Widersprüchlichkeit und Zerrissenheit: Über den ARD-Film zum 50. Geburtstag von Boris Becker

24.11.2017 • Boris Becker würde darin wieder ein schlechtes Zeichen sehen, wie so oft, wenn etwas in seinem Leben schiefgeht. Da plant die ARD zu seinem 50. Geburtstag einen großen Film, in dem seine sportlichen Leistungen, die gerade auch das Fernsehen gefeiert hat, und sein Leben, über das vor allem die Boulevardmedien bis heute gerne berichten, bilanziert werden. Einen Film, wie er nur den größten Sportlern zuteil wird wie zuletzt Franz Beckenbauer, der im September 2015 seinen 70. Geburtstag feierte. Einen Film, den zwei Autoren drehen, die sich auf dem Terrain des Sports wie des Gesellschaftlichen gut auskennen: Hanns-Bruno Kammertöns, Sportjournalist der „Zeit“, und Michael Wech, der vor allem als politischer Fernsehjournalist arbeitet.

Selbstverständlich sollte der Film dann auch genau am Tag des 50. Geburtstag Beckers im Ersten Programm laufen, doch da stellte sich ein ernstes Problem. Am Abend dieses 22. Novembers 2017 würde das ZDF parallel ein Spiel der Champions League übertragen (RSC Anderlecht gegen Bayern München). Sport gegen Sport zu programmieren, das empfiehlt sich nicht. Und gegen Live-Fußball kommt selbst das Porträt eines Sportheroen, der einst mit seinem Tennis ganz Deutschland faszinierte und die Menschen vor den Fernsehschirmen versammelte, nicht an.

Also wurde der Film vorverlegt auf Montag, den 20. November. Dafür stellte die ARD sogar das Programm um und verzichtete in der Planung auf die eigentlich an diesem Abend fällige Ausgabe der von Frank Plasberg moderierten Talkshow „Hart aber fair“, deren Titel übrigens zu Boris Becker gut gepasst hätte. Dass eine politische Sendung zugunsten des Sportlerporträts ausfallen sollte, darüber mokierten sich im Vorfeld dann einige, die sich an ansonsten am Plasberg-Talk längst sattgesehen hatten. Der 85-minütige Film sollte also an diesem Montag zur Primetime um 20.15 Uhr laufen.

Doch es kam anders und für Becker wiederum schlechter als geplant. In der Nacht von Sonntag auf Montag (19./20. November) waren die Koalitionsverhandlungen zwischen CDU/CSU, FDP und Grünen zur Bildung einer neuen Bundesregierung geplatzt. Da die SPD zuvor bereits einer großen Koalition eine Absage erteilt hatte, wusste das Land nicht, was nun politisch geschehen würde. Es trat eine Art Schockstarre ein, die es am Abend (unter anderem) im Ersten in einer großen Sondersendung, einem halbstündigen „Brennpunkt“, zu bearbeiten galt, ehe dann – wie Ziethen aus dem Busch – auch Frank Plasberg doch noch auf dem Bildschirm auftauchte, um in einer einstündigen „Hart-aber-fair“-Spezialausgabe (20.45 bis 21.45 Uhr) das politische Chaos zumindest in die Routine des politischen Plaudertalks zu überführen und so das Land fernsehtypisch zu beruhigen.

Der Film „Boris Becker – Der Spieler“ wurde somit an diesem Montag auf den späten Abend verlegt und ab 22.20 Uhr nach den (diesmal rund 35 Minuten langen) ARD-„Tagesthemen“ ausgestrahlt, also auf einem Sendeplatz, der für die meisten Dokumentarfilme schon die beste aller Möglichkeiten in einem öffentlich-rechtlichen Hauptprogramm darstellt. (Wobei an diesem wegen der politischen Ereignisse ungewöhnlichen Fernsehabend die „Tagesthemen“ eine halbe Stunde früher begannen als üblich.)

Die Idee, dass Becker die Verschiebung von der Primetime in den späten Abend, mit dem ein Verlust an Aufmerksamkeit zwangsläufig einhergeht, als Zeichen fehlender Anerkennung ansehen könnte, stammt aus dem Film selbst. An zwei Stellen berichtet ein ehemaliger Physiotherapeut, dass der Tennisstar zwei wichtige Niederlagen auf kleine Irritationen zurückführte. So habe er gegen Michael Stich 1991 in Wimbledon vor allem deshalb verloren, weil Stich vor dem Spiel mit einer Umarmung Beckers dessen streng ritualisierten Ablauf vor einem Match gestört habe. Und die Niederlage in seinem letzten Wimbledon-Spiel 1999 habe Becker darauf zurückgeführt, dass seine damalige Frau Barbara, die sonst immer pünktlich war, zu Beginn dieses Matches noch nicht auf ihrem Tribünenplatz gesessen habe.

Dass sich die Welt mitunter gegen ihn verschworen habe, ist eine der gängigen Deutungen seines Lebens, derer sich Becker befleißigt, eine Deutung auch, die ihm ein Alibi vor sich selbst verschafft. Direkt nach der Wimbledon-Niederlage 1999 kommt es in London zu einer Affäre mit einer Hotelangestellten, die Becker für Monate in die Schlagzeilen der Klatschpresse bringt und letzten Endes auch seine Ehe zerstören wird. All das nur deshalb, weil Barbara Becker auf dem Centre Court nicht rechtzeitig ihrem Boris zugesehen hatte?

Es ist die besondere Qualität des Films, dass er uns diese Zerrissenheit eines Menschen erkennen lässt, der sich stets bemüht, überall und noch in den absurdesten Situationen souverän zu wirken, ob er nun mit den Großen der Welt spricht oder mit abgehalfterten Pokerspielern in der tiefsten Provinz um Geld zockt. Eine Zerrissenheit, die sich daraus erklärt, dass mit Boris Becker ein Junge von 17 Jahren innerhalb weniger Wochen aus dem Nichts zu einem Medienstar aufsteigt, der 1985 mit seinem ersten Wimbledon-Sieg eine ganze Nation in den Bann schlägt und aus der Randsportart Tennis eine Art Massenbewegung macht. Immer wieder sagt er in den vielen Gesprächen, die beide Autoren seit Drehbeginn im Dezember 2016 mit ihm führten, dass es nur ihn etwas anginge, wie es ihm gehe, dass er weder für Deutschland noch die Medien seine Siege errungen habe, dass er sich selbst genug sei.

Es ist eine Art Mantra, dass Becker sich in diesem Film selbst immer wieder aufsagt und dem der Film permanent widerspricht, weil er seinen Protagonisten eben als Medienfigur bis in die Einsamkeit eines Hotelzimmers und in den OP-Saal hinein begleitet, ihn mit Frau und Kind in vielen privaten Situationen filmt und ihn an den Orten befragt, die ihm am wichtigsten sind. Vielleicht ist es das absurdeste Bild von allem, dass Becker seinen siebenjährigen Sohn Amadeus und seine Frau Lilly mit in den Film hineinnimmt, während das Kennzeichen des Wagens, mit dem er durch London fährt, verpixelt wird, damit man es nicht lesen kann. Boris Becker will alles zeigen, auf das er stolz ist, und klagt gleichzeitig eine Privatsphäre ein, die es aber nicht zu geben scheint. Diesen Widerspruch löst er an einer Stelle selbst auf: Seinem eigenen Anliegen auf Ruhe und Privatheit stehe das „Geschäftsmodell Boris Becker“ entgegen, das nur mit größtmöglicher Öffentlichkeit funktioniere.

Dieses Geschäftsmodell ist im Sommer 2017 in Zweifel geraten, als erst eine Bank in London und dann ein Schweizer Investor bei Becker Schulden in zweistelliger Millionenhöhe einklagten. Der Film spricht das früh an, um das Thema dann eine Stunde lang zu verdrängen. Als es dann erneut erwähnt wird, geben sich die Autoren zunächst mit einer Erklärung von Becker zufrieden, dass die Forderungen falsch seien und dass zudem auf seiner Seite genügend Eigenkapital zur Verfügung stehe, um jedwede Insolvenz abzuwenden. Das war zu dem im Film nicht datierten Zeitpunkt dieser Erklärung nachweislich falsch – weshalb der Film später diese Behauptung Beckers relativiert und ihm stattdessen die Strategie unterstellt, er wolle die betreffenden Klagen bis zu einem Zeitpunkt im Sommer 2018 überstehen, da dann, wie es in Großbritannien möglich sei, nach einem Jahr etwaige Ansprüche verfielen.

An dieser Stelle entfernt sich der Kommentar des Films, der permanent zu hören ist und selbst die simpelsten Dinge erklären zu müssen meint, am weitesten von seinem Protagonisten. Dieser ewig plappernde Kommentar, die Musiksuppe, die über alles gelegt wird, und absurde visuelle Highlights wie ein Hubschrauberflug über Monaco übertünchen oft weitere Erkenntnismomente. Dass Becker beispielsweise – wie sein erster Manager Ion Tiriac sagt – zu seiner Zeit die härtesten Schläge auf dem Tennis-Circuit hatte, warum Becker so oft mit seinem Aufschlag punktete, weshalb er seine Gegner regelmäßig mental niederringen konnte, all das wird in dem Film nicht weiter beleuchtet. Stattdessen wird der Leidensmann Boris Becker vorgeführt, der am Ende eines Tages bei den French Open 2017 – wo er für den Sender Eurosport als Experte kommentierte – müde, ausgelaugt und von schwerem Muskelschaden gepeinigt zu seinem Hotel schlurft – und genau das der Kamera zeigen will. Den Film „Boris Becker – Der Spieler“ (Produktion: C-Films in Kooperation mit Wild Bunch) sahen 2,31 Mio Zuschauer, was einen Marktanteil von 12,4 Prozent bedeutete und für die Sendezeit dann doch eine recht gute Einschaltquote war.

24.11.2017 – Dietrich Leder/MK