Spiegelkabinett mit RAF‑Bezügen: Zur Stuttgarter „Tatort“‑Folge von Dominik Graf

18.10.2017 • Im ersten Moment schien es keiner, der die „Tatort“-Folge „Der rote Schatten“ (ARD/SWR, 15.10.17) vorab gesehen hatte, bemerkt zu haben. In den Vorabkritiken, die den Film und vor allem die Inszenierung von Regisseur Dominik Graf lobten, fehlte jeder größere Zweifel. Einen Tag nach der Ausstrahlung wurde derselbe Film als „Propaganda“ und als „brandgefährlich“ beschimpft, was er erzähle, sei „gefährlicher Unsinn“.

Dominik Graf hat in seinen Kriminalfilmen schon des öfteren Verbrechen aus der Wirklichkeit thematisiert. Am radikalsten, da sichtbarsten, in seinem Film „Das unsichtbare Mädchen“ (ZDF/Arte), der dem realen sogenannten „Fall Peggy“, der im Jahr 2001 seinen Anfang genommen hatte, deutlich nachgebildet war (vgl. diesen FK-Artikel). In seinem Film hatte Graf die zum Zeitpunkt der Dreharbeiten fortexistierenden Rätsel des Kriminalfalls – ein Mädchen war spurlos verschwunden – auf seine Weise gelöst. Diese Lösung erwies sich später, als 2016 der Leichnam gefunden wurde, als falsch. Richtig gelegen hatte Graf aber bei den Zweifeln und in der Kritik, die er an der Arbeit von Polizei und Justiz übte, die einen Unschuldigen hinter Gitter gebracht hatten; die Unschuld des Mannes konnte zwei Jahre nach der Ausstrahlung des Films bewiesen werden.

Diesmal nahmen sich Graf und sein Drehbuchautor Raul Grothe (ein Pseudonym) eines Kriminalfalls an, der ungleich brisanter ist und der sich zudem im Monat der Ausstrahlung des „Tatorts“ zum 40. Mal jährte. Die Folge „Der rote Schatten“ erzählt nämlich unter anderem von jener Nacht im Gefängnis Stuttgart-Stammheim im Oktober 1977, in der sich die Führungsriege der linken Terrorgruppe Rote Armee Fraktion (RAF) umbrachte: Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe hatten zuvor im Radio gehört, dass die entführte Lufthansa-Maschine „Landshut“ im somalischen Mogadischu befreit worden war. Das Flugzeug war von einem palästinensischen Terrorkommando entführt worden, um den Druck auf die deutsche Bundesregierung zu erhöhen, die Gefangenen der RAF freizulassen. Zu diesem Zweck hatte die RAF zuvor bereits den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer entführt und dabei drei Polizisten und einen Fahrer erschossen.

An all das hatten wegen des Jahrestages nun allerlei Artikel und Fernsehsendungen erinnert. An viele ihrer Bilder knüpft Dominik Graf in seinem „Tatort“ an. Nur fügt er sie in mehreren Blöcken in eine Filmhandlung ein, die in der Gegenwart des Jahres 2017 spielt. Diese Blöcke der Erinnerung sind als klassische Filmbilder, die im Normalformat 4:3 aufgenommen wurden, einmontiert. So sieht man im freien Streifen des heute gebräuchlichen 16:9-Formats immer wieder ein Perforationsloch. Das ist selbstverständlich in der Postproduktion hinzugefügt worden. Nicht alle dort verwendeten Bilder wurden ja auf Filmmaterial gedreht. Diese Anähnelung von sehr unterschiedlichen Materialien erlaubte es Graf, Bilder, die er selbst aktuell drehte, als historisch auszugeben.

Die Erinnerungsblöcke beziehen sich nun nicht primär auf die Nacht von Stammheim, sondern in erster Linie auf die Figuren, von denen der Film erzählt. Die entsprechenden Bilder dienen also primär dem Zweck, die Figuren biografisch im Kontext der 1970er Jahre und im Raum Stuttgart mit seinen linken Kneipen und seiner – sparsamen – Subkultur zu verorten. So finden sich in dem „Tatort“ beispielsweise Bilder einer Aufführung von Goldonis „Diener zweier Herren“, die 1977 im Stuttgarter Schauspielhause stattfand und die das ZDF aufzeichnete. Unter den Filmfiguren sind welche, die nach der Auflösung der RAF im Jahr 1998 im Untergrund blieben und die heute mit Überfällen auf Geldtransporter ihren Lebensunterhalt bestreiten. Hier greift der Film eine Vermutung der Polizei auf, die hinter einer Überfallserie in Niedersachsen einen versprengten Rest der RAF vermutet.

Zum anderen agieren in dem „Tatort“ solche Personen, die damals mit den Terroristen sympathisierten oder ihnen gar als Helfer dienten. Von ihnen ist einer zum Verräter geworden, der beispielsweise enthüllte, wie Baader und seine Mitgefangenen an die Waffen kamen, mit denen sie sich im angeblich komplett abgeschotteten Stammheimer Hochsicherheitstrakt selbst töteten. Auch diese Verräterfigur hat ein Vorbild aus der Wirklichkeit.

All diese Figuren bevölkern eine „Tatort“-Geschichte, die mit einem Umweg beginnt. Nach einem Verkehrsunfall wird im Wagen eine Frauenleiche gefunden, die allerdings zur Verblüffung der hinzugerufenen Kriminalbeamten Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) bereits deutlich sichtbar obduziert wurde. Der Fahrer des verunglückten Wagens wollte die Leiche seiner getrennt von ihm lebenden Frau zu einer weiteren Obduktion ins Ausland bringen, da er am Ergebnis der ersten Obduktion zweifelt, der zufolge es sich hier um einen Suizid handeln soll. Der Mann glaubt, die Frau sei von ihrem neuen Lebensgefährten umgebracht worden. Als Lannert und Bootz sich diesem Verdächtigen – Hannes Jaenicke in einer Paraderolle als zur Gewalt neigendem Verführer – nähern, bemerken sie, dass dieser Mann von Beamten des Landeskriminalamts (LKA) weniger beschattet als vielmehr geradezu begleitet wird. Es handelt sich um jenen „Verräter“, der bezeugt hatte, wie die Waffen über die Handakten der Rechtsanwälte in den Stammheimer Hochsicherheitstrakt zu den RAF-Häftlingen kamen.

So weit so logisch. Dass aber ausgerechnet dieser „Verräter“, als den ihn die RAF-Sympathisanten ansahen, ein sexuelles Verhältnis zu einer im Untergrund lebenden Frau der aufgelösten RAF pflegt, die ihn dann auch als ihren „schönsten Verräter“ bezeichnet, ist absurd. Es soll aber die Handlung ankurbeln, denn diese Frau wird bei einem – von Graf perfekt choreografierten – Überfall erschossen. Doch damit nicht genug: Der Verräter hat noch einen Doppelgänger, der möglicherweise seinerzeit die RAF von ihm ablenken sollte. Das verwirrt die Kriminalbeamten und das verwirrt auch die Zuschauer, die sich angesichts all dieser doppelten Motive und Figuren wie in einem Spiegelkabinett vorkommen mussten.

Und genau das definiert das erzählerische Prinzip dieser Stuttgarter „Tatort“-Folge. In ihr ist nichts das, als was es erscheint. Klar wird nur, dass die von Jaenicke gespielte Figur die Frau umgebracht hat, deren Leiche den Kriminalfall auslöste. Als er selbst am Ende stirbt, ist unklar, wie er umkam. Es gibt mehrere Tatverdächtige, unter ihnen auch Verfassungsschützer, die neben den beiden ermittelnden „Tatort“-Beamten und den Mitarbeitern des LKA in diesem Fall ebenfalls mitmischen.

In diesem durchgehenden Verwirrspiel spielt Dominik Graf auch und unter anderem mit den Ereignissen in Stammheim. Er deutet dabei bis heute existierende Rätsel der Ereignisse für seine Zwecke aus. Diese Rätsel hatten nach den Ereignissen vom Oktober 1977 Sympathisanten der RAF dazu genutzt, die These in die Welt zu setzen, dass die Gefangenen vom Staat ermordet worden seien. Wie das vonstattengegangen sein könnte, zeigt Graf ebenso wie die drei Selbsttötungen. Er spielt also mit den Deutungsmöglichkeiten des Falls und seiner Rätsel.

Genau das löste den Aufruhr nach der Ausstrahlung des Films aus. Vor allem Stefan Aust, der nach seinem 1985 erstmalig erschienenen Buch „Der Baader-Meinhof-Komplex“ so etwas wie die Deutungshoheit über die RAF gepachtet haben will, zeigte sich empört. Auch Wolfgang Kraushaar, der sich ebenfalls mehrfach mit der RAF beschäftigte und zuletzt das Buch „Die blinden Flecken der RAF“ vorlegte, äußerte sich kritisch über diese „Tatort“-Folge von Dominik Graf. Beide Autoren haben sich lange Zeit an der Mordthese abgearbeitet, die sie nun schon seit Jahren als falsifiziert ansehen. Zu Recht. So sprechen alle Indizien dafür, dass vor allem Baader seine Selbsttötung als Mord aussehen lassen wollte, um die Sympathisanten in ihrer Wut auf den Staat als den vermeintlichen Mörder anzustacheln.

Diese Selbstmord-als-Mord-Inszenierung Baaders zeigt der „Tatort“. Er zeigt aber genauso deutlich, wie eine Mord-als-Selbstmord-Inszenierung ausgesehen hätte. Fiktion ist und bleibt ein Spiel mit Möglichkeiten, die man sich mitunter kaum denken mag. Welche der Möglichkeiten die Wirklichkeit jener Nacht besser wiedergibt, sagt der Film nicht. Er zeigt aber stets, dass es eine Inszenierung war. Das demonstriert auch das Ende dieses „Tatorts“ (9,27 Mio Zuschauer, Marktanteil: 27,2 Prozent): Denn auch vom Tod der Jaenicke-Figur sieht man mehrere Möglichkeiten. Und weiß nicht, welche stimmt.

Leider hat der Film, der mit seinen knappen Dialogen, seinem Tempo, seiner Choreografie der Polizeieinsätze weit aus dem Durchschnitt der Reihe „Tatort“ herausragt, einige Schwächen. Zwei sind mit der Überhöhung der Jaenicke-Figur zum „schönen Verräter“ und der Einführung des Doppelgängers schon benannt. Eine weitere kommt hinzu: Um die Figur des Kommissars Lannert in die Zeitgeschichte einzubinden, muss dieser sich in einem längeren Solo seinem Kollegen Bootz erklären. Der entsprechende Monolog war schlecht geschrieben und auch schlecht gespielt, als hielten Autor, Regisseur und Schauspieler ihn selbst eigentlich für überflüssig.

Diese Selbsterklärung der von Richy Müller gespielten Figur wirkte auch deshalb so unangemessen, weil der Schauspieler wie auch die Reihe „Tatort“ ja selbst Bezüge zur RAF aufweisen. Richy Müller spielte im Kinofilm „Die innere Sicherheit“ von Christian Petzold (2000) zusammen mit Barbara Auer ein Paar, das seit Jahren im Untergrund lebt, weil es einst zu einer RAF-ähnlichen Organisation gehörte, und das eine Bank überfällt, um an Geld zu kommen. Und in den Erinnerungsblöcken des „Tatorts“ gab es auch ein Bild vom Prozess gegen diejenigen, die 1968 nächstens ein Frankfurter Kaufhaus in Brand gesteckt hatten. Auf dem Bild des Prozesses dazu erkennt man Baader und Ensslin. Nicht zu sehen sind die beiden anderen Angeklagten. Sie werden, anders als Baader und Ensslin, den Wahnsinn der wenig später gegründeten RAF nicht mitmachen. Einer dieser anderen beiden schrieb später unter anderem Namen auch – ja, richtig – „Tatort“-Folgen.

Vielleicht waren Stefan Aust und Wolfgang Kraushaar auch deshalb so böse, weil sie nicht ‘mitspielen’ durften?

18.10.2017 – Dietrich Leder/MK