Das Lämmchen zur Block gemacht

Die Schauspielerin Hannelore Hoger erzählt ihr Leben

Von Karl-Otto Saur

28.08.2017 • Diese Stimme: Als ich sie das erste Mal hörte, gehörte sie noch „Lämmchen“. Und sie hatte damals schon etwas an sich, dass man sie von da an immer sofort erkannte. Tiefer als die Stimmen der meisten anderen Schauspielerinnen und doch gleichzeitig von einer Wärme, die ihrem „Jungen“ in trostloser Zeit einen Halt geben konnte. Vor mehr als 45 Jahren hatte Peter Zadek am Bochumer Theater Tankred Dorsts dramatisierte Fassung von Falladas „Kleiner Mann was nun“ auf die Bühne gebracht. Zadeks Interpretation der Geschichte über ein junges Paar (sein „Lämmchen“ und ihr „Junge“), das in der Not nach dem Ersten Weltkrieg nur noch sich hatte, war ein derart sensationeller Erfolg, dass Zadek auch eine Filmfassung daraus machte, die er in die Rubrik „Eine Revue“ einordnete.

Für die junge Schauspielerin Hannelore Hoger, die dem Lämmchen Stimme und Seele lieh, war dies der Beginn einer Karriere, die ihr später sogar einen zweiten Namen eingebracht hat: Viele Fernsehzuschauer reden von „Bella Block“, wenn sie in Wirklichkeit Hannelore Hoger meinen. Das ist kein so großes Wunder, wenn man bedenkt, dass sie in den vergangenen mehr als zwanzig Jahren in der gleichnamigen ZDF-Kriminalfilmreihe fast vierzig Mal die knorrige und knurrige Kommissarin gespielt hat, die Hierarchien und Bürokratie so verachtet, dass mancher Vorgesetzter ihr einen möglichst schnellen Ruhestand wünschte. Den verhinderten allerdings immer wieder die Zuschauer.

Das Fernsehen und das Leben

„Bella Block“ sollte schon einmal enden, doch es ging dann doch weiter. Die Reihe hat im ZDF-Programm, wo sie zu den um 20.15 Uhr ausgestrahlten „Samstagskrimis“ gehört, keinen regelmäßigen Sendeplatz, doch die Zuschauer finden auch so ihre Kommissarin. Bald ist es nun aber (wohl) wirklich zu Ende mit der Reihe. Die Folgen 37 und 38 sind abgedreht und das ZDF teilte mit, dies seien die letzten beiden „Bella-Block“-Filme. Die Ausstrahlungstermine dafür stehen noch nicht fest.

In vielen Krimireihen altern die Akteure mit ihren Zuschauern. Das war bei Götz Georges Schimanski so, das ist bei den Münchner „Tatort“-Kommissaren Batic und Leitmayr so, die immer wieder beweisen, dass man auch mit weißen Haaren nicht erwachsen werden muss. Hannelore Hoger hat ihrer Bella Block erlaubt, mit Anstand, aber auch mit eigenen Macken alt zu werden. Sie hat in mancher Folge dem Alkohol erlaubt, dass ihre Stimme noch ein bisschen rauer wurde, sie hat die Lebensweisheit gelernt, dass man sich Männer, vor allem die Besserwissenden, vom Leib halten muss. Und sie wird unsicher, wenn sie selbst zu sicher ist.

Viele Zuschauer verwechseln häufig das Fernsehen mit dem Leben. Und der Beruf des Schauspielers tendiert da-zu, genau dies den Zuschauern vorzuspielen. Doch jeder Schauspieler kennt auch die Momente, in denen er keine Rolle mehr spielen will. Und genau das hat Hannelore Hoger jetzt getan. Die Hamburg geborene Schauspielern hat ihre Erinnerungen geschrieben, Erinnerungen, die weit zurückgehen, die Banalitäten und Alltagsbeobachtungen enthalten, die aber auch mit einem scharfen Blick und mit viel Herzblut auf ein Leben zurückblicken, das von dem Drang auf die Bühne und vor die Kamera geprägt war. Dabei klingt weniger Eitelkeit als Stolz auf ihre Arbeit durch. „Ohne Liebe trauern die Sterne“, so heißt der schöne Titel von Hannelore Hogers Autobiografie, die im April 2017 als Buch veröffentlicht wurde und im Juni dann auch als Hörbuch erschien.

Nachts noch eine Szene dazu

Sie empfindet es als Glück, von Anfang an mit den wichtigsten Regisseuren ihrer Zeit gearbeitet zu haben. Bei Peter Zadek, der ihr die Theaterbühne öffnete, ist sie noch zu jung, um nicht Ängste auszustehen. Alexander Kluge, der ihr die Kinoleinwand öffnete, hat sich einen Platz in ihrem Herzen erobert. Und Edgar Reitz, der Spröde, hat schnell erkannt, dass sie ein Werk im wahren Sinne des Wortes mit Leben füllen kann: In „Die zweite Heimat – Chronik einer Jugend“ (ARD/WDR/SFB/BR/NDR/SWF/HR 1992) spielte sie die Hausbesitzerin Elisabeth Cerphal, die es verstand, in ihrer zusammengewürfelten Hausgemeinschaft das Zepter in der Hand zu behalten. Und dabei selbst zu neuem Leben aufzublühen. Reitz erkannte, dass er für sie die Rolle zu klein angelegt hatte und schrieb manchmal nachts noch eine Szene dazu, um Hannelore Hoger den Raum zu geben, den sie und die Zuschauer verdienten.

Wenn sie in der Hörbuchausgabe das alles selbst liest, scheint sie manchmal, so glaubt man es herauszuhören, selbst erstaunt darüber zu sein, was sie alles erlebt hat. Und es klingt auch nicht larmoyant, wenn sie darüber reflektiert, dass keine ihrer Partnerschaften auf Dauer hielt. Ihre Emotion wird aber spürbar, wenn sie über ihre Tochter Nina erzählt, die den gleichen Beruf ergriffen hat (und in manchem ihrer Filme als Partnerin mitgespielt hat).

Fazit dieser Autobiografie-Veröffentlichung: Eine große Schauspielerin steigt auf ein (kleines) Podest, gewährt uns einen interessanten Blick auf ihr Leben und Wirken und sie entlässt uns aus diesem Theater mit einem Glücksgefühl, das noch lange anhält.

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Buch: Hannelore Hoger: Ohne Liebe trauern die Sterne. Bilder aus meinem Leben, 304 Seiten, Rowohlt-Verlag, Reinbek 2017, 19,95 Euro

28.08.2017/MK