Digitalisierung der Gesellschaft oder Digitalisierung in der Gesellschaft

Vortrag, gehalten am 28. September 2015 bei den „Cologne Conference Futures“

Von Armin Nassehi

Abstract

Jede Kulturtechnik antwortet auf eine spezifische gesellschaftliche  Problematik. So ist auch die Digitaltechnik unserer Gegenwart nicht zufällig entstanden, sondern als Reaktion auf eine weitaus ältere gesellschaftliche Digitalisierung. Unsere Gesellschaft funktionierte bereits digital, lange bevor es die Digitaltechnik überhaupt gab. Im Zentrum steht die Vorstellung des homme moyen. Nur unter dieser Voraussetzung lässt sich die technische Entwicklung angemessen beschreiben.

Digitale Technik ermöglicht die Rekombination von Elementen, die eigentlich nicht kommensurabel sind. Sie operiert mit diskreten Zuständen, mit epistemologischen Differenzen, die aber als Kontinuum präsentiert werden. Unsere moderne Gesellschaft lebt von Unterbrechungen – man denke etwa an den Buchdruck, der eine Unterbrechung zwischen Autor und Rezipienten  darstellt. Mustererkennung, Reindividualisierung und dezentrale Steuerung sind allesamt digitale Praktiken, die bereits weit vor dem 20. Jahrhundert entstanden sind und zu wichtigen Herrschaftsinstrumenten wurden.

Der folgende Text ist das Transkript des Vortrags von Armin Nassehi, gehalten am 28. September 2015 bei den „Cologne Conference Futures“, abgedruckt im Medienkorrespondenz-Sonderheft Medienevolution“, MK-Ausgabe Nr. 20 vom 30. September 2016.

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Der Titel dieses Vortrags nährt Schreckliches – schreckliche Erwartungen, als würde jetzt ein Vortrag gehalten, in dem man womöglich die Gesellschaft gegen das Digitale oder das Digitale gegen die Gesellschaft in Position bringt, sich kulturkritisch damit auseinandersetzt, als handle es sich um eine Technik, bei der man darüber nachdenken könnte, ob man sie wieder loswird. Doch die Dinge sind da und sie gehören zu dieser Gesellschaft.

Meine These ist eine ganz andere als eine Gegenüberstellung dieser beiden Größen. Ich würde sogar behaupten, dass die moderne Gesellschaft eine digitale Gesellschaft wäre, selbst wenn es keine Digitaltechnik gäbe. Und ich will versuchen, diese sehr abstrakte These auch zu begründen. Ich denke nämlich, dass es nötig ist, auch eine theoretische Neubestimmung dieses Verhältnisses zwischen dem Digitalen und der Gesellschaft vorzunehmen, um überhaupt zu verstehen, über welche Art von Konflikten wir eigentlich reden, wenn wir über die Konflikte reden, mit denen wir es zur Zeit zu tun haben.

Ich habe mir lange überlegt, wie ich damit eigentlich beginnen soll. Eine Idee wäre gewesen, vorzuführen, was eigentlich eine einfache Stammesgesellschaft, hätte man ihr den Buchdruck geschenkt, damit angefangen hätte. Der Buchdruck ist, wie Sie wissen, eine vergleichsweise erfolgreiche Kulturtechnik gewesen, die außer­ordentlich wichtige Veränderungen der gesellschaftlichen Entwicklung hervor­gebracht hat. Und das Buchdruckzeitalter ist auch noch nicht vorbei. Nicht nur, weil Leute wie wir Bücher schreiben, sondern weil es ganz offensichtlich eine Art von Informationsverarbeitung ist, die neben anderen auch noch immer statthat. Spannenderweise gibt es aber Gesellschaften, die mit dieser Technik wahrscheinlich nichts anfangen könnten, weil es keine Problemlagen gibt, die man mit dieser Technik bearbeiten könnte. Und wenn man diesen einfachen Gedanken weiterspinnt, könnte man auf die Idee kommen, sich zu fragen: Was ist eigentlich das Problem, für das die Digitalisierung eine Lösung ist?

Wenn man so denkt, dann wird man wahrscheinlich mehr über die Gesellschaft als über die Digitalisierung reden müssen – was im Übrigen auch mir sehr entgegen­kommt, weil meine Kompetenzen eher auf dieser Seite als auf der anderen liegen. Aber ich meine, dass ich mit der These, dass die Gesellschaft auch ohne das Digitale bereits digitalisiert sei, nicht ganz falsch liege.

Das Nebeneinander verschiedener Logiken

Ich will versuchen, zunächst einmal darzulegen, wie man eine moderne Gesellschaft beschreiben kann, und benutze dafür die Metapher – wohlgemerkt: es ist eine Metapher – der „verteilten Intelligenz“. Bevor ich das abstrakt und theoretisch mache, mache ich das an einer Geschichte deutlich:

Galileo Galilei war jemand, der mit Digitaltechnik noch gar nichts zu tun hatte. Er hat aber eine andere Technik angewandt, von Kopernikus zum Teil viel stärker auf die Spitze getrieben: Er war in der Lage, mit Hilfe von Naturbeobachtung zu unter­scheiden, ob bestimmte naturwissenschaftliche Erkenntnisse richtig oder falsch sind. Es ging um die Frage, ob das ptolemäische Weltbild der Zentralität der Erde tatsächlich weiter gilt oder nicht, oder ob man nicht heliozentrisch denken muss. Sie kennen diese Geschichte. Spannend ist, dass diese Diskussionen im 16. und 17. Jahrhundert geführt worden sind und die Naturerkenntnis, dass die Sonne das Zentrum der Welt ist – heute wissen wir dann wieder ein bisschen mehr –, anderen Denkweisen entgegenstand. Vor allem religiösen Denkweisen, die stark etwas mit der Machtstruktur der Gesellschaft zu tun hatten. Der gute Mann musste genau wie wir – Buchkultur – publizieren. Damals gab es noch eine Form von Zensur, die vor allem mit Papst Urban VIII. zu tun hatte.

Papst Urban VIII. musste gewissermaßen genehmigen, ob man publizieren durfte, dass nicht die Erde, sondern die Sonne im Mittelpunkt des Universums steht. Und man hatte früher bei solchen Fragen durchaus andere Möglichkeiten, damit umzugehen: pyrotechnische oder andere gewaltsame, um die Leute schlicht und ergreifend daran zu hindern, solche Sätze zu sagen. Das war im 17. Jahrhundert nicht mehr möglich. Und weil es nicht mehr möglich war, musste man also andere Lösungen finden, unterschiedliche Logiken aufeinander zu beziehen. Wenn also Galileo Galilei den „Dialogo“ publizieren wollte, dann musste er eine Genehmigung bekommen. Und die Genehmigung lautete: Man darf das nur publizieren – das war bei Kopernikus vorher auch schon so –, wenn man es nur für ein mathematisches Modell hält und nicht für ein realistisches. Und zweitens muss in dem Buch ein Bekenntnis zum ptolemäischen Weltbild enthalten sein. Daran hat sich Galileo Galilei gehalten, indem er erstens behauptet hat, das sei eine mathematische Idee – sein Titel ist auch Mathematico supraordinario, das ist eine Art LMU-Mathematiker in der frühen Neuzeit. Und er hat diesen Satz auch reingeschrieben. Interessanterweise hat er ihn nicht sich selbst zugerechnet, sondern Simplicius, also jemandem, der offenkundig nur zitiert wird und Schmarrn erzählt, und weil er Schmarrn erzählt, jemand ist, den man nicht ernst nehmen darf. Er hat also eine ironische Möglichkeit gefunden, mit einer Wahrheit umzugehen, die eigentlich anders aussehen sollte.

Jetzt werden Sie sich fragen: Warum erzähle ich Ihnen diese Geschichte auf dieser Konferenz? Die Frage ist berechtigt. Ich erzähle sie deshalb, weil man diese Geschichte als eine Parabel dafür verwenden kann, dass in einer gesellschaftlichen Entwicklung, die etwa zu dieser Zeit besonders stark war, man damit umgehen musste, dass unterschiedliche Logiken in der Gesellschaft gleichzeitig statthaben, ohne dass man sie aufeinander abbilden kann. Diese Geschichte hat eine Idee, dass etwas wahr oder falsch sein kann, mit der Idee konfrontiert, dass etwas, das wahr oder falsch ist, Heil und Verdammnis regeln kann, also eine religiöse gegen eine wissenschaftliche Logik gestellt. Um das Problem zu lösen, hat Papst Urban VIII., ein genialer Organisationsmanager der größten Organisation der damaligen Zeit, beschrieben, wie man klar und klug führen kann, indem man anerkennt, dass diese Logiken unterschiedlicher Natur sind, und eine dritte Logik nimmt, nämlich die rechtliche. Die rechtliche Logik heißt: Du musst das zitieren und sagen, dass du Mathematiker bist, dann bekommst du von mir die Genehmigung, das ganze zu publizieren.

Die Geschichte geht übrigens weiter, sie ist erst 2008 im Vatikan beendet worden. Man hat im Vatikan dann gesagt: Das war alles ein großes Missverständnis. Es hat nämlich einen Rechtsfehler gegeben: Papst Urban VIII. hat die Genehmigung niemals unterschrieben, das wurde historisch herausgefunden, so dass man rechtlich sagen kann, dass die katholische Kirche bereits zu dieser frühen Zeit in der Lage war, mit diesen drei unterschiedlichen Logiken umzugehen.

Von analoger Kontrolle zu digitaler Übersetzung

Vielleicht wird Ihnen deutlich, warum ich Ihnen das erzähle. Wir haben es nämlich hier mit einer gesellschaftlichen Entwicklung zu tun, die in der Tat so etwas wie „verteilte Intelligenz“ meint – „verteilte Intelligenz“ als eine Metapher von Systemen, die nicht mehr zentral gesteuert werden, sondern in denen die Schnittstellen zwischen unterschiedlichen Teilsystemen selektiv organisiert werden und nicht mehr mit Eins-zu-Eins-Korrelationen. Dies produziert einen Gewinn pluraler Intelligenz und Autonomie.

Die moderne westliche Wissenschaftsentwicklung, die moderne westliche politische Entwicklung, die moderne westliche ökonomische Entwicklung, auch die moderne westliche religiöse Entwicklung wäre nicht möglich gewesen, wenn man diese Schnittstellen immer noch Eins zu Eins gemacht hätte. Der Verlust ist natürlich ein Verlust zentraler Steuerungskapazitäten, weshalb gerade im politischen System in der Entwicklung moderner Gesellschaften so etwas wie autoritäre Systeme geradezu logischerweise entstanden. Man kann sagen, dass sowohl die rechten als auch die linken Diktaturen des 20. Jahrhunderts auf ein Digitalisierungsproblem reagiert haben. Ich werde darauf auch noch zurückkommen.

Das Schnittstellenmanagement der unterschiedlichen Teile der Gesellschaft, die ich jetzt hier sehr grobschlächtig nur in diesen unterschiedlichen Logiken beschrieben habe, wird von analoger Kontrolle zu digitaler Übersetzung umgestellt. Analoge Kontrolle ist Eins-zu-Eins-Kontrolle. Eins-zu-Eins-Kontrolle heißt: Wenn jemand etwas sagt, das er nicht sagen darf, dann hindere ich ihn analog daran – also ich stelle ihn direkt seinem Schöpfer vor oder solche Dinge, die man ja tatsächlich machen kann. Eine digitale Übersetzung würde heißen: Wie geht eine Logik, die eine andere ist als die, die sie kontrollieren will, mit dieser Logik um?

Und ich behaupte tatsächlich, dass man darin die Unterscheidung von Analogem und Digitalem beschreiben kann. Die Welt sieht analog aus, operiert aber digital. Wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich das am Beispiel des menschlichen Gehirns darstellen. Das menschliche Gehirn ist ein digitales Organ, das diskrete Zustände verarbeitet, uns aber eine analoge Welt vorgaukelt, damit wir darin leben können. Sie kennen etwa das Reafferenzprinzip: Ihre Jacke ist grün; als ich Sie draußen gesehen habe, war sie anders grün. Ich sehe aber das gleiche Grün – in einer analogen Welt, die aber digital anders verarbeitet wird.

Wir müssen glatte Funktionen von diskreten Zuständen unterscheiden. Wir sehen die Welt in glatten Funktionen, das heißt in unendlich kleiner Tiefenschärfe, und richten uns in solchen Welten ein, können sie aber heute nur als diskrete Zustände beschreiben. Digitale Perspektiven rechnen nämlich mit epistemologischen Differenzen, das heißt mit Schnittstellen zwischen Ungleichem in der Gesellschaft, deren Übersetzungsprobleme darin bestehen, dass wir nicht Eins zu Eins übertragen können, sondern nach den jeweils eigenen Logiken.

Wenn Sie ein analoges Beispiel aus den aktuellen Diskussionen haben wollen (ich vereinfache jetzt sehr stark): Man könnte aus ökonomischer Perspektive auf die Idee kommen, dass der Grexit richtig gewesen wäre. Aus ökonomischer Perspektive! Aus politischer Perspektive und übrigens auch aus rechtlicher wäre er eine Katastrophe gewesen. Das heißt, der gleiche Satz, der gewissermaßen digital von hier nach dort übertragen wird, lebt in einer analogen Welt mit unterschiedlichen Bedeutungen. Deshalb sprechen wir davon, dass digitale Perspektiven Unterbrechungen zum Ordnungsaufbau nutzen. Nur eine in dieser Weise digitalisierte Sozialstruktur ist in der Lage, die Rekombinationsfähigkeit von Unterschiedlichem zum entscheidenden Mehrwertfaktor zu machen.

Man könnte jetzt hier, wenn ich Zeit hätte, wiederum einen Exkurs einfügen, dass zum Beispiel – wenn man jetzt mal die alten Linken-Begriffe nimmt – das Verhältnis von Produzenten zu den Produktionsmitteln und die Investition in Produktionsmittel in einer Wirtschaftsform, in der die Grenzkosten sehr stark sinken, völlig anders funktioniert als in einem Maschinenpark, den es hier in Nordrhein-Westfalen ja zum Teil auch noch gibt.

Die Gesellschaft kennt sich interessanterweise fast nur in den diskreten Zuständen der unterschiedlichen Formen der Übersetzbarkeit von Strukturen ineinander. Wir können unglaublich viel analog übers Ökonomische reden – am Ende zählt ein relativ einfacher Algorithmus, ob das, was wir getan haben, erfolgreich war oder nicht. Jeder, der Politik betreibt, weiß ganz genau, dass das analoge Sachproblem, wie wir versuchen, es jemandem zu erklären, digitalisiert werden muss in einer Form von Massenloyalität oder noch besser: Wahlergebnissen. Und Sie können in einer rechtlichen Verhandlung unglaublich viele Dinge verhandeln – am Ende ist die Frage, ob so oder so entschieden wird, in brutaler digitaler Einfachheit.

Mehrfachkodierung gesellschaftlicher Themen

Ich komme zurück zur verteilten Intelligenz. Wir müssen viel genauer über den Kommunikationsbegriff nachdenken. Denn wenn wir über diese Fragen nachdenken, wie eine moderne Gesellschaft, die ich hier „digital“ nenne, mit sich selbst umgeht, dann setzen wir darauf, dass Kommunikation und Verständigung eigentlich eine ganz tolle Sache sind: Wir machen Konferenzen, reden miteinander, wir haben öffentlichen Diskurs, wir versuchen, Experten miteinander ins Gespräch zu bringen. Wir wissen interessanterweise auch aus der Informatik, aus digitalen Zusammenhängen, dass Kommunikation eben nicht die Übertragung von Information A nach B bedeutet, sondern dass der Empfänger selbst aktiv ist. Aktiv heißt, dass er nach jeweils eigenen Regeln die Signale sieht, die er entsprechend sehen kann. Das lässt sich übrigens über die Hirnforschung auch wunderbar erklären, aber auch das mache ich hier aus Zeitgründen nicht. Ich nehme jedoch an, dass Sie das ohnehin kennen.

Die gesellschaftliche Komplexität besteht nun darin, dass alle gesellschaftlichen Themen mehrfachkodiert sind. Mehrfachkodiert heißt, dass wir aus der Perspektive der Handelnden etwas anderes sehen, als wenn wir von außen darauf schauen. Dass wir aus der Perspektive von Individuen etwas anderes sehen, als wenn wir Muster erkennen, die sich dadurch aufschaukeln, dass sie geschehen, und die Regelmäßigkeiten erzeugen, ohne dass wir so etwas wie Subjektivität des Einzelnen brauchen, damit genau das funktionieren kann. Und das ist natürlich eine Relativierung dessen, was wir eigentlich seit dem 16./17./18. Jahrhundert in unserem Selbstverständnis für das Entscheidende halten.

Aber spannend ist, dass dieser Strukturaufbau einer ist, der sich sozusagen selbst perpetuiert und bisweilen den Selbstbeschreibungen derer, die sich darin vorfinden, radikal widerspricht. Dazu gehört übrigens auch die Digitalisierung von Funktionen (ich habe es bereits angedeutet): Dass wir Ökonomie, Politik, Wissenschaft, Recht, Medialität usw. irgendwie auseinanderhalten können, liegt nicht daran, dass das so unterschiedliche Bereiche sind – wir arbeiten alle gleichzeitig in diesen Bereichen –, aber die Erfolgsbedingungen sind stark digitalisiert worden, das heißt, sie sind so vereinfacht und man könnte sagen: banalisiert worden, dass sie erstens nicht mehr zueinander passen und zweitens ineinander übersetzt werden müssen. Um die Metapher zum Ende zu führen: Die moderne Gesellschaft hat keinen zentralen Ort, keine zentrale CPU, sondern sie lebt von Unterbrechungen.

Herstellung analoger Welten mit digitalen Mitteln

Was hat das mit Medien- und Informationsrevolutionen zu tun? Spannenderweise – wenn das stimmt, was ich sage – können wir ja feststellen, dass die Selbstbeschreibung von Gesellschaften etwas mit Informationsverarbeitung zu tun hat. Also, wie beschreiben wir eigentlich unsere Gesellschaft? Wir beschreiben sie meistens als eine Gemeinschaft von mehr oder weniger sprach- und handlungsfähigen Subjekten, die sich über etwas verständigen sollen, damit sie sagen können, wie es eigentlich weitergehen soll. Zur digitalen Welt könnte man sagen: „Die Gesellschaft ist schon da, jetzt kommt das blöde Digitale in die Welt, jetzt lasst uns uns doch mal darüber verständigen, wie wir das machen und bei wem wir den Strom abstellen müssen.“ (Ich übertreibe jetzt ein bisschen, um das zu verdeutlichen.)

Viel spannender ist ja, dass die Informationsverarbeitung in Gesellschaften sich jeweils den unterschiedlichen Strukturen anpasst, die dort statthaben, und zweitens, dass wir die Gesellschaft jenseits dieser digitalisierten Differenzen und Unterbrechungen beschreiben. Was Informationsverarbeitung immer getan hat, war die Herstellung analoger Welten mit digitalen Mitteln. Auch das müssen wir heute machen.  Ich mache einen Schnelldurchlauf durch die wichtigsten Medienrevolutionen:

Die allerwichtigste ist natürlich die Sprache, die als Sinnspeicher über Unterbrechungen zur Welt hervorgetreten ist – der Begriff des Baums ist kein Baum. Und das ist nicht nur eine erkenntnistheoretische und sprachphilosophische Spezialität, sondern das ist genau die entscheidende Unterbrechung. Wir können auch hier, wo keine Bäume sind, über Bäume reden und haben damit eine Vorstellung von etwas, das existiert, ohne dass es da sein muss. Das ist noch relativ einfach.

Die Schrift macht es schon komplizierter: Sie macht eine Unterbrechung zur gesprochenen Sprache. Ich würde jetzt mal unbescheiden sagen, dass ich auch in freier Rede vergleichsweise syntaktisch korrekte Sätze sagen kann. Doch wenn das, was ich jetzt hier sage, aufgeschrieben wird in genau der gleichen Form, wird man feststellen, dass diese Art von Repräsentation  dem nicht entspricht, wie es gewesen wäre, wenn man es gleich hingeschrieben hätte – was eine interessante Unterbrechung ist.

Der Buchdruck, vielleicht die wichtigste Revolution vor der, über die wir jetzt gerade reden, ist die Unterbrechung zum Rezipienten, die Rekombination von Wissen und die Unkontrollierbarkeit der Rezeption. Dirk Baecker nennt das interessanterweise den Kritiküberschuss, der durch den Buchdruck entstanden ist. Also wenn man sagen würde, der Buchdruck ist eigentlich entstanden, um die Heilige Schrift zu verbreiten (was ja irgendwie auch stimmt), muss man auch sagen, der Buchdruck hat gleichzeitig auch die Kritik an der Heiligen Schrift verbreitet – das ist irgendwie dumm gelaufen. Beides steht im Regal und funktioniert trotzdem. Und spannend ist daran, dass wir damit einen Versuch haben, mit digitalisierten Mitteln – Schrift ist ein digitales Medium, das muss ich nicht erklären – analoge Welten zu beschreiben. Wenn wir mal richtig was erleben wollen, lesen wir ein Buch. Das ist doch absurd.

Zeitung und Radio simulieren dann analoge gemeinsame Räume, die natürlich nicht analog sind – wir wissen das sozusagen aus der Mediengeschichte, dass so etwas wie eine gemeinsame Welt nur dadurch erzeugt wird, dass bestimmte Dinge nicht kommuniziert werden, damit man genug hat, über das man gemeinsam reden kann. Das Fernsehen hat das Ganze dann noch ikonographisch überformt.

Und dann kommt sozusagen die ganz neue Form der Informationsverarbeitung, nämlich der Computer, der eine Rekombination von Daten und Mustererkennung ermöglicht. Und das Spannende ist, dass die Art von Informationsverarbeitung letztlich querliegt zu den verteilten Intelligenzen, die ich gerade beschrieben habe. Quer, weil man rekombinieren kann, was eigentlich nicht zusammengehört. Das Internet ist dann sozusagen nur der Computer auf die Spitze getrieben, weil eine dezentrale Erreichbarkeit dieser Rekombinationsmöglichkeiten da ist.

Mustererkennung als Herrschaftsmittel

Mit der funktionalen Differenzierung der Gesellschaft oder dem, was ich hier mit der Metapher „verteilte Intelligenz“ bezeichnet habe, werden Unterbrechungen und Unübersichtlichkeiten erzeugt. Unübersichtlichkeiten heißt zum Beispiel bezogen auf das konkrete Verhalten von einzelnen Menschen, dass unser je individuelles Verhalten in einer modernen Gesellschaft fast nirgendwo mehr eineindeutig festgelegt wird. Stellen Sie sich mal eine Gesellschaft vor, die zentral gesteuert wäre – im Mittelalter zum Beispiel –, mit dem Straßenverkehr, den wir heute haben. Der Straßenverkehr ist ja ein Symbol dafür, dass wir nicht mehr eindeutig zentral regeln, wer wo sein soll und wer wo sein muss, sondern es entsteht eine Struktur durch Bewegung, die querliegt zu der verteilten Intelligenz, die wir entsprechend haben. Das heißt, wir erleben uns selbst als Leute, die ein Automobil besitzen – ich besitze ein Automobil, das verbraucht zwar viel zu viel Benzin, ist aber total toll. Und ich kann von hier nach dort fahren und ich finde mich in einem Muster vor, das man aus der Perspektive des Steuers, an dem ich sitze, nicht sehen kann, das man aber von außen beobachten kann. Und das ist jetzt wieder nur eine Metapher dafür, dass fast alles, was wir in der Gesellschaft machen, auch entsprechend funktioniert.

Es gibt heute keine Vorträge, in denen nicht auch Flüchtlingsfragen behandelt werden. Es ist ganz spannend zu sehen, dass, wenn wir uns die Flüchtlingsfrage angucken, wir derzeit feststellen müssen, dass unter digitalen Aspekten diese Flüchtlingsfrage für Deutschland relativ leicht lösbar ist. Unter analogen nicht. Diesen dunklen Satz behalten Sie noch in Erinnerung, ich komme nämlich darauf zurück.

Mustererkennung ist natürlich ein Herrschafts- und Kontrollmittel. Das meine ich nicht negativ. Gesellschaft ohne Herrschaft und Kontrolle gibt es nicht. Mustererkennung ist sozusagen das, was in modernen Gesellschaften letztlich dazu geführt hat, dass man kontrolliert – das heißt, dass man Verhaltensmöglichkeiten so einschränkt, dass Strukturen entstehen, die erwartbar werden. Das ist im Zeitalter des Buchdrucks durch die Digitalisierung des Gewissens entstanden.

Die Idee vom Durchschnittsmenschen

Ein Gewissen entsteht erst dort, wo Sie wiederholt moralische Sätze hören oder lesen können, die als solche eine Autorität besitzen, damit sie Ihre psychische Struktur erzeugen. Wir tun ja immer so, als seien wir selbst mit unseren Gehirnen gewissermaßen Natur, die in die Gesellschaft reinguckt und damit dann irgendetwas macht. Das, was wir denken, und wie wir denken und wie wir uns die Welt denken, ist so stark vernetzt mit der Welt selber, dass unser Gehirn – das sagen uns Epigenetiker heute – sich den Strukturen anpasst, in denen wir uns befinden. Würde man den klügsten Menschen des 18. Jahrhunderts – das war wahrscheinlich der Königsberger Philosoph Immanuel Kant – in eine moderne Großstadt setzen, wäre der nach spätestens drei Tagen in der Psychiatrie.

Später, im 19. Jahrhundert, entstand Sozialphysik und Sozialstatistik. Adolphe Quetelet ist hier vielleicht die wichtigste Person: Er hatte die Idee, in Frankreich über Sozialstatistik herauszubekommen, wie der durchschnittliche Mensch eigentlich funktioniert. Sie sind über Heiratsstatistiken zum Beispiel darauf gekommen, dass die einzelnen Menschen sich nach bestimmten Mustern verheiraten. Individuell, analog suchen wir uns jemanden, den oder die wir lieben. Digital ist es bereits unwahrscheinlich, dass das nicht schon vorselektiert ist durch die Struktur, in der wir uns bereits bewegen. Solche Dinge waren natürlich außerordentlich wichtig für Herrschaft und Kontrolle. Allein schon für einfache Fragen: Wie groß muss eigentlich die Kanalisation sein? Wie viel Weizen braucht eine Großstadt, die selber keinen Weizen anbauen kann? Wie groß müssen die Wege sein? Und so weiter. Sie kennen das alles.

Interessiert war man am homme moyen, also an einem Durchschnittsmenschen. Nicht an uns, sondern an einer abstrakten Idee. Heute rekombinieren wir Unpassendes, und zwar – wiederum völlig unbewertet – zu unserem Vorteil und zu unserem Nachteil. Der homme moyen wurde zu unserem Vorteil und zu unserem Nachteil entworfen. Ich entmoralisiere dieses Thema total. Ich interessiere mich für die Struktur, warum diese Gesellschaft notwendigerweise Techniken entwickeln musste, Inkommensurables durch digitale Chiffrierung kommensurabel zu machen.

Technische Digitalisierung folgt auf gesellschaftliche Digitalisierung

Meine These ist: Würde es diese Technik nicht geben, würde man sie spätestens jetzt erfinden. Weil man sie braucht. Nicht: Sie ist da, jetzt gucken wir mal, was wir damit eigentlich machen.

Interessant ist – und das ist eine riesige Diskussion, über die ich nicht viel sagen werde –, dass wir eine Digitalisierung der Spuren analoger Praktiken brauchen, um überhaupt herauszukriegen, wie diese Gesellschaft funktioniert. Sie gilt als Herrschaftsmittel von Subjekten, von denen wir nicht mehr wissen, wer die eigentlich sind. Sind das politische, sind das ökonomische Akteure? Sind das noch ganz andere Akteure?

Und natürlich brauchen wir sie auch im Hinblick darauf, dass wir ganz neue Formen der Selbstbeschreibung produzieren. Jeder, der ein iPhone oder etwas ähnliches besitzt, diese merkwürdige Uhr womöglich noch dazu, kann sozusagen etwas über sich selbst herauskriegen, indem er die Muster erkennt, nach denen er sich selbst bewegt. Wie Sie an mir sehen können, bin ich für mein Gewicht ungefähr zehn Zentimeter zu klein, und ich wüsste ungefähr, wie ich wachsen müsste. Aber es gelingt mir nicht, weil es Muster sind, die in mein Verhalten so stark habituell eingeordnet sind, dass sie nur erkennbar sind, wenn ich diese Muster aus Daten bekomme, indem ich rekombiniere, was eigentlich nicht dazu erhoben wurde, tatsächlich rekombinierbar zu machen.

Oder denken Sie an die Individualisierung von medizinischen Präparaten: Das ist ein schöner Satz, aber dafür braucht man erst einmal die digitalisierten Spuren analoger Praktiken, um überhaupt so viele Daten zu bekommen im Hinblick darauf, was es denn eigentlich bedeutet, dass einzelne womöglich andere Dosen oder Präparate brauchen, als es üblicherweise in den Regeln steht.

Und das Neue ist natürlich die Reindividualisierung kollektiver Daten: Während man aus dem homme moyen nicht auf den Einzelnen schließen konnte, muss man jetzt natürlich davon ausgehen, dass die Reindividualisierung aus unterschiedlichsten Motiven – aus politischen, aus ökonomischen, aus rechtlichen, aus medizinischen, vielleicht sogar auch aus Gründen der Unterhaltung – nun möglich geworden ist. Und ich glaube, dass auch dies etwas damit zu tun hat, dass die moderne Gesellschaft so ist, wie sie ist. Weil die Reindividualisierung kollektiver Daten etwas ist, das es auch ohne die Digitaltechnik immer gegeben hat. Wir gehören ganz festen sozialen Gruppen an, aber das aus je individuellen Motiven, die sich dummerweise unglaublich stark ähneln. Die Älteren unter Ihnen erinnern sich vielleicht daran, dass es Ende der 1960er Jahre als eine unglaubliche Unverschämtheit angesehen wurde, dass in den Wahlberichterstattungen gesagt wurde: Selbstverständlich wählt jemand, der in Gelsenkirchen-Bismarck wohnt und kein Abitur hat und auf dem Pütt gearbeitet hat, die SPD. Das war selbstverständlich, obwohl sozusagen die analoge Selbstbeschreibung des politischen Systems sagt: Das ist eine Überzeugung. Überzeugungen sind nur Überzeugungen, weil sie als Überzeugungen analog kommuniziert werden können. Davon bin ich zutiefst überzeugt.

Die technische Digitalisierung, behaupte ich also, ist eine Reaktion auf die gesellschaftliche Digitalisierung. Ich glaube, dass man so denken muss, um auch den zum Teil naiven kritischen Diskurs über diese neuen Techniken wirklich angemessen zu verstehen. Wenn wir heute überall nur dieses Etikett „neoliberal“ draufpacken, wenn es um Selbstbeobachtung geht, dann sehen wir – nichts. Wenn wir uns als Maschinenstürmer aufführen, sehen wir – nichts. Und wenn wir nur den Selbstbeschreibungen derer glauben, die die Techniken produzieren, sehen wir auch – nichts. Sondern wir müssen uns fragen, wie eine Gesellschaft eigentlich funktioniert in diesem Sinne.

Wir müssen uns wieder für das Unsichtbare interessieren

Zum Schluss: Wie sieht es eigentlich mit sozialen Konflikten aus? Sind die analog oder digital? Spannenderweise können wir ja ernsthaft den Konkurrenten auf Arbeitsmärkten, auf Heiratsmärkten, auf Wohnungsmärkten usw. nur digital verstehen. Digital heißt: mit Hilfe von statistischen Mitteln, die uns einen Typus oder in einer Clusteranalyse Gruppen von Typen beschreiben, die unsere Konkurrenten sein könnten. Wir wollen sie aber gerne analog bekämpfen.

Noch einmal das Beispiel mit den Flüchtlingen: Flüchtlinge sind ein Geschenk des Himmels! Das sagen viele für den Arbeitsmarkt. Und sie sind vor allem ein Geschenk des Himmels für die Ängstlichen und Verunsicherten, die für eine nur digital zu verstehende Unübersichtlichkeit der modernen Gesellschaft auf einmal eine analog sichtbare Gruppe haben, der man zurechnen kann, was man ihr nicht zurechnen kann. Und diese Art von Konflikt sehen wir eigentlich fast überall. Das Spannende ist natürlich, dass man nicht naiverweise sagen kann: Dann stellt doch einfach auf digitale Beobachtung um! Das werden die Leute nicht mitmachen.

Wir müssen also feststellen, dass wir vom Kritiküberschuss – auch vom Selbstkritiküberschuss – über solche Techniken zu einem Kontrollüberschuss gelangen. Ein Kontrollüberschuss würde heißen, tatsächlich das Analoge so stark in Anspruch zu nehmen, etwas über die moderne Gesellschaft zu sagen. Ich glaube, dass die meisten Diskurse, die wir heute führen, die das Analoge, also sozusagen das Unmittelbar-Sichtbare beschreiben wollen, völlig an dem vorbeisehen, was eine Struktur von Prozessen im sozialen Raum überhaupt ausmacht.

Das heißt: Wir müssen uns wieder für das Unsichtbare interessieren, das heißt für die Dinge, die nicht gleich vorliegen. Niklas Luhmann hat mal einen schönen Satz gesagt, dass das Unsichtbare sich verlagert hat: Vorher sei die Religion dafür zuständig gewesen, heute die Physik. Und es ist vielleicht kein Zufall, wenn ich einen kleinen Werbeblock für meinen Nachredner einsetzen darf, dass mit Dirk Helbing ein Physiker heute auf diese Art von Unsichtbarkeit hinweist – das bedeutet, etwas an einer Struktur sichtbar zu machen, das in der Selbstbeschreibung dieses Gegenstands in dieser Form gar nicht vorkommt.

Spannend ist, dass diese Fragen von Auseinandersetzungen in der Gesellschaft heute natürlich durch technische Möglichkeiten auch die Möglichkeit der multidirektionalen Kontrolle haben. Das würde bedeuten, dass durch die unsichtbare Struktur der modernen Gesellschaft fast nichts mehr unsichtbar ist. Das ist ja eigentlich sehr spannend, zu sehen, dass diese wechselseitige Vernetzung auch dazu führt, dass wir inzwischen durch die Digitaltechniken alle Möglichkeiten haben, in die Grundstruktur der modernen Gesellschaft viel genauer reinzugucken als in die Gesellschaften, in denen sich Macht und Herrschaft in kleinen Interaktionsgruppen von Oberschichten zusammengefügt haben. Das ist ja heute tatsächlich in dieser Form nicht mehr der Fall.

Herausforderungen für die Demokratie

Das Problem für Politik besteht darin, dass kollektiv wirksame Entscheidungen heute jenseits kollektiv bindender Entscheidungen getroffen werden. Lutz Hachmeister hat vorhin darauf hingewiesen: Wer sind die Subjekte, die tatsächlich mit der Rekombination von großen Datenmengen heute nicht nur einen Mehrwert, sondern auch einen Kontrollwert ermöglichen? Das Spannende ist, dass dies kollektiv wirksame Entscheidungen sind, die aber nicht nach dem Grundmechanismus des Politischen aus kollektiv bindenden Entscheidungen kommen.

Soziologisch noch einmal erklärt: Die Funktion des politischen Systems besteht nicht darin, die Gesellschaft zu steuern, besteht auch nicht darin, Sachprobleme zu lösen, sondern sie besteht darin, einen Simulationsraum kollektiv bindender Entscheidbarkeit herzustellen und darin indirekt auf die Gesellschaft zu wirken. Das produziert Massenloyalität, weil diejenigen, die das tun, mit analogen Kommunikationsmitteln umgehen, die Vertrauen, Gefolgschaft und ähnliches produzieren. Dafür hat man Parteien, politische Programme und schöne Sätze erfunden. Das ist auch nicht negativ. Wenn man das nicht hat, werden Gesellschaften sehr stark und sehr schnell autoritär – das politische System wird zum Zentrum der Gesellschaft und kann das nur gewaltsam durchsetzen. Also, das ist sozusagen ein demokratisches Programm. Nur: Dem läuft die Struktur der Gesellschaft weit, weit weg. Und darüber muss man nachdenken.

Eine vielleicht offene Frage: Ist Politik funktionsbedingt zum Analogen verdammt? Das heißt auf Deutsch: Es gibt kaum ein Funktionssystem, in dem Sie große Gruppen so stark überzeugen müssen wie im politischen. Und überzeugen können Sie heute fast nur mit analogen Mitteln. (Jetzt kommt der kleine Schlenker, mit dem ich versuche, meinen Vortrag aufzuwerten:) Es sei denn, es könnte Diskurse darüber geben, die dafür sorgen, dass man genauer weiß, wie die Struktur einer solchen modernen Gesellschaft eigentlich aussieht. Mein wichtigster Adressat sind übrigens die Sozialwissenschaften, die davon fast nichts wissen.

29.10.2016/MK
Armin Nassehi Foto: Screenshot

Print-Ausgabe 16-17/2017

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