„Alles Identische scheut die Poesie“

Zum Tod des Schriftstellers und Hörspielautors Paul Wühr

Von Jochen Meißner

08.08.2016 • Als der Schriftsteller Paul Wühr 1963 sein erstes Hörspiel schrieb – es hatte den Titel „Das Experiment“ –, da war der Bäckerssohn aus der Münchner Maxvorstadt noch Volksschullehrer und das Hörspiel war monophon und auf der inneren Bühne beheimatet. Doch Wührs Radioarbeiten standen schon damals quer zur üblichen Ästhetik. Seine Stücke „Wer kann mir sagen, wer Sheila ist?“ (WDR 1964) und „Fensterstürze“ (WDR 1968) thematisierten nicht nur das Verfertigen des Stücks während des Machens (und Hörens), sondern stellten die Frage nach der Autorschaft auf eine Weise, die nicht nur literaturtheoretisch, sondern auch metaphysisch relevant war.

So entpuppt sich im Hörspiel „Fensterstürze“ die Figur des „Kiebitz“, der zunächst als Beobachter nicht in die Handlung involviert sein wollte, als der eigentliche Autor in einer schöpferischen Gottesposition. In dem Spiel um zwei Paare, die sich im leeren Raum des Akustischen gegenseitig als bloße Fiktionen betrachten, kommt es zu einem unerwarteten Showdown, indem sich der „Kiebitz“-Gott aus dem Fenster stürzt. Zum Erstaunen der Figuren existieren sie aber auch nach dem Tod ihres Schöpfers weiter. Auch im Stück „Gott heißt Simon Cumascach“ (WDR 1965) treibt Paul Wühr wie ein häretischer Theologe den Prior eines irischen Klosters Mitte des 16. Jahrhunderts in dogmatische Aporien um eine Gottesvorstellung, in der „ein Gott, der menschlicher denkt als der Mensch“, nicht zugelassen werden darf. Wührs frühe Hörspiele sind Denkstücke, die so tief in (theo)logische Paradoxien führen, dass es einem schwindelig werden kann.

Das Genre Originaltonhörspiel

Kaum zu überschätzen ist die Bedeutung Paul Wührs für das Genre Originaltonhörspiel, das er 1971 mit dem Stück „Preislied“ (BR/NDR) neu definierte. Kurz zuvor hatte sich Ludwig Harig mit der Collagierung medialer O-Töne der Beisetzung von Altbundeskanzler Konrad Adenauer im Stück „Staatsbegräbnis“ (SR/WDR) jede Menge Ärger eingehandelt, da griff Paul Wühr zusammen mit Jürgen Geers zum Mikrofon und besorgte sich die O-Töne selber – nicht allerdings ohne den dokumentarischen Anspruch von Beginn an zu reflektieren und zu relativieren. „Die Hörspielarbeiten bei Schöning und bei Buggert haben mich eigentlich zu dem gemacht, was ich werden wollte, nämlich ein Poet“, sagte Wühr 2007 und würdigte damit seine Dramaturgen Klaus Schöning (WDR) und Christoph Buggert (BR, später HR). Letzterer war verantwortlich für die O-Ton-Trilogie „So spricht unsereiner“, deren Auftakt das Stück „Preislied“ bildete, das 1972 mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichnet wurde.

Das „Preislied“, die vielstimmige Collage mit Lobreden auf gegenwärtige Verhältnisse, wurde aus vielen Stunden O-Ton-Material von 22 Personen aus allen sozialen Schichten und Altersgruppen zusammengesetzt (eine Kellnerin, Lehrlinge und Schüler, Studenten, ein junger Arbeitgeber, mehrere Arbeiter und Angestellte, eine Prostituierte, eine Hausfrau, eine Rentnerin, eine Hausbesitzerin und ein Studienrat). Nach der peniblen Transkription des Materials und dessen Anordnung in sogenannte Figurationen, in denen sich bestimmte Gedanken und Verhaltensweisen erzählerisch oder szenisch entwickeln, entstand das Bild eines Gesamtbewusstseins des Einverstandenseins. Das Stück beginnt – wie sollte es auch anders sein? – mit einem Credo (Musik: Enno Dugend). Ein Jahr hat die Arbeit am „Preislied“ gedauert und in den analogen Zeiten stapelten sich etwa 900 Bobbys, jene runden Metallscheiben, auf denen die einzelnen Tonbandschnipsel aufgespult waren, in den Studios des Bayerischen Rundfunks.

„Man sagt ‘Ja’ dazu und lernt leiden“, so lautet einer der Kernsätze des Stücks, und dass, obwohl Wühr ganze Sätze nicht mag. Denn sie gehörten, so Wühr, dem Diskursiven an und der Punkt nach einer Aussage sei wie ein Tod. Stattdessen schätzte Wühr poetische Satzfragmente wie diese: „Das Recht, das hier Ordnung herausschreit“, eine Formulierung, die aus dem „Preislied“ hervorsticht. So wurde das Stück zu einem mentalitätsgeschichtlichen Archiv, das auch gegenwärtige gesellschaftliche Stimmungslagen verständlicher macht. Andererseits widersprach Wühr explizit dem „weitverbreiteten Glauben an die Authentizität von Dokumenten, der naiv für Wirklichkeit hält, was ihm als Dokument geboten wird“. Seiner Einschätzung nach hat gerade das Originaltonhörspiel die Chance, „durch offenes Eingeständnis der Manipulation diese aufzuheben und damit auch den Glauben an die Authentizität von Dokumenten abzubauen“.

Weil sich aber die poetische Wahrheit der O-Ton-Hörspiele von Paul Wühr des öfteren mit der außerkünstlerischen überschnitt, wollte 1973 die Münchner Staatsanwaltschaft die Identitäten der realen drogenabhängigen Protagonisten seines Hörspiels „Trip Null“ (BR/NDR) ermitteln. Der Bayerische Rundfunk hat sich diesem Ansinnen aber verweigert. Das Stück „Verirrhaus“ (BR/WDR 1972) über psychische Kranke komplettierte die O-Ton-Trilogie „So spricht unsereiner“. Die Produktion eines vierten Stücks dieser Reihe lehnte der WDR 1972 als „peinlichen Voyeur-(Ecouter-)ismus“ ab. Es wurde nur als Druckfassung im Hanser-Verlag überliefert, bis es 1992, fast zwanzig Jahre später, vom damaligen Sender Freies Berlin (SFB) doch noch produziert wurde, Titel: „So eine Freiheit“. Es handelte sich um eine Collage mit Aussagen von elf Frauen zu Zeiten der sexuellen Befreiung nach 1968. Diese Frauen verfügten zwar über eine Freiheit, wie kaum eine Generation vor ihnen, was aber das sexuelle Elend nicht verhinderte, wenn frau sich manchmal vorkam „wie ein Astloch, das zu jeder Tages- und Nachtzeit, ob Schlecht- oder Gutwetter, bearbeitet wird“.

Das Falsche als Teil des Richtigen

„Um Peinlichkeit wird gebeten bei mir“, kommentierte Wühr das später, wie auch der Fehler bzw. das Falsche Zentralkategorien seiner Poetik waren. Wobei das Falsche nicht als Gegensatz zum Richtigen, sondern als Teil von ihm aufzufassen ist. „Das Falsche gehört in das Richtige hinein, damit das Richtige überhaupt erträglich bleibt“, sagte Wühr, denn das Richtige neige dazu, sich zu überheben und zu unterdrücken: „Davon geht immer Gewalt aus.“ In seinen Wiener Poetik-Vorlesungen brachte Wühr dies auf den Punkt: „Es muss gesagt werden in einer in totalitäres Verhalten verliebten Zeit. […] Alles Identische scheut die Poesie“, denn die Poesie trenne die identischen Muster auf. Und so fällt es schwer die literarischen Werke Wührs in Gattungsschablonen zu pressen. 1983 veröffentlichte Wühr einen 700-seitigen Text mit dem programmatischen Titel „Das falsche Buch“. Schon der im Vorfeld des „Preislieds“ entstandene topografische Roman „Gegenmünchen“ (Motto: „Eine Wörterstadt im Buch“) hatte mit typografischen Mitteln die literarischen Möglichkeiten der Schrift ausgelotet.

Wührs letzte sprachzentrierte O-Ton-Collage und damit eigentlich Teil fünf der Trilogie „So spricht unsereiner“ stammt aus dem Jahr 1976: Im Stück „Viel Glück“ (BR/NDR) geht es um die Glücksvorstellungen und Zukunftsentwürfe der Befragten, die ihnen in einer zweiten Aufnahmesession zur Kommentierung vorgelegt wurden. Der Tenor ist ähnlich deprimierend wie in „So eine Freiheit“. Mit den eher klangzentrierten Collagen „Soundseeing Metropolis München“ (WDR 1986) und „Faschang Garaus“ (WDR 1989) verabschiedete sich der 1927 in München geborene Wühr vom Hörspiel. Seine literarische Produktivität blieb davon unbeeinflusst. Seit 1986 lebte der vielfach ausgezeichnete Schriftsteller in der kleinen umbrischen Stadt Passignano oberhalb des Trasimenischen Sees. Am 12. Juli ist Paul Wühr, zwei Tage nach seinem 89. Geburtstag, in seiner italienischen Wahlheimat gestorben. Er wurde am 20. Juli auf dem Münchner Westfriedhof beigesetzt.

08.08.2016/MK