Preisträger-Verwirrung nach „Goslinggate“: Werden Joko und Klaas und der Koch nun auch den Grimme-Preis von Jan Böhmermann abkassieren?

Unter den Organisatoren des Grimme-Preises herrscht drei Wochen vor der diesjährigen Preisverleihung eine gewisse Nervosität. Nein, nicht jetzt, weil sich beim Wettbewerb 2017 zwei Juroren von der Verleihung eines Preises distanzierten. Das nahm man im ausrichtenden Grimme-Institut routiniert hin, als wäre hier nicht eine Grundsatzfrage aufgeworfen, was man auszeichnen könne und was nicht. Die Ursache der Nervosität muss also woanders her resultieren, und zwar von einer Veranstaltung, die man vage als eine Konkurrenz zu Grimme bezeichnen könnte, weil es hier auch irgendwie um Fernsehen geht. Gemeint ist die Gala-Show zur Verleihung der Goldenen Kamera, die am 4. März ab 20.15 Uhr live vom ZDF übertragen wurde, während übrigens am 31. März die Verleihung des Grimme-Preises nur im Spartenprogramm 3sat als Aufzeichnung nach 22.30 Uhr gezeigt werden wird. Der Medienpreis „Die Goldene Kamera“, der einst vom Springer-Verlag als Reklame für seine Zeitschrift „Hörzu“ erfunden worden war, wird seit 2016 von der Funke-Mediengruppe vergeben, nachdem diese die „Hörzu“ von Springer erworben hat.

Die Goldene Kamera hat jenen Glamour, den selbst bitterste Anstrengungen dem im Stadttheater von Marl verliehenen Grimme-Preis nie bescherten. Für den Glamour sorgen die internationalen Stars, die für viel Geld herangekarrt werden, damit sie den Preis annehmen und die Trophäe dann in die nicht goldenen, dafür elektronischen Kameras des ZDF halten. Die Gründe, weshalb die Ausgezeichneten ausgezeichnet werden, sind dabei eher zufälliger Art. Ähnlich wie beim „Bambi“, dem Medienpreis des Burda-Verlags, dessen Preisverleihung die ARD zur besten Sendezeit als Reklame für das Burda-Blatt „Bunte“ im Ersten live überträgt.

Wie absurd diese Auszeichnungen wirklich sind, entlarvte am 4. März in Hamburg bei der jüngsten Verleihung der Goldenen Kameras ein Koch namens Ludwig Lehner, der von Steven Gätjen, dem Moderator der Gala-Show, als Ryan Gosling angekündigt wurde, der einen Preis für den Kinofilm „La La Land“ entgegennehmen werde. Mit dem berühmten US-Schauspieler, der in „La La Land“ eine der beiden Hauptrollen spielt, verbindet Ludwig Lehner eine sehr entfernte Ähnlichkeit von Gesicht und Barttracht. Wer zweifelte, dass hier wirklich der echte Gosling auftrat, wurde in Sekundenschnelle bestätigt, als der Koch bekanntgab, dass er den Preis dem Pro-Sieben-Duo Joko und Klaas widme. Dann verließ er mit der Goldenen Kamera in der Hand und dem Satz „In Hamburg sagt man ‘Tschüss’!“ fluchtartig die Bühne, während dem Moderator und dem Saalpublikum langsam dämmerte, dass sie da gerade Augenzeugen eines Fakes geworden waren.

Drei Tage später, am Dienstag (7. März), klärten dann Joko Winterscheidt und Klaas Heuer-Umlauf in ihrer Pro-Sieben-Show „Circus Halligalli“ auf, wie es zu diesem Fake kam. Sie waren davon ausgegangen, dass man den Veranstaltern der Goldenen Kamera ein Double genau dann unterschieben könnte, wenn dieser Doppelgänger für einen wirklichen Schauspielstar stünde. Je prominenter der Gast wäre, desto weniger würde man kontrollieren, ob er es denn auch tatsächlich wäre. Also erfanden die beiden mit ihrer Redaktion eine Agentur, die für die Prominenz von Prominenten sorgt. Diese Agentur unterbreitete dem Veranstalter der Goldenen Kamera kurzfristig das Angebot, dass Ryan Gosling gerne vorbeikomme, wenn er denn einen solchen Preis erhalte. Die Veranstalter fielen in ihrer Prominenzfixierung, die man eigentlich nur mit klinischen Begriffen beschreiben kann, darauf herein und akzeptierten anschließend jede Bedingung, die von der erfundenen Agentur nur deshalb gestellt wurden, damit möglichst niemand das Double, das dem Star wirklich nur auf größter Entfernung ähnelt, frühzeitig sehen und so als Fake erkennen würde. Als Motiv für ihre Aktion, die nun als „Goslingate“ in die deutsche Fernsehgeschichte eingegangen ist, gaben Joko und Klaas an, sie wollten endlich auch eine Goldene Kamera bekommen und anders hätten sie ja keine Chance.

Nun haben Joko und Klaas schon 2014 für „Circus Halligalli“ einen Grimme-Preis erhalten, aber – so wird man seit der jüngsten Goldene-Kamera-Verleihung in der Grimme-Stadt Marl denken – das heißt nicht, dass man vor einem Ulk der beiden sicher wäre. Man würde ja am 31. März den erbittertsten Konkurrenten der beiden, nämlich Jan Böhmermann, mit einem Grimme-Preis auszeichnen, weil der im vorigen Jahr einen ähnlichen Coup gelandet hatte, als es der Redaktion seiner Show „Neo Magazin Royale“ gelungen war, der RTL-Sendung „Schwiegertochter gesucht“ einen Kandidaten unterzuschieben und anschließend das menschenverachtende Verfahren eben dieser Sendung offenzulegen. Böhmermann soll in Marl den Preis zusammen mit seinen Produzenten Philipp Käßbohrer und Matthias Murmann von der Kölner Bild- und Tonfabrik (BTF) erhalten. Aber wie könnte man sicherstellen, dass statt ihrer nicht Joko und Klaas und der Koch auftauchen und den Grimme-Preis abkassieren würden?

Der Bart des Kochs erinnert ja nicht nur an die Gesichtsrandbehaarung von Ryan Gosling, sondern auch an die von Jan Böhmermann oder sogar selbst jene von Steven Gätjen. Klaas ähnelt von weitem sehr vage Philipp Käßbohrer, müsste sich also nur dessen Schwäbisch aneignen und damit souverän von allen Zweifeln ablenken. Joko kann man zwar wirklich nicht mit Matthias Murmann verwechseln, was aber nichts macht, weil den kennt ohnehin keiner. Wenn Joko aber auf das Kassengestell verzichtet, das seinem Gesicht ja erst irgendeine Kontur verleiht, dann könnte er schon den Murmann geben. Oder den Gätjen. Dann bekämen sie den Grimme-Preis, den sie anschließend in seiner Prominentenfixierung bloßstellten, was ihnen dann im nächsten Jahr gleich zwei eigene, dann aber echte Grimme-Preise eintrüge (einen für den Goldene-Kamera-Fake, den anderen für den Grimme-Preis-Fake), wobei es dann aber niemanden mehr gäbe, der den Preis abholte. Denn dass Böhmermann als Joko und Klaas aufträte, kann man sich wirklich nicht vorstellen.

Die Folgen sind katastrophal: Wer zukünftig bei solchen Preisverleihungen auftaucht, gerät in den Verdacht, nicht er oder sie selbst zu sein. Nur einer würde sich nicht daran stören: Rainer Wendt, der seit Jahren im Fernsehen einen Fake-Kommissar gab. Doch der hat als Talkshow-Gast des Jahres weder eine Goldene Kamera noch einen Bambi noch einen Grimme-Preis bekommen. Hätte er so verdient wie das Gehalt, das er vom Land Nordrhein-Westfalen als Funktionär der Deutschen Polizeigewerkschaft bezog. Aber erinnert Rainer Wendt einen nicht vage an Gernot Hassknecht von der ZDF-„Heute-Show“?

14.03.2017 – Dietrich Leder/MK