„M“ und „Mordkommission Berlin 1“: Wenn der Kultursender Arte und der Privatsender Sat 1 plötzlich etwas gemeinsam haben

Manchmal lässt die Programmierung unterschiedlicher Sender plötzlich Themen und Sujets aufeinander folgen, die mehr miteinander zu tun haben, als es auf den ersten Blick scheint. Da gab es beispielsweise den historischen Spielfilm aus dem Jahr 1931, den Arte am 2. Dezember (Mittwoch) in einer rekonstruierten Fassung zeigte, und den aktuellen Fernsehfilm, den der Privatsender Sat 1 am Abend zuvor ebenfalls zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr gezeigt hatte. Oberflächlich gesehen verbindet Fritz Langs (Regie/Buch) und Thea von Harbous (Buch) Kinofilm „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ (1931) und den Sat-1-Fernsehfilm „Mordkommission Berlin 1“ (Regie: Marvin Kren, Buch: Arndt Stüwe und Benjamin Hessler) Ort und Zeit der Handlung. Die Geschichten beider Filme – die jeweils zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr ausgestrahlt wurden – spielen im Berlin Ende der 1920er Jahre. In beiden trifft eine mittlerweile technisch hochgerüstete Polizei auf organisierte Kriminalität, die sie zwar bekämpft, aber mit der sie durchaus auch mal zusammenarbeitet. Soweit die oberflächliche Gemeinsamkeit.

Ebenso auffällig die Unterschiede: Während der Kinofilm der Wirklichkeit der Erzählzeit entstammt und diese also nur reinszenieren musste, hatte der Fernsehfilm eben diese Wirklichkeit mehr als 80 Jahre später aufwendig mit Kulissenbau und Tricktechnik wiederauferstehen zu lassen. Was bei „M“ wie selbstverständlich ins Bild geriet – die Mietskasernen, die modernen Bürohäuser, eine verlassene Fabrik –, erschien in „Mordkommission Berlin 1“ stets wie ausgestellt, als wolle dieser Film dauernd sagen: Seht, wie toll wir das alte Berlin wiederauferstehen lassen! Zu Letzterem gehörten die kleinen Anspielungen, dass etwa ein junger Max Schmeling in einer Box-Filmszene als aufstrebendes Talent zu sehen ist oder dass ein Zeppelin eine Innenstadtstraße überfliegt.

Beide Filme spielen mit historischen Figuren: Der Serienmörder von „M“ ist realen Tätern der Weimarer Republik nachgebildet, während der Ring-Verein „Die Krokodile“ im Sat-1-Film realen Gangsterbanden jener Zeit nachempfunden ist. Gleiches gilt für die Polizei: Der Kommissar, der bei Fritz Lang den Kindermörder jagt (legendär in dieser Rolle: Peter Lorre!), heißt zwar Lohmann, gemeint ist aber von Erscheinung, Habitus und seiner Vorliebe für Süßspeisen her überdeutlich Ernst Gennat, der die kriminalistische Arbeit im Berlin der 1920er Jahre modernisierte und lange Jahre der dortigen Mordkommission vorstand. Der Kommissar des Fernsehfilms hat mit Gennat physiognomisch nichts gemein, doch er benutzt dessen Methoden wie ein legendäres Einsatzfahrzeug, über das die Berliner Kriminalpolizei verfügte, die außerdem mit neuesten Ermittlungsinstrumentarien, einer Foto- und Lichtausrüstung und selbst einer Schreibmaschine ausgestattet war, um vor Ort erste Untersuchungsergebnisse zu klassifizieren und zu dokumentieren. Kein Wunder also, dass Sat 1 im Anschluss eine Dokumentation mit dem Titel „Der erste Bulle – Wie Ernst Gennat die moderne Polizeiarbeit erfand“ ausstrahlte (22.55 bis 23.55 Uhr).

Gemeinsam ist beiden Filmen der weitgehende Verzicht auf den damaligen politischen Bedingungsrahmen der Berliner Polizei. In „M“ schienen die Nazis, die ja schon Ende der 1920er Jahre in der deutschen Hauptstadt eine Macht darstellten und durch ihren dortigen Gauleiter Joseph Goebbels durchaus sehr präsent waren, wenigstens in der Figur des Obergangsters auf (in dieser Rolle zeigte Gustaf Gründgens vermutlich seine stärkste Kinoleistung), der wie ein späterer Gestapo-Mann in Ledermantel und mit sadistischer Kälte die Verhöre mit dem Mörder leitet und jedwede Hinweise auf die Unzurechnungsfähigkeit des Täters als Gefühlsduselei beiseiteschiebt. „Mordkommission Berlin 1“ wiederum bleibt vollkommen unpolitisch. Es sollte wohl ein historischer Krimi werden, der die Geschichtlichkeit allein an alten Autos und an der Eleganz der Kleider der 1920er Jahre festmachte, der somit also seinen Stoff um die Allgemeingeschichte geradezu betrog. Was auch damit zusammenhängen mag, dass dieses Sat-1-Projekt deutlich einer gemeinsam von ARD und Sky geplanten Serie zuvorkommen sollte, die nach den Krimis von Volker Kutscher inszeniert wird: „Babylon Berlin“.

Kutschers Krimis erzählen erneut von Ernst Gennat – allerdings aus der Perspektive eines Kriminalbeamten namens Gereon Rath, der Ende der 1920er Jahre von Köln nach Berlin strafversetzt wird. Wer will, findet in diesen bislang fünf Romanen, die seit 2007 erscheinen, eine Reihe von Motiven und Personen wieder, derer sich „Mordkommission Berlin 1“ bediente. Mal sind sie einfach übernommen, mal – erzählerisch der größte Clou – in ihr Gegenteil verkehrt wie bei der blonden Kriminalassistentin, die sich bei Kutscher in dessen Kommissar verliebt, während sie im Fernsehfilm dessen Assistenten becirct und sich am Ende als die große Drahtzieherin und Gehilfin des Obergangsters erweist.

Wer sich aber über diese Anleihen mokiert, sei darauf hingewiesen, dass auch Kutscher die Idee einem anderen verdankt – dem englischen Schriftsteller Philip Kerr, der 1991 den ersten Roman um seinen Berliner Kommissar Bernhard „Bernie“ Gunther publizierte. Und in dessen noch in Berlin spielenden Romanen taucht natürlich auch wieder Ernst Gennat auf. (Während des Zweiten Weltkriegs ist Bernie dann nicht mehr in Berlin tätig, sondern er muss in den von den Deutschen besetzten Ländern wie der UdSSR und der Tschechoslowakei arbeiten; nach Kriegsende ermittelt er dann in Österreich, Argentinien und Kuba.)

Vor allem in den ersten beiden Bernie-Gunther-Romanen „Feuer in Berlin“ und „Im Sog dunkler Mächte“ erfährt man, wie es der Berliner Mordkommission unter ihrem Chef Gennat in der Nazi-Zeit erging, während im 2010 erschienen Roman „Die Adlon-Verschwörung“, der allerdings zeitlich vor den erwähnten ersten beiden Romanen angesiedelt ist, von einem geradezu modernen Verbrechen die Rede ist – gemeint ist die Bestechung des Nationalen Olympischen Komitees der Vereinigten Staaten durch die Nazis, die damit einen US-Boykott der Olympischen Spiele 1936 in Berlin zu verhindern versuchen.

06.12.2015 – Dietrich Leder/MK

Print-Ausgabe 17/2016

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