Damit es im
Bewusstsein bleibt

Zur dreiteiligen ARD-Fernsehfilmreihe „Mitten in Deutschland: NSU“

Von Dietrich Leder

Es war schon ein bedeutsames Unterfangen, diese ästhetisch-politische Anstrengung der ARD, die Geschichte der rechtsradikalen Mörder der Terrorzelle nachzuzeichnen, die sich selbst als Nationalsozialistischer Untergrund, kurz: NSU, bezeichnete. Es ging dabei um ein Geschehen, das sich über einen Zeitraum von rund zwanzig Jahren erstreckte. Drei Fernsehfilme gab es zu sehen, die an drei Tagen (30. März, 4. April und 6. April) jeweils zur Primetime um 20.15 Uhr unter dem Reihentitel „Mitten in Deutschland: NSU“ ausgestrahlt wurden und die durch eine Ausgabe der Talkshow „Hart aber fair“ nach dem zweiten sowie eine Dokumentation von Stefan Aust und Dirk Laabs („Der NSU-Komplex – Die Rekonstruktion einer beispiellosen Jagd“) nach dem letzten Film ergänzt wurden. Insgesamt also fast sieben Stunden, die im Ersten auf eine komplizierte, viele Aspekte auch der Strafverfolgung und des Staatsschutzes berührende und zudem enorm politische Verbrechensgeschichte verwendet wurden.

Eine Geschichte, die zudem noch nicht vollständig aufgeklärt ist. Selbst die Schuldfrage von Beate Zschäpe, die im ersten Film im Mittelpunkt stand, ist juristisch noch nicht entschieden. Sie lebte mit ihren NSU-Kumpanen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos zusammen, die nachweislich die Morde begangen haben. Während die beiden Männer sich mutmaßlich das Leben nahmen, als sie entdeckt worden waren, stellte sich die Frau später der Polizei. Derzeit steht sie in München vor Gericht. Die Anklage wirft ihr vor, „sich als Gründungsmitglied des NSU mittäterschaftlich an der Ermordung von acht Mitbürgern türkischer und einem Mitbürger griechischer Herkunft, dem Mordanschlag auf zwei Polizeibeamte in Heilbronn sowie an den versuchten Morden durch die Sprengstoffanschläge in Köln beteiligt zu haben“.

Der rechtsradikale Terror

Zusätzlich zu diesem Prozess in München hat eine Reihe von parlamentarischen Untersuchungsausschüssen im Bund wie in einzelnen Ländern noch nicht abschließend die Rollen bestimmt, die der Verfassungsschutz, die Polizei und die Staatsanwaltschaften während der Mordserie eingenommen haben. Wie also eine unabgeschlossene, da noch nicht restlos aufgeklärte Verbrechensgeschichte erzählen, die sich außerdem noch über einen langen Zeitraum und über mehrere Bundesländer erstreckte?

Die zentrale Idee der Produzentin Gabriela Sperl bestand darin, die Geschichte aus drei unterschiedlichen Blickwinkeln zu erzählen und diesen Perspektiven – Täter, Opfer, Ermittler – je einen eigenen, autonom verständlichen Spielfilm zu widmen. So geht es unter dem Titel „Heute ist nicht aller Tage“ im ersten Film, für den Thomas Wendrich das Drehbuch schrieb und den Christian Schwochow inszenierte, um die Vorgeschichte des Tätertrios im Zeitraum von 1990 bis 2000. In „Vergesst mich nicht“ von Laila Stieler (Buch) und Züli Aladag (Regie) wird von der Familie eines aus der Türkei stammenden Mannes erzählt, der von Böhnhardt und Mundlos ermordet wurde. Und im dritten Film, „Nur für den Dienstgebrauch“, zu dem Rolf Basedow, Christoph Busche und Jan Braren das Drehbuch verfassten und bei dem Florian Cossen Regie führte, stehen zwei Polizeifahnder im Mittelpunkt, die seit 1998 nach dem untergetauchten Trio suchten.

Aber es gibt szenische Berührungspunkte in den drei Teilen. Der erste Film beginnt und endet in einer Rahmenhandlung mit dem Mord an dem türkischstämmigen Blumenhändler, dessen Tochter im Mittel­punkt der zweiten Produktion steht. Eine Szene des ersten Films taucht auch in einer Rückblende des dritten auf; sie zeigt, wie die Polizei aus Ungeschick oder aus Absicht das NSU-Trio bei einer Durchsuchungsaktion entkommen lässt. In Film 2 und 3 kommt in Dokumentarszenen jeweils die Trauerfeier für die Opfer vor, die von der Bundesregierung ausgerichtet wurde.

Die Dynamik des Radikalisierungsprozesses

Bei allen Gemeinsamkeiten unterscheiden sich die drei Filme erzählerisch. Der erste Film rekonstruiert anhand der Person Beate Zschäpe, der Anna Maria Mühe eine enorme physische Präsenz verleiht, die Gründungsgeschichte des NSU in Thüringen. Er erzählt, wie die junge Frau eher zufällig in rechtsradikale Kreise gerät, wie sie dort politisiert wird und bald eine Heimat findet, wie sie sich erst in den einen Uwe, dann in den anderen verliebt und wie die drei beschließen, den eher zufälligen rechten Gewaltaktionen gegen Linke und Menschen, die wie Ausländer aussehen oder Ausländer sind, systematischen Terror folgen zu lassen.

Durch Schwarzblenden und regelmäßige Datums- und Ortsangaben wird in diesem Film die Dynamik des Radikalisierungsprozesses und der Tatereignisse immer wieder durchbrochen. Doch die Radikalität des Ansatzes, die Geschichte aus der Täterperspektive bis zum ersten Mord zu erzählen, wird geschmälert durch Nebenepisoden, in denen beispielsweise erklärt wird, dass einer der führenden Rechtsradikalen, der das Trio politisch munitioniert, ein Informant des Verfassungsschutzes ist, oder wie dumm sich die Polizei in der Strafverfolgung anstellt.

Zweifel sind auch an der Darstellung des sozialen und politischen Zusammenhangs der Entstehungsgeschichte angebracht. So scheint der Rechtsradikalismus wie auch andere im Film gezeigte Errungenschaften der alten BRD in das Gebiet der ehemaligen DDR exportiert worden zu sein. Damit propagiert dieser erste Film nolens volens eine alte Mär, dass es Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in der DDR nie gegeben habe und dass der real existierende Sozialismus mit den ideologischen Resten des Nationalsozialismus komplett aufgeräumt hätte.

Integration, Vorurteile und perfide Unterstellungen  

Soziologisch genauer fällt da der zweite Film aus, in dem es um die Opfer des NSU-Terrors geht. Er breitet neben der Geschichte um die Ermordung die Aufsteigergeschichte einer türkischstämmigen Familie aus, bei der sich Vater und Mutter als Händler abmühen und abstrampeln, damit die Kinder das Abitur machen und später studieren können; er zeigt, wie sich in ihrer Alltagssprache Deutsch und Türkisch vermischen, wie sie sich in eine deutsche Gesellschaft integrieren wollen, die sie nach dem Mord am Vater sofort und automatisch mit allen Vorurteilen traktiert, die solchen Arbeitsimmigranten zugeschrieben werden. Dem zufolge soll der Mann ein Verhältnis gehabt haben, die Tat also womöglich aus Eifersucht erfolgt sein. Oder er soll Rauschgift geschmuggelt haben und deshalb von der Konkurrenz ausgeschaltet worden sein. Oder die Täter sollen einer türkischen Mafia entstammen. Die Perfidie, mit der die Opferfamilie mit immer neuen Unterstellungen, die man rassistisch nennen muss, überzogen wird, arbeitet der Film deutlich heraus.

Das gelingt ihm auch, weil er in einer zweiten Perspektive zwei Kriminalbeamte vorstellt, die in andere Richtungen als das Gros ihrer Kollegen ermitteln wollen, aber von diesen rasch administrativ auf die Hauptverdachtslinie gebracht werden, die gewissermaßen so heißt wie die Bezeichnung der mit den Mordfällen beschäftigten Sonderkommission der bayerischen Polizei: „Soko Bosporus“. Der dafür seinerzeit verantwortliche Innenminister war Günther Beckstein (CSU), der am 4. April in der 60-minütigen Spezialausgabe von „Hart aber fair“ zu dem Thema eine äußerst unglückliche Figur abgab. Und der Sondereinheit stand der Polizeibeamte Wolfgang Geier vor, den man in der Dokumentation von Stefan Aust und Dirk Laabs (6. April, 21.45 bis 22.40 Uhr) als einen beflissenen Kriminalbeamten erleben durfte, der anscheinend auch nicht ganz begriffen hat, weshalb er und die von ihm geleiteten Soko so konsequent in die falsche Richtung ermittelt haben. Die eigenen Vorurteile liegen gleichsam in einem blinden Fleck der Selbsterkenntnis.

Ein Grund für diese Fehlentwicklung, so stellt es der dritte Film dar, sind die undurchsichtigen Aktivitäten des Verfassungsschutzes in Thüringen. Die Spitze dieses Geheimdienstes, die – das wird überdeutlich herausgestellt – von abgehalfterten Beamten aus dem Westen gebildet wird, stellt den Schutz ihrer Informanten über die Aufklärungsarbeit der beiden wackeren Polizisten (dargestellt von Florian Lukas und Sylvester Groth). Schlimmer noch: Weite Teile der rechtsextremen Szene scheinen Mitte der 1990er Jahre vom Verfassungsschutz durchsetzt zu sein. Angemessen düster ist dieser dritte Film gehalten, der sich zudem am weitesten vom klassischen Realismus des Fernsehfilms entfernt. Er spricht am Anfang raunend vom Teufel, zitiert in der Mitte unverhofft aus dem Off ein Gedicht von Hermann Hesse, um später eine Karnevalsfeier fast in eine Art von Alptraum kippen zu lassen. Diese bizarren Momente, die diesem dritten Teil seine besondere Note verleihen, verdüstern jedoch den Blick auf einen weitergehenden Verdacht, den der Film an mehreren Stellen zumindest andeutet: dass es nämlich durchaus auch ein politisches Interesse an einer kriminellen rechtsradikalen Szene im Osten gegeben haben könnte. Und dass möglicherweise Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos sich nicht selbst getötet hätten, sondern in dem Moment umgebracht worden seien, als sie aufzufliegen drohten.

Eine Gesellschaft begeht einen dramatischen Fehler

Der emotionalste und der am besten erzählte Film war sicher der mittlere, weil er in Semiya Simsek, der Tochter des ersten Mordopfers, die von Almila Bagriacik auf eine sehr nachhaltige Weise dargestellt wurde, eine positive Heldin besaß, die mit wachsendem Elan und mit einer großen Wut auf die Aufklärung der Taten drang. In einer dokumentarischen Einfügung sah man die reale Semiya Simsek, wie sie auf der Trauerfeier der Bundesregierung das Wort ergriff. Dieser Veranstaltung, die im Februar 2012 in Berlin stattfand, bildete einen bewegenden Moment ab, weil hier eine Gesellschaft eingestand, welchen dramatischen Fehler sie beging, als sie den rechtsradikalen Terror kleinredete, eine Gesellschaft, die an diesem Tag in der Person der Bundeskanzlerin endlich um Entschuldigung dafür bat, dass die Polizei die Täter ausgerechnet im Kreis der Opfer gesucht hatte, weil das ihren Vorurteilen über türkischstämmige Mitbürger entsprach.

Die Geschichte der NSU-Mordserie ist, wie erwähnt, noch nicht restlos aufgeklärt. Am Ende des dritten Films scheint es so, als ob diese Aufklärung auch gar nicht gelingen könne. Die Szene zeigt einen Verfassungsschützer, der wichtige Akten schreddert. Die ARD ist, bei aller Detailkritik, für die Anstrengung, diese drei Spielfilme und die zwei Begleitsendungen realisiert zu haben und damit diese Geschichte im Bewusstsein zu halten, in der Summe zu loben.

17.04.2016/MK
Teil 1: Die Täter – Heute ist nicht alle Tage (ARD/SWR/MDR/Degeto), Buch: Thomas Wendrich, Regie: Christian Schwochow, Ausstrahlung: Das Erste, Mi 30.3.16, 20.15 bis 22.00 Uhr, Einschaltquote: 2,87 Mio Zuschauer, Marktanteil: 9,2 Prozent
Teil 2: Die Opfer – Vergesst mich nicht (ARD/WDR/MDR/Degeto), Buch: Laila Stieler, Regie: Züli Aladag, Ausstrahlung: Das Erste, Mo 4.4.16, 20.15 bis 21.50 Uhr, Einschaltquote: 2,36 Mio Zuschauer, Marktanteil: 7,3 Prozent
Teil 3: Die Ermittler – Nur für den Dienstgebrauch (ARD/BR/MDR/ Degeto), Buch: Rolf Basedow, Christoph Busche, Jan Braren, Regie: Florian Cossen, Ausstrahlung: Das Erste, Mi 6.4.16, 20.15 bis 21.45 Uhr, Einschaltquote: 2,80 Mio Zuschauer, Marktanteil: 8,8 Prozent, Produktion aller drei Filme: Gabriela Sperl Produktion für Wiedemann & Berg Television Fotos: Screenshots