo reagieren? Rund zwei Drittel (63,1 Prozent) entschieden sich für „Antwort A“, die da lautete: Iffi und Momo sollten Antonia unterstützen. Christliche Werte sind wichtig. Auf dem Christentum beruht unsere Kultur.“ Die anderen beiden Möglichkeiten waren „Antwort B: Iffi und Momo sollten Antonia einen kritischen Umgang mit Religion vermitteln. Religion führt in aller Welt zu Konflikten“ (30,6 Prozent) und „Antwort C: Iffi und Momo sollten Antonias Wunsch nicht zu ernst nehmen. Schließlich steckt sie mitten in der Pubertät“ (6,3 Prozent).

Tatsächlich gab es in den rund 30 Minuten dieser „Lindenstraßen“-Folge dann so etwas wie eine Prise Glauben, gefühlte zweieinhalb Minuten ging es um das Thema: um den Konfirmationswunsch Antonias wie auch verwandte Themen wie Nächstenliebe, Esoterik und Wunderglaube. Und es gab den Miniauftritt einer den Zeugen Jehovas ähnlichen Gruppierung, die eine Zeitschrift namens „Der Turm“ anbot und an die Transgender-Figur Marek herantrat mit der Aussage: „Gott liebt alle Wesen.“ Marek ist seit seinem Trans-Coming-out Sunny und sein Sohn hat damit seine Schwierigkeiten. Als die religiöse Gruppierung Sunny als „Wesen“ bezeichnet, verteidigt der Sohn erstmals seinen Vater offensiv als Frau.

Man wird trefflich darüber streiten können, ob sich die ARD mit ihrem Anspruch einer Themenwoche nicht dann doch überhebt. So verdienstvoll es ist, eine bestimmte Materie konzentriert über eine Woche verteilt und in allen Programmformaten durchzuspielen, so fragwürdig ist dann doch gelegentlich die eher krampfhafte Umsetzung in einem einzelnen Beitrag. Dass es auch sehr viel unbefangener – und damit durchaus glaubwürdig – geschehen kann, hatte bereits am 6. Juni eine Folge der Krankenhausserie In aller Freundschaft (ARD/MDR) unter dem Titel Berg- und Talfahrt gezeigt: Dominik Lorenz, 16, wird noch immer in der Sachsenklinik behandelt, zusätzlich zu seiner schweren Leukämie sind seine Hände gelähmt. Die Ursache ist ein Tumor an der Halswirbelsäule, der nicht mehr entfernt werden kann. Dominik, auch kurz Nick genannt, verliert seinen Lebensmut und will keine weitere Behandlung mehr. Als Chefarzt Heilmann den jungen Mann von der Notwendigkeit einer Transplantation überzeugen will, kommt es zu einem ernsthaften Gespräch über ein mögliches Leben nach dem Tod. Es entwickelt sich wie selbstverständlich aus der Dramaturgie dieser Folge. Und das war überzeugender als mancher für die Themenwoche eigens produzierte Beitrag.

Die Geschichte um Dominik wurde dann in der nächsten Folge von „In aller Freundschaft“ unter dem Titel Mach’s gut, Nick! (13. Juni, 21.00 bis 21.45 Uhr) im Rahmen der Themenwoche selbst fortgesetzt: Dominik will keinerlei Therapie mehr, weil er weiß, dass er nicht mehr gesund werden wird. Die behandelnden Ärzte bieten ihm eine Schmerztherapie an, eine aktive Sterbehilfe lehnen sie, weil gesetzwidrig, ab. Nicks Vater bricht den Medikamentenschrank auf und stiehlt das Beruhigungsmittel, das in Überdosierung zum Tod führt. Gemeinsam geben Vater und Mutter es dem Sohn zu trinken. Die Eltern können die Entscheidung ihres Sohnes annehmen. In beiden Folgen wird das Dilemma von Ärzten und Eltern deutlich, der ethischen Verantwortung unterschiedlicher Art gerecht zu werden. Das ist eindringlich gespielt und klug und zurückhaltend inszeniert. In der Krankenhausserie kommt es immer wieder zu solchen Grenzsituationen, selten so einfühlsam wie in diesen beiden Folgen.

Auch die Vorabendserie In aller Freundschaft – Die jungen Ärzte (ARD/MDR) leistete einen Beitrag zu der Themenwoche, in einer Folge mit dem Titel Glaube versetzt Berge (15. Juni, 18.50 bis 19.45 Uhr). Es geschah hier nicht so ernsthaft wie bei der ‘Muttersendung’ zwei Tage zuvor, sondern spielerischer und mit etwas Augenzwinkern. Man erlebte eine störrische Patientin, die meinte, besser als die Ärzte Bescheid zu wissen über die richtige Medikation, und einen an Gott zweifelnden Pfarrer, der sich mehr als Sozialarbeiter denn als Seelsorger versteht. Und dazwischen kam immer wieder ein kleiner Holzhase vor, der wie ein Wanderpokal von Person zu Person wanderte und verantwortlich gemacht wurde für unerklärliche Vorgänge. Es war eine unterhaltsame Mixtur aus Charakteren und Handlungssträngen, dem Vorabendprogramm angemessen.

Fernsehfilme

Der Ausgangspunkt im zur Themenwoche gehörenden Spielfilm Die Konfirmation (ARD/Degeto) ist ähnlich wie bei Antonia in der beschriebenen „Lindenstraßen“-Folge: Die heimliche Taufe des 15-jährigen Ben als Voraussetzung für die spätere Konfirmation wird zum Katalysator der Familienbeziehungen. Die Mutter will ein großes Fest, um ihre starke Zuneigung zum Sohn auch nach außen zu dokumentieren. Tatsächlich verhebt sie sich dabei finanziell und die Beziehung zum Stiefvater gerät in die Krise, während Ben all die organisatorischen Klimmzüge seiner Mutter nicht versteht, weil es ihm um Wichtigeres geht. Doch das stellt der Film nicht wirklich dar, er bleibt an der Oberfläche. Die Geschichte von „Die Konfirmation“ (16. Juni, 20.15 bis 21.45 Uhr) wäre nicht viel anders gelaufen, hätte sich Ben ein außergewöhnliches Tattoo stechen oder einen provozierenden Irokesenschnitt schneiden lassen. Beziehungsdrama, Verlustängste der Mutter, ernsthafte Emanzipationsbemühungen des Sohnes – den Titel „Die Konfirmation“ hatte der Film nur, weil er im Rahmen der Themenwoche „Woran glaubst Du?“ lief. Er bot zu wenig Inhalt, der dazu passen gepasst hätte.

Auch die MDR-Tatort-Folge Level X (11. Juni, 20.15 bis 21.45 Uhr) wird für die Themenwoche vereinnahmt. Jugendliche mischen in Dresden durch mehr oder weniger witzige Streiche die via Internet live übertragen werden, ihre Altersgenossen auf. Ein zwielichtiger Manager verdient und veruntreut viel Geld, einer der jungen Protagonisten wird erschossen, was dann ebenfalls live über das Netz mitzuverfolgen ist. Die Ermittlungen beginnen und liefern zunächst eine Reihe von Verdächtigen – neben dem Manager einen seiner Konkurrenten, einen dealenden Klinikarzt, eine vermeintliche Freundin.

Es ist insgesamt eine eher konventionelle „Tatort“-Struktur, inklusive der privaten Probleme der beiden Ermittlerinnen und von deren Chef. Den Bogen zur Themenwoche soll offenbar die Mutter der Freundin des Erschossenen bilden, diese Mutter ist Pfarrerin. Denn einer der Streiche, die sich als Videos auf einem der Rechner des Opfers bei den Ermittlungen finden, war eine in der Kirche dieser Pfarrerin stattfindende Demonstration mit dem Transparent „Gott ist tot“. Die klitzekleine Rolle für eine Pfarrerin war denn doch ziemlich oberflächlich.

Eine Beziehung zur Frage „Woran glaubst Du?“ fand sich in „Level X“ erst nach intensiver und wohlwollender Suche des Betrachters höchstens darin, dass das Internet als die Religion der heutigen Jugend dargestellt wird. Und das YouTube-Bashing ist dann Gotteslästerung? Dabei könnte es doch in einem „Tatort“ etwa um Schuld und Sühne, Reue oder Rache, Verzeihen und Vertrauen und ähnliches gehen. In diesem Zusammenhang mindestens etwa um Wahrheit und Lüge im Netz. Glaubensfragen eben, die sich gleichsam aus einem Plot ergeben können. So aber wirkte dieser ohnehin eher schwache Tatort für die Themenwoche eigens ‘getauft’, damit er passt. Zu viel Krampf. Chance vertan. (Als weiteren Themenwochen-Fernsehfilm gab es am 14. Juni im Ersten die MDR/SWR-Produktion „Atempause“ zu sehen, vgl. dazu diese MK-Kritik.)

Magazine

Auch die Magazine wurden natürlich in die Themenwoche miteinbezogen. Da war dann ein Beitrag im Politmagazin Fakt (ARD/MDR), Ausgabe vom 13. Juni (21.45 bis 22.15 Uhr), der sich mit Verschwörungstheorien befasste, an die offenbar viele Menschen glauben, schon ein arges Kontrastprogramm. In Silvio Duwes achtminütigem Beitrag Wenn Verschwörungstheoretiker sich radikalisieren ging es unter anderem darum, dass Regierungen angeblich „Mind Control“ ausüben. Und darum, dass die Anhänger der sogenannten Chemtrail-Theorie glauben, dass Flugzeuge nicht Kondensstreifen hinter sich herziehen, sondern Chemikalien auf die Bevölkerung versprühen. Fragwürdig allerdings ist, ob dieses „Fakt“-Stück ein wirklich angemessener Beitrag war, kam es doch eher einem Kuriositätenkabinett gleich. Vielleicht wäre an dieser Stelle der Verzicht auf eine Beteiligung an der Themenwoche zu Glaubensfragen ehrlicher gewesen.

Auch das Wirtschaftsmagazin Plusminus – die entsprechende Ausgabe wurde vom Bayerischen Rundfunk (BR) produziert – reihte sich in die Themenwoche ein. In dem achtminütigen Beitrag Esoterik für alle: Wie Ersatzreligionen an unser Geld kommen (14. Juni, 21.45 Uhr) untersuchen Mira-Sophie Potten und Christine Memminger Methoden und Einflussnahme einer Branche, die inzwischen hohe zweistellige Milliardenumsätze macht. Und sie belegten, dass die Esoterikbranche mit Aura-Sprays, Engelskarten oder Heilversuchen im heimischen Wohnzimmer längst kein skurriles Randphänomen mehr, sondern durchaus schon in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist.

Talkshow

Unter den vielen ARD-Talksendungen befasste sich dann Maischberger (14. Juni, 22.45 bis 0.00 Uhr) mit einer der Themenwoche angemessenen Fragestellung: Spaltet Religion die Welt? Es war eigentlich eine geschickt zusammengestellte Runde mit Christen, Atheisten und einer Muslima. Doch die Sendung krankte dann daran, dass jeder für sich seine Interpretation von Religion (und Glaube und Kirche) in den Raum stellte, ohne dass es zu einer tiefergehenden Diskussion kam. Keine Frage – die Religionen sorgen immer noch und immer wieder für politische und gesellschaftliche Auseinandersetzungen. Eine abschließende Antwort zu erwarten, würde selbstredend nicht nur die Möglichkeiten von Sandra Maischberger und ihrem Talkformat (ARD/WDR) überfordern. Insgesamt aber war es eine zumindest aufschlussreiche Sendung.

Comedy

Und dann darf auch der ARD-Hofspaßmacher Dieter Nuhr nicht fehlen, schließlich soll auch der Kabarett- und Comedytermin am Donnerstagabend themenwochenbeitragend belegt werden: So gab es am 15. Juni mit dem üblichen Wortspiel die Ausgabe Nuhr dran glauben (ARD/RBB, 22.45 bis 23.30 Uhr). Dieter Nuhr war also „dem Glauben auf der Spur“, wie er sagte. Er betonte die Wichtigkeit des Zweifels beim Glauben und stellte die islamistischen Selbstmordattentäter bloß, weil die den Irrsinn glaubten, im Namen Allahs legitim töten zu dürfen. Das war in Grenzen unterhaltsam, man glaubte Elemente seiner früheren Programme wiederzuerkennen. Auch Medizin ist teilweise Glaubenssache, erst recht die Homöopathie, auch darum ging’s. Und ein bisschen Medienschelte war auch dabei: Medien lebten in erster Linie von Angst und schlechter Laune. Weil sie zum Beispiel nicht meldeten, dass sehr viel mehr Leben durch Handys gerettet würden als tödliche Tumore durch Handygebrauch entstünden. Wir wollen es mal glauben.

Kindersendungen

Auftakt und Abschluss der diesjährigen Themenwoche bildeten Sendungen für Kinder. Dort wurden Antworten gesucht auf Fragen wie: Warum muss man sich taufen lassen, um Christ zu werden? Wie feiern die Juden den Sabbat? Warum essen Moslems kein Schweinefleisch und trinken keinen Alkohol? Fragen, die sich Kinder stellen, wenn sie auf Kinder aus anderen Religionen treffen. Hallo Glaube  – Das Magazin mit Knietzsche und Felix (ARD/RBB, 11. Juni, 6.40 bis 7.05 Uhr), war da ein Streifzug durch die Religionen und das, was sie ausdrücken. Für Kinder vereinfacht, etwa durch eine Veranschaulichung mit Schokolinsen, was die Verteilung der Glaubenden angeht – und deshalb nachvollziehbar.

Ähnlich im Tigerenten-Club (ARD/SWR): Brauchen Kinder heute eigentlich noch Glaube und Religion? Wie wichtig ist es, Kindern das Grundlegende zum Thema Weltreligionen zu vermitteln? Und wie viel Wissen braucht ein Kind, um eine eigene Haltung in Sachen Glauben und Werte entwickeln zu können. Die „Tigerenten-Club“-Moderatoren Johannes Zenglein und Muschda Sherzada hatten für diese Fragen einen der bekanntesten Pfarrer Deutschlands eingeladen, Rainer Maria Schießler aus München. Dem Bestsellerautor merkte man seine persönliche Begeisterung für Gott und die katholische Kirche in jeder Sekunde an. Aber auch Fußballer wie Sven Schipplok (Hamburger SV, Darmstadt 98) und David Alaba (Bayern München) wie auch Fußballtrainer Jürgen Klopp (Borussia Dortmund, FC Liverpool) kamen zu Wort und erklärten ihren Glauben in einer Sendung, die ihre üblichen Abläufe mit Spielen und Raterunden beibehielt (Ausgabe vom 11. Juni, 7.05 bis 8.05 Uhr).

Nicht fehlen konnte da Die Sendung mit der Maus (ARD/WDR), die am 11. Juni (9.30 bis 10.00 Uhr) mit einem Spezial: Woran glaubst Du? dabei war. Der eine glaubt an den Weihnachtsmann, der andere an den Fortschritt, wieder andere glauben an einen oder viele Götter oder auch an Wunder, so die Ausgangssituation. Die Maus ging in der „Spezial“-Ausgabe den Fragen nach, an was und warum Menschen glauben – auch jenseits der großen Weltreligionen. Dabei spielten besonders – geflügelte und ungeflügelte – Engel in der Geschichte der Menschheit eine Rolle.

Um kindgerechte Wissensvermittlung ging es auch in einer Themenwochen-Ausgabe der Sendereihe Checker Tobi (BR), die einen Islam-Check unternahm und am 17. Juni im Ersten lief (7.50 bis 8.15 Uhr). Mit eineinhalb Milliarden Gläubigen ist der Islam schließlich die zweitgrößte Religion der Welt. Allein in Deutschland leben 4,6 Millionen Muslime. Wie ihr Leben hier aussieht, checkte Tobi (Tobias Krell) zusammen mit Merve und ihrer Familie. Das hatte den Vorteil, dass sehr alltagsnah und familientauglich Elemente des Islam und seiner Gläubigen nahegebracht wurden. So etwa der Fastenmonat Ramadan mit dem Fastenbrechen, die fünf Säulen des Islam oder die Aufgabe des Muezzins. Und ein Besuch in einer Moschee stand auch auf dem Programm (Der „Islam-Check“ war am 11. Juni auch im Kinderkanal ausgestrahlt worden.)

Voneinander und miteinander lernen. Und feststellen, dass es etwa zwischen Christentum und Islam eine Menge Gemeinsamkeiten gibt. Darum ging es im Rahmen der Themenwoche im Kindernachrichtenmagazin Neuneinhalb (ARD/WDR) unter dem Titel Was glaubst du? – Wenn Religionen gemeinsam lernen (17. Juni, 8.15 bis 8.25 Uhr). Seit zwanzig Jahren schon gibt es in Hamburg einen gemeinsamen Religionsunterricht für katholische, evangelische, muslimische, jüdische und konfessionslose Schüler im selben Religionsunterricht. Sie lernen gemeinsam. Moderatorin Jana besuchte diesen besonderen Religionsunterricht und begleitete die Schüler in eine Moschee. Und sie erklärte die unterschiedlichen Ansichten über dieses Schulfach, das als einziges im Grundgesetz gesichert ist.

Wenn man so will, ging es bei diesen Formaten um Glaubensinhalte, um Glaubenswissen. Um das also, was möglicherweise auch im Religionsunterricht vermittelt wird. Im Fernsehen allerdings sicher unterhaltsamer geschieht als in vielen Klassenzimmern. Und spitz formuliert: Denen, die auf ‘Spaziergängen’ das christliche Abendland vor der Islamisierung retten wollen, wäre es angeraten, sich ein paar wenige Basiskenntnisse wie in den genannten Kindersendungen anzueignen. Es würde vor mannigfaltigen Vorurteilen bewahren.

Fazit

Ein Fazit dieser ARD-Themenwoche zu ziehen, fällt nicht leicht. Die beobachteten Sendungen liefen im Ersten, nicht berücksichtigt wurden für diesen Artikel die Beiträge in den Dritten Fernsehprogrammen, im Hörfunk und im Internet. Alles zusammen war eine geballte Ladung, zweifellos. Aber es ist ja nicht so, dass Religion, Kirche und Glaube ansonsten Fehlstellen wären. Allein die Produktionen der jeweiligen Kirchenredaktionen der Sender thematisieren die Materie regelmäßig und in meist hoher Qualität. Diese Themenwoche hat immerhin den Blick geweitet über den christlich-abendländischen Tellerrand hinaus. Judentum und Islam, die asiatischen Religionen der Buddhisten und Hinduisten, aber auch die Position der Konfessionslosen kamen zu Wort und das war zumeist sehr informativ.

Dass der Bezug mancher Beiträge zur Titelfrage „Woran glaubst Du?“ gelegentlich verkrampft und aufgesetzt daherkam, mag dem Streben von Sendern und Redaktionen geschuldet sein, bei der Themenwoche unbedingt auch mit einer Produktion vertreten zu sein. Und es gab ja auch unabhängig von dem fixen Datum 11. bis 17. Juni bereits Beiträge, wie etwa im Dritten Programm SWR Fernsehen das Nachtcafé vom 9. Juni mit Michael Steinbrecher zum Thema Der Glaube versetzt Berge oder die genannte „In-aller-Freundschaft“-Folge vom 6. Juni, in der die vom 13. Juni bereits inhaltlich vorbereitet wurde, ohne dies groß zu deklarieren. Und so wird der aufmerksame Zuschauer auch künftig immer wieder Fragestellungen entdecken, die nicht eigens als Glaubensthema aufgezeigt werden. So wie Glaubensfragen eben (immer noch) zu dieser Gesellschaft gehören, die das Fernsehprogramm zumindest in Teilen spiegelt.

Noch eines: Warum wurde im Ersten Programm vielfach so zaghaft programmiert? Oft erst kamen die entsprechen Sendungen am späten Abend. Etwas mehr Mut, etwas mehr Glauben an die eigne inhaltliche Stärke sollte schon sein, damit eine solche Themenwoche, hinter der ja ein großer und berechtigter Ehrgeiz steckt, nicht im sonstigen Programmangebot versickert. (Die Mehrzahl der hier genannten Sendungen ist noch in der Das-Erste-Mediathek zum Anschauen abrufbar.)

17.07.2017/MK
Logo der ARD-Themenwoche 2017 Foto: Screenshot

Print-Ausgabe 16-17/2017

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