Perseus mit dem abgeschlagenen Haupt der Medusa: Das Vorbild für das umstrittene „Spiegel“‑Titelbild

Das „Spiegel“-Titelbild der Ausgabe vom 4. Februar hat in den vergangenen Tagen für heftige Diskussionen gesorgt. Es zeigt in der Bildmitte vor weißem Hintergrund einen Mann mit blonden Haaren, schwarzem Anzug und roter Krawatte, der in der linken Hand ein Kurzschwert und in der rechten den Kopf der Freiheitsstatue hält, wie sie vor Manhattan auf einer Insel steht (und im Original vor einer Seine-Brücke in Paris). Das Schwert trägt Blutspuren und vom Kopf der Statue tropft Blut. Rechts ist in Kniehöhe des Mannes, der den Mund geöffnet hält, der Slogan „AMERICA FIRST“ eingefügt, mit dem Donald Trump auch als amtierender Präsident der USA hantiert. Die Aussage des Bildes, das der aus Kuba stammende Gestalter Edel Rodriguez schuf, ist eindeutig: Mit seinen ersten Amtshandlungen als Präsident bedrohe Trump jene Freiheit der USA, die von der Statue verkörpert wird.

Die Kritik an diesem Titelbild entzündet sich daran, dass es als Variation eines Motivs angesehen wird, mit dem die Terrororganisation, die sich selbst „Islamischer Staat“ (IS) nennt, ihre Morde verherrliche. Trump würde also mit dem IS gleichgesetzt, der ja tatsächlich Menschen enthauptet und davon auch Fotos und Videos ins Netz stellt. Diese Gleichsetzung verharmlose den Terror des IS und dämonisiere den amerikanischen Präsidenten. Dass unter den Kritikern des Titelbildes auch solche zu finden sind, die insgeheim mit der Brachialpolitik Trumps, seinem Nationalismus, seiner Kritik an rechtsstaatlichen Prinzipien und seinem Hass auf die freie Presse sympathisieren, sei angemerkt; die Medienkritik ist in diesem Fall nur Tarnung.

Anders sieht es bei jenen aus, die das Titelbild als Teil einer Alarmismus-Strategie sehen, die Aufmerksamkeit um jeden Preis erzielen wolle. Sie ist hier jedenfalls aufgegangen: Wie man hört und liest, verkauft sich diese „Spiegel“-Ausgabe, in der die Politik Trumps auf vielen Seiten treffend beschrieben und analysiert wird, besser als viele andere in letzter Zeit. Dieser Alarmismus, so monieren nun die Kritiker, sei insofern gefährlich, als er zu früh auf dramatische Vergleiche setze. Sollte Trump beispielsweise mit seinen Aktionen fortfahren und noch wilder gegen die unabhängige Justiz oder gegen die Presse toben, dann bleibe gar keine Steigerungsmöglichkeit mehr übrig. Schlimmer, denn als IS-Terrorist dargestellt zu werden, gehe es nicht. An dieser Kritik ist etwas dran. Ebenfalls an dem Gedanken, dass der Alarmismus ja der Strategie der Übertreibung und Dämonisierung ähnelt, mit der Trump im Wahlkampf punktete und wovon er auch im Amt als US-Präsident nicht Abschied zu nehmen gedenkt, wie er mit seinen Tweets immer wieder zeigt.

Verblüffend an dieser Debatte ist allein, dass (soweit feststellbar) keiner auf das tatsächliche Bildmotiv verweist, das Vorbild, dessen sich der Illustrator wohl unbewusst bediente. Es handelt sich um die Bronzestatue des Perseus, die der italienische Bildhauer Benvenuto Cellini im 16. Jahrhundert erstellte und in Florenz, wo sie heute noch steht, aufstellen ließ. Sie zeigt Perseus, der in der rechten Hand ein Schwert hält und mit der linken das Haupt der Medusa in die Höhe reckt. Die Triumphgeste ist identisch, wenngleich die Trump-Figur anders als der Perseus von Cellini auch den Arm mit dem Schwert in die Luft streckt. Auch hat der Bildhauer weder auf dem Schwert noch am Haupt Blutspuren angebracht. Das Haar der Medusa rankt aber auf eine Weise in Richtung Boden, dass man dies als fallendes Blut deuten könnte. Cellini hatte in der Statue wiederum ein Bildmotiv verarbeitet, das seit der Antike bekannt ist. Eine Wandmalerei in Pompeji, die aus dem 1. Jahrhundert nach Christus stammt, stellt Perseus mit dem Haupt der Medusa ähnlich dar.

Warum wurde die Analogie des Bildmotivs nicht gesehen? Vermutlich weil die Darstellung des Perseus mit dem Medusenhaupt viel schwerer zu deuten ist als im Fall von Trump die unterstellte Gleichsetzung mit dem IS. Denn Perseus gelang es nach einer Lesart seiner mythologischen Erzählung ja nur deshalb, seinen Auftrag, die Medusa zu enthaupten, auszuführen, weil ihn die Göttin Athena mit einem Schild ausgestattet hatte. Denn wer die Medusa anschaute, versteinerte ob ihres Schreckensgesichts unversehens. Perseus betrachtete die Medusa aber indirekt über deren Spiegelbild auf dem metallisch glänzenden Schild. Der indirekte Blick verhinderte das Versteinern und ließ ihn somit den Tötungsakt vollziehen. Das abgeschlagene Haupt versteckte er in einem Sack, aus dem er es erst herausholte, als der Auftraggeber ihm die Tat nicht glaubte, was der wiederum beim Anblick des abgeschlagenen Kopfes mit augenblicklicher Versteinerung bezahlte.

Die bildliche Darstellung des abgeschlagenen Medusenhauptes ist also ein Widerspruch in sich. Wer es sieht, erinnert sich an die Wirkung, die das Antlitz der Medusa hatte, ohne der damit verbundenen Wirkung zu unterliegen. Der Schrecken ist in der bildlichen Darstellung doppelt gebannt – im Spiegelbild auf dem Schild und im Wandgemälde oder in der Statue – gebannt. Und Perseus ist als Held dargestellt.

Deshalb und nur aus diesem Grund sind die Darstellung des Illustrators und das Titelbild nicht gut überlegt: Die Freiheitsstatue als Medusa? Trump als Perseus? So sähe sich Donald Trump selbst wohl am liebsten.

09.02.2017 – Dietrich Leder/MK

Print-Ausgabe 14/2017

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