„Spiegel“ und ARD – gemeinsam stark: Zur Dokumentation „Bimbes – Die schwarzen Kassen des Helmut Kohl

06.12.2017 • So kann es gehen. Vor einigen Wochen noch hatte der „Spiegel“ in einer Titelgeschichte, die sich kritisch mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk beschäftigte, die kontinuierliche, im Rahmen eines Rechercheverbunds erfolgende Zusammenarbeit von NDR und WDR mit der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ) kritisiert. Das fiel schon damals auf, produziert doch der „Spiegel“ über eine Tochterfirma ebenfalls regelmäßig mit öffentlichen-rechtlichen Sendern für deren Programme Filme. Der „Spiegel“ arbeitet also oft genug auch selbst mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk zusammen.

Wer das vergessen hatte, wurde in der jüngsten Ausgabe des Magazins vom 2. Dezember darauf hingewiesen, als in der „Hausmitteilung“ als erstes ein großer Artikel annonciert wurde, der in Kooperation mit zwei Filmemachern, Stephan Lamby und Egmont R. Koch, entstanden sei, die – das wurde in einer Fußnote des Artikels annotiert – zu dem betreffenden Thema im Auftrag des SWR einen Film für das Erste Programm der ARD hergestellt hatten.

Dieser Film wurde dann unter dem Titel „Bimbes – Die schwarzen Kassen des Helmut Kohl“ am 4. Dezember (Montag) um 22.45 Uhr – also zwei Tage nach dem Erscheinen der gedruckten „Spiegel“-Ausgabe – im Ersten ausgestrahlt. Und siehe da, Artikel wie Film bewiesen, wie fruchtbringend eine solche Zusammenarbeit sein kann, vor allem wenn sie eine komplexe Materie durchleuchtet. Es ging in diesem Fall um die Spendengelder, die seit den 1960er Jahren von der deutschen Industrie vor allem an die CDU und ihren von 1973 bis 1998 amtierenden Vorsitzenden Helmut Kohl gereicht worden waren.

In den 1980er Jahren war diese Praxis maßgeblich vom „Spiegel“ aufgedeckt worden und hatte unter dem Begriff „Parteispendenaffäre“ Karriere als einer der größten innenpolitischen Skandale der Bundesrepublik gemacht. Vieles von dem war mittlerweile vergessen worden, etwa wie der Flick-Konzern den Aufstieg des Landespolitikers Helmut Kohl an die Spitze seiner Partei dadurch ermöglichte, indem er dessen Vorgänger Rainer Barzel den Ruhestand finanziell versüßte. An diese Aspekte des von 1982 bis 1998 amtierenden Bundeskanzlers Helmut Kohl zu erinnern, war zwar sinnvoll, bedurfte aber doch eines aktuellen Anlasses.

Dieser Anlass bot sich in der Tatsache, dass Kohl ein Geheimnis bis zu seinem Tod in diesem Sommer nicht gelüftet hatte, nämlich woher denn die letzte große Spendensumme in Höhe von 2,174 Mio D-Mark kam, die 1999 Staatsanwälte und Wirtschaftsprüfer im undurchsichtigen Kassensystem der CDU entdeckt hatten. Damals hatte Kohl in einem ZDF-Interview erklärt, diese Gelder seien ihm von „vier oder fünf“ Spendern überreicht worden, denen er sein „Ehrenwort“ gegeben habe, dass er ihre Namen zu allen Zeiten verschweigen werde. Dieser in seiner Selbstherrlichkeit mehr als bizarre Fernsehauftritt, der auch in seiner eigenen Partei auf Kritik stieß, war der Anfang vom Ende des Politikers Helmut Kohl gewesen.

Ausgangspunkt der erneuten Recherche war ein Interview, das der Dokumentarfilmer Stephan Lamby vor zwei Jahren mit Wolfgang Schäuble (CDU) führte, als er an einem Porträt über den damaligen Bundesfinanzminister arbeitete, das dann im August 2015 im Ersten zu sehen war; verantwortlicher Sender war ebenfalls der SWR (vgl. MK-Kritik). Als das Gespräch auf die anonymen Spender kam, sagte Schäuble damals, dass es diese Spender gar nicht gebe. Auf das erstaunte Nachfragen des Filmemachers, woher das Geld denn dann stamme, verwies Schäuble auf „schwarze Kassen“, die von der CDU in den Jahren von 1960 bis 1980 gebildet worden seien und aus denen sich Helmut Kohl bis in die 1990er Jahre bedient habe, um ungewöhnliche Ausgaben zu finanzieren. Der jetzige Film (produziert von Lambys Firma Eco Media) wie auch der „Spiegel“-Artikel präsentierten nun viele Details, die diese Grundannahme stützten. Dazu mussten die Autoren zum einen in die Geschichte der Parteispendenaffäre hinabsteigen und sie mussten nach gegenwärtigen Zeugen suchen, die weitere Indizien beisteuern konnten.

Genau das erklärt das Zusammenspiel von Lamby und Koch auf der einen und der „Spiegel“-Redaktion auf der anderen Seite. Das Magazin und einige seiner ehemaligen, da pensionierten oder zur Konkurrenz der SZ gewechselten Rechercheure lieferten das umfassende Wissen zu den Spendenpraktiken der Großindustrie und zum System der Geldwäsche, das von der CDU errichtet worden war. Und Lamby hatte nicht nur Schäuble den Hinweis entlockt, dass die anonymen Spender möglicherweise eine Erfindung Kohls gewesen seien, sondern hatte einige Jahre zuvor auch den Altkanzler in einem langen Fernsehinterview dazu befragt (zusammen mit Michael Rutz). Koch wiederum hatte einen ehemaligen Mitarbeiter aus der CDU-Abteilung „Haushalt“ aufgetrieben und zu Aussagen bringen können, die Schäubles Hinweise deutlich stützten. Die Zusammenarbeit zwischen den beiden Medien war also sinnvoll und plausibel. Fast möchte man sagen: „Spiegel“ und ARD – gemeinsam stark.

Anders als der „Spiegel“-Artikel verwies der Film direkt im Kommentar oder indirekt durch Aussagen von Zeitzeugen wie Norbert Blüm (CDU) und Otto Schily (früher Mitglied der Grünen, heute SPD) auch auf die Verdienste des Bundeskanzlers Helmut Kohl. Vor diesem zeitgeschichtlich begründeten Lob erschienen dann die Tricksereien und die Lügen in der Öffentlichkeit wie auch vor Gericht oder in Untersuchungsausschüssen wie ein großer dunkler Schatten, der selbst Parteifreunde wie Schäuble und Blüm noch heute sichtbar erschüttert, wie im Film zu sehen.

Die erschreckendste Aussage kam von Uwe Lüthje aus der CDU-Verwaltung, der viele Jahre die obskursten Aufträge zur Geldbeschaffung für Helmut Kohl übernommen hatte. Von ihm hatte sich Kohl massiv distanziert, als er selbst in den Sog der Affäre gezogen zu werden drohte. Wie der menschlich enttäuschte Lüthje darauf reagierte, bewies die Mitschrift eines Gesprächs, das ein mittlerweile pensionierter „Spiegel“-Reporter mit ihm kurz vor Lüthjes Tod geführt hatte und das bislang noch nicht veröffentlicht worden war. Solche Papierdokumente wurden im Film in der Hauptsache vom Schauspieler Hanns Zischler verlesen, der sie zwar sachlich vortrug, aber stets auch ein leichtes Erstaunen über die in darin erkennbar werdenden Praktiken andeutete.

Am Ende der 75-minütigen Dokumentation (1,67 Mio Zuschauer, Marktanteil: 10,4 Prozent) wurde noch einmal der Ausschnitt von Stephan Lambys Gespräch mit Wolfgang Schäuble wiederholt, in dem dieser gemutmaßt hatte, dass es die anonymen Spender Kohls gar nicht gegeben habe. Dann folgte eine Passage, die – nach meinem Wissen – in dem 2015 ausgestrahlten Schäuble-Porträt nicht enthalten war. Darin begründet Schäuble seine Zweifel an der Existenz der angeblichen Spender damit, dass man doch in Krimis auch immer stutzig werde, wenn ein Verdächtiger im Verhör oder ein Angeklagter vor Gericht immer genau das gestehe, was zu hundert Prozent zu den Erkenntnissen der Ermittler und der Ankläger passe. Eine kluge Beobachtung von Schäuble, die auf der Lektüre von etlichen Kriminalromanen basieren muss.

Der Film – ein Stück Zeitgeschichte. Und „Bimbes“, übrigens, war das Wort, das Helmut Kohl für „Geld“ benutzte.

06.12.2017 – Dietrich Leder/MK