Olympia-Rechte haben sie weiterhin: Nun müssen ARD und ZDF Probleme lösen lernen

14.08.2017 • Die Emotionen waren unüberhörbar, als Claus Lufen am vorigen Freitag (11. August) im Ersten während der Übertragung von der Leichtathletik-Weltmeisterschaft aus London den in München sitzenden ARD-Programmdirektor Volker Herres zum Erwerb der Rechte an den Olympischen Sommer- und Winterspiele von 2018 bis 2024 befragte. ARD und ZDF hatten an diesem Tag bekanntgegeben, dass sie sich nun doch noch mit dem Erstrechte-Inhaber Discovery Communications (Eurosport) hätten einigen können, entsprechende Sublizenzen zu erwerben.

Dem Interviewer Lufen wie dem Interviewten Herres war gleichermaßen eine Mischung aus Stolz und Erleichterung anzumerken. Denn Olympische Spiele ohne die ARD, die seit den Winterspielen von 1956 stets live berichtete, schien für sie undenkbar zu sein. Und doch war dies im Herbst vorigen Jahres eine handfeste Möglichkeit geworden, als die Verhandlungen zwischen ARD und ZDF auf der einen Seite und dem US-amerikanischen Medienkonzern Discovery auf der anderen Seite gescheitert waren (vgl. MK-Artikel). Discovery hatte Mitte 2015 die Europarechte an den Spielen für 1,3 Mrd Euro vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) erworben. Mit anderen europäischen Sendern wie der BBC war das US-Unternehmen zuvor bei Rechteverhandlungen handelseinig geworden.

Die deutschen öffentlich-rechtlichen Sender hatten im November 2016 erklärt, dass sie die von Discovery aufgerufene Summe für Sublizenzen nicht zu zahlen bereit seien (vgl. MK-Artikel). Kolportiert wurde damals eine Summe von 200 Mio Euro. Das Unternehmen Discovery hingegen, das – ebenfalls kolportiert – 300 Mio Euro gefordert haben soll, erklärte damals, dass man sich freue, die Spiele nun exklusiv in Deutschland über die eigenen Sender zu übertragen, zu denen in erster Linie als ‘klassische’ Fernsehprogramme Eurosport 1 und Eurosport 2 sowie im Internet der Eurosport Player (auch über HD plus) zu zählen sind.

Während einige Journalisten schon den Abgesang auf Olympia bei ARD und ZDF anstimmten, mutmaßten Branchenkenner, dass es bei diesem Ergebnis nicht bleiben werde. Denn es belastete beide Seiten gleichermaßen: Die öffentlich-rechtlichen Sender verlören, wenn der Verlust von Olympia tatsächlich real würde, eine gewichtige Programmattraktion, die ihnen zudem stets ein jüngeres Publikum verschaffte, zu dem sie ansonsten (fast) den Kontakt verloren haben. Und Discovery wusste umgekehrt, dass die alleinige Übertragung fast aller Wettbewerbe einen Sender wie Eurosport technisch wie personell heillos überfordern und mit einer Refinanzierung der teuren Olympia-Rechte über Werbung bei Nichtberücksichtigung von ARD und ZDF kaum zu rechnen sein würde, dass also ein publizistisches und ökonomisches Desaster drohte.

Je mehr Zeit verging, desto größer wurde der Druck für Discovery. Kein Wunder also, dass sich beide Verhandlungspartner nun knapp ein halbes Jahr vor Beginn der Winterspiele 2018 in Pyeongchang (Südkorea) dann doch geeinigt haben. ARD und ZDF können also mit der Planung der Übertragungen dieser Winterspiele beginnen und Discovery kann eine namhafte, aber noch nicht veröffentlichte Einnahme aus den Sublizenzen verbuchen. Die Gesamtsumme, die ARD und ZDF für die Rechte zu zahlen bereit sind, ist bisher noch nicht bekannt. Sie dürfte jedoch, so ist angesichts der doch umfangreichen Sublizenzierung vor allem auch für Live-Übertragungen zu vermuten, um einiges über dem damaligen Angebot von 200 Mio Euro liegen.

Ob das angesichts der Finanzengpässe, über die alle ARD-Sender und das ZDF regelmäßig klagen, eine sinnvolle Großinvestition darstellt, bleibt – auch in den Aufsichtsgremien – zu diskutieren. Die Übertragungen von der Leichtathletik-WM in London (4. bis 13. August) wiesen indirekt auf Vor- und Nachteile eines solchen Deals hin. Positiv zu Buche schlugen spannende Wettbewerbe, die visuell auf dem höchsten Niveau aufbereitet wurden. Auch ohne die obligatorische Begeisterung über deutsche Siege, die – bis auf eine Ausnahme im Speerwurf der Männer – ausblieben, gab es in London viele besondere Augenblicke, die man live am Bildschirm miterleben durfte. Negativ sind weiterhin die problematischen Begleitumstände dieses Spitzensports zu verbuchen, über die das Erste am Abend vor Beginn der Leichtathletik-WM ein weiteres Mal in einem verdienstvollen Bericht von Hajo Seppelt („Wie Afrikas Sporthelden verkauft werden“) und danach auch in aktuellen Beiträgen aufklärte. Zu diesen Begleitumständen zählen die fortdauernde Dopingproblematik, die Korruption der Funktionäre und ein Ausbeutungssystem, unter dem vor allen die Sportler aus den afrikanischen Ländern leiden.

Ein eigenes Problem, das sich zumindest bei den Übertragungen von der WM in London zeigte, müssen ARD und ZDF lösen lernen. Warum verschwand ein Teil der Live-Übertragungen, etwa vom Zehnkampf, im Internet, während anderes stundenlang im Ersten und Zweiten Programm, die sich klassisch von Tag zu Tag abwechselten, zu sehen war? Warum nutzte man dazu nicht die Spartenkanäle wie One (ARD) und ZDFneo? Warum verzichtete die ARD ausgerechnet am WM-Schlussabend, der einige mit Spannung erwartete Wettbewerbe bot, auf eine Live-Übertragung, um stattdessen eine „Tatort“-Folge zu wiederholen? An diesem Abend war man in der ARD zum ersten und einzigen Mal auf das Programm One ausgewichen, das allerdings auch erst von 20.15 bis 21.45 Uhr live aus London berichtete, dabei allerdings die Entscheidungen der Laufwettbewerbe aussparte, die anschließend exklusiv, aber eben nicht live in der ARD zu sehen waren, die dann um 21.45 Uhr nach der „Tatort“-Wiederholung mit der Übertragung begann; hier waren dann live nur noch die beiden Staffeln über 400 Meter zu sehen, um die herum die anderen Wettbewerbe als Aufzeichnung eingestreut wurden.

Das alles hat nichts mit einer vernünftigen und für die Zuschauer nachvollziehbaren Planung zu tun, sondern ist nur eine beliebige Bastelei, die dem Gegenstand nicht gemäß ist. Hier wartet auf ARD und ZDF noch eine Menge Arbeit, um dann die nun gesicherten Rechte für die Olympia-Übertragungen in einer plausiblen Form zu gewährleisten.

14.08.2017 – Dietrich Leder/MK