Jenseits des Politikressorts: Das „TV-Duell“ Merkel gegen Schulz war doch eigentlich ein Sportformat

04.09.2017 • Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass die „TV-Duell“ oder auch „Kanzlerduell“ genannte Sendung, die ARD, ZDF, RTL und Sat 1 am Sonntag (3. September) wieder gemeinsam produzierten und ab 20.15 Uhr ausstrahlten, irgendetwas mit den Politikressorts dieser Sender zu tun gehabt habe. Das Format, das nun erneut vor einer Bundestagswahl über die Bildschirme lief, diesmal in der Konstellation Merkel - Schulz, ist durch und durch eines des Sports, genauer gesagt, eines der Fußball-Live-Berichterstattung. Es gibt kein Element, das nicht von dieser bekannt wäre. Dabei fehlt diesem „TV-Duell“ allerdings auch ein Element, durch das sich der Fernsehsport seit jüngstem auszeichnet.

Beginnen wir mit dem Gemeinsamkeiten. Wie bei den Spielen der Fußballnationalmannschaft – das kann man an der Berichterstattung von den WM-Qualifikationsrunden (bei RTL) am vorigen Freitag und heutigen Montag ablesen – gibt es einen großen Überhang im Vorhinein. Was wurde nicht alles über die Tagesform der beiden Kandidaten, ihre Strategie und ihr Training für diesen Wettstreit vor den Fernsehkameras geschrieben oder besser gesagt: gemutmaßt! Was der Fußballberichterstattung das berühmte Mannschaftsbusbild ist, das zeigt, wie die Spieler und die Trainer dem Gefährt entsteigen, ist dem „TV-Duell“ die Begrüßungszeremonie, bei der die einzeln angereisten Duellanten jeweils einer schwarzen Limousine entsteigen und wie die Fußballer von den Fans fleißig beklatscht werden.

Das „TV-Duell“ dauert wie ein Fußballspiel in der Regel 90 Minuten; hinzu kommt in beiden Fällen eine gewisse Nachspielzeit, die jeweils mit Unterbrechungen und anderen Störungen minutiös begründet wird. Und wie bei den Länderspielen gibt es nach der Begegnung eine stundenlange Nachbetrachtung, bei der sich Veteranen des Betriebs – pensionierte Spieler oder Politiker – am allgemeinen Räsonnement über den Ausgang wortreich beteiligen.

Neu war diesmal beim „TV-Duell“ etwas, was der Fußball schon länger kennt: Droht die Begegnung unentschieden auszugehen, setzt man ein Elfmeterschießen an, bei dem jeder Schütze nur einen Schussversuch unternehmen darf. Beim „TV-Duell“ war es das aus mancher Talkshow bekannte Prinzip, dass die Beteiligten nur mit „Ja“ oder „Nein“ auf eine Frage antworten durften, was, wie oft auch beim Fußball, mit verstolperten Bällen und einigen schwächeren Schüssen, hier also mit einigen Stottereien und nur wenigen knappen Antworten ausging. Die Ähnlichkeit zwischen der Fußball- und der „TV-Duell“-Show ging so weit, dass man weitgehend irritiert war, dass bei der anschließenden Fragestunde etwa im Ersten bei „Anne Will“ nicht Jens Lehmann, sondern Thomas Gottschalk in der Runde saß.

Es lag aber an diesem durch und durch von den Regeln des Sports bestimmten Format nicht allein, dass das „TV-Duell“ über die Distanz von insgesamt 97 Minuten nur Langeweile verbreitete. Das hatte vor allem damit zu tun, dass der „Duell“-Begriff ja von zwei realen Kontrahenten ausgeht. Doch das sind Angela Merkel (CDU) als amtierende Kanzlerin und ihr Herausforderer Martin Schulz (SPD) nur zu einem kleinen Teil. Zu einem größeren Teil sind sie die Vorsitzenden zweier Parteien, die seit vier Jahren zusammen regieren und – die Chance ist nicht allzu klein – die auch die nächsten vier Jahre zusammen regieren müssen. Das Konfliktpotenzial solcher ‘Kontrahenten’ ist deshalb deutlich geringer als bei Konkurrenten, die politisch wenig bis nichts verbindet. Angela Merkel konnte somit oft genug Kritik von Martin Schulz ausbremsen, indem sie darauf verwies, dass sie sich in den thematisierten Situationen stets mit ihren SPD-Ministern abgesprochen habe.

So gab es nur wenige Diskussionsfelder, auf denen große Unterschiede zwischen den Positionen der beiden deutlich wurden. Stattdessen wurden oft genug die Gemeinsamkeiten bekräftigt, die dann auch noch mit wechselseitigen Komplimenten garniert wurden. Die große Koalition, die seit vier Jahren regiert, sollte an diesem Abend nicht verabschiedet werden. Politisch ist das durchaus sinnvoll, für das Fernsehen und sein sport- und also ereigniszentriertes Format war das eine Katastrophe. Um es ein letztes Mal mit einer Fußballmetapher zu versuchen: CD Union Merkel gegen SP Dynamo Schulz – das war ein müder Kick mit wenigen Höhepunkten in den Strafräumen und fast gar keinem Foul, weshalb es auch keine gelben, geschweige denn rote Karten hätte geben müssen.

All das spielte selbstverständlich der Amtsinhaberin in die Karten, die sich deshalb auch über weite Strecken als die bis ins Detail kundige Sachwalterin der deutschen Politik stilisierte. Umgekehrt mühte sich ihr Herausforderer damit ab, sich als von der Moral bestimmter, ja, fast getriebener Politiker zu gerieren, der am liebsten „Klartext“ redet oder von der „klaren Kante“ spricht. Dazu allerdings boten die Themen, die vom Fragestellerquartett Sandra Maischberger (ARD), Maybrit Illner (ZDF), Peter Kloeppel (RTL) und Claus Strunz (Sat 1) aufgerufen wurden, wenig Gelegenheit. Das schwächte die Position von Schulz, der zudem ein Problem damit hatte, seine moralgesättigten Sentenzen zu formulieren. Mehrfach musste er jeweils neu ansetzen, um dann den sinnstiftenden Satz auszuformulieren. Hier wirkte er ähnlich hilflos wie in den Momenten, in denen er sich übereifrig bedankte – mal für die Fragen, die ihm gestellt wurden, mal für Antworten, die von der Kanzlerin kamen. Das war nicht unsympathisch ebenso wie seine mimischen Reaktionen eine gewisse Frische in den öden Ablauf des versteinerten Formats brachten.

Dass die Veranstaltung so müde ablief, lag aber auch und vor allem daran, wie die Fragesteller sich positioniert hatten. So gerierte sich Claus Strunz in den ersten 45 Minuten, die dem Thema Einwanderung und Flüchtlingspolitik gewidmet waren – dies nahm also fast die Hälfte der gesamten „TV-Duell“-Zeit in Anspruch! –, wie ein Vertreter der AfD, nur dass er deren Behauptungen in Frageform kleidete. Peter Kloeppel gab, als sei er vom ADAC und nicht von RTL bestallt, den Vertreter des kleinen Auto- oder genauer: Dieselfahrers. Maybrit Illner hatte sich einige steile Zuschreibungen für die Kontrahenten – etwa für Merkel „Autokanzlerin“ – zurechtgebastelt, an denen sie deutlich mehr interessiert war als an deren Reaktionen darauf. Und Sandra Maischberger wirkte wie jemand, die sich als die Obermoderatorin der Show verstand, aber auch nur staunend und vor allem schweigend zuhörte, wie Strunz die erste Halbzeit mit seinen rechtspopulistischen Ansichten dominierte.

Gemeinsam war allen Vieren eine Frageform eigen, die zur Überlänge wie auch zur mannigfachen Variation derselben Idee neigt. Ein direkter Disput zwischen Angela Merkel und Martin Schulz kam so nur selten auf. Wenn es denn geschah, wie etwa bei der Rentenfrage, dann wurde es auch endlich einmal spannend: Hier konnte Schulz dann deutlich punkten, als er der klaren Aussage der Kanzlerin, dass es mit ihr keine Ausdehnung der Rentenaltersgrenze auf das 70. Lebensjahr gebe, applaudierte, um sie dann mit dem Hinweis darauf zu konterkarieren, dass sie eine ähnliche klare Absage beim „TV-Duell“ vor vier Jahren der Pkw-Maut gegenüber formuliert habe, die sie dann aber doch in dieser Legislaturperiode eingeführt habe.

Dass Angela Merkel dies mit dem Hinweis, sie habe das so damals nicht gesagt, wegzuwischen versuchte, löste dann den Wunsch aus – und hier kommen wir zum fehlenden Element –, es gäbe beim „TV-Duell“ das, was beim Live-Fußball Videobeweis heißt. Hätte man die damalige Antwort von Merkel – übrigens auf eine Frage von Stefan Raab (Pro Sieben) – eingespielt, hätte man gemerkt, ob die Kanzlerin hier die Wahrheit sagte oder nicht.

Am Ende der farblosen Show, die passenderweise in einer türkis-grauen Dekoration stattfand, wagte dann Peter Kloeppel eine kleine Frechheit, als er sagte, sie – die vier Interviewer – hätten übrigens nächsten Sonntag Zeit für ein zweites „Duell“. Eine zweite Runde hatte die Kanzlerin abgelehnt, was aus ihrer Sicht verständlich ist, weil sie durch jeden weiteren Auftritt mit und gegen Schulz ihren Herausforderer aufwerten würde. Eine solche Runde erschien angesichts der vielen unbearbeiteten Themenfelder der Ökonomie, der Bildung, der technischen Zukunft, der gesellschaftlichen Konflikte eigentlich auch notwendig zu sein. Doch kaum dachte man das an diesem Abend, durchzuckte einen die Vorstellung, dass man eine erneute Veranstaltung wie diese, die man gerade gesehen hatte, kaum würde ertragen können. Dann doch lieber Fußball.

04.09.2017 – Dietrich Leder/MK