Internet-Kommunikation: Und der Böhmermann der Streaming-Welt ist ein nicht-lächelnder Algorithmus

Blicken wir noch einmal in Sachen Internet-Kommunikation auf das vergangene Jahr zurück. Der 30-sekündige Spot, mit dem das ZDF im Oktober seine neu gestaltete Mediathek bewarb, zeigte eine junge Frau, die in einem Supermarkt nach Oliven sucht. Doch die Regale, Kühltruhen und Verkaufsstände enthalten nur eine einzige Ware – Bananen, die auch noch an der Theke fein aufgeschnitten werden. Als die Frau einen von Jan Böhmermann gespielten Supermarkt-Mitarbeiter fragen will, wo sie Oliven fände, springt die Uhr um: Jetzt ist es genau 14.00 Uhr und damit verändert sich das Angebot des Markts. In aberwitziger Geschwindigkeit werden die Bananen durch das neue, vom Filialleiter angekündigte Angebot von Weichspülern ersetzt. Den Filialleiter spielt „Heute-Journal“-Anchor Claus Kleber mit dem Schwung eines Weltmannes. Und auf ihre Frage nach den Oliven erhält die verblüffte Kundin keine Orts-, sondern eine Zeitangabe zur Antwort: „Donnerstag, 16.00 Uhr. Gleich nach der Milch!“

Der von der Kölner Firma Bildundtonfabrik (BTF) entwickelte und produzierte Spot persifliert pointiert das lineare Fernsehen, das klassisch programmiert ist, also – im Wortsinn – den Zuschauern vorschreibt, was sie wann sehen können. Hier dargestellt in der Form einer eher sozialistischen Planwirtschaft: Die Weichspüler sind alle absolut identisch und auch die Bananen stammen anscheinend von ein und demselben Importeur – so soll dem Kunden vorgeschrieben werden, was er wann kaufen kann. So gut die Idee der Bildundtonfabrik (an der Jan Böhmermann Anteile hält) inszenatorisch und tricktechnisch umgesetzt war, so hinterließ sie beim Nachdenken einen gewissen Zweifel. Wollte uns das ZDF damit sagen, dass es seit seinem Sendestart am 1. April 1963 nur so etwas wie Planwirtschaft betrieben hat? Und dass es den Kunden nur Einheitsware (etwa aus den Regalen eines Leo Kirch) angeboten habe? Dass jetzt mit der völlig überarbeiteten ZDF-Mediathek das Reich der Freiheit begänne, in dem der Konsument alles zu jeder Zeit finden und anschauen kann?

Ernsthaft: Der Spot bildete mit sanfter Selbstironie eine Ideologie ab, die vor allem von Streaming-Anbietern wie Netflix oder Amazon Prime behauptet wird: dass nämlich nur in der freien Zeitwahl einer Sendung so etwas wie die liberale Marktwirtschaft möglich sei und alles andere die Gängelei einer ominösen Planungsbehörde sei, die nach undurchschaubaren Kriterien auf Bananen Weichspüler und auf Milch Oliven folgen lässt. In der modernen Welt erscheinen die Streaming-Angebote wie jene Supermärkte, die in endlos scheinenden Reihen in unendlich wirkenden Variationen eine zwar unübersichtliche, aber stets glitzernd vielfältige Warenwelt präsentieren. Andreas Gursky hat diese Vorstellung in seinem Bild 99 Cent II Diptychon (2001) visuell ad absurdum geführt.

Heute wissen die meisten Kunden, dass in unterschiedlichen Verpackungen oft dasselbe Produkt steckt, dass naturidentische Aromastoffe den Geschmack von Naturprodukten nur vortäuschen, dass das große Fleischangebot allein deshalb möglich ist, weil die es liefernden Tiere in riesigen Mastbetrieben und mit Hilfe von Arzneimitteln aller Art gleichsam industriell herangezogen werden. Kurzum: Sie wissen, dass die Vielfalt oft genug ein Lug ist. Etwas, was der Kunde von Netflix und Amazon rasch bemerkt, wenn er stundenlang nach einer Serie Ausschau hält, die das verspricht, was die Werbebotschaft verspricht. Hier findet er – um im Bild des Spots zu bleiben – die Oliven unter den nun tausend Varianten der Weichspüler nicht oder erst nach langem Suchen. Und der Böhmermann der Streaming-Welt ist ein nicht-lächelnder Algorithmus.

Um die Fans des non-linearen Fernsehens zu ärgern, sei noch ein Vergleich gewagt: Gleicht die große Freiheit der individuellen Programmierung nicht fatal der Logik des Individualverkehrs, der gewiss seine großen Vorteile hat, der aber dazu führt, dass in den Staus Tausende Fahrer allein in ihren Kraftwagen sitzen, die für vier und mehr Personen ausgelegt sind, dass der Individualismus nicht nur die Zwangskollektivierung des Staus hervorbringt, sondern zugleich die Luft verpestet? Eine Ökobilanz des Streamings, das riesiger Serverparks bedarf, hat bislang noch keiner aufgemacht. Doch es liegt auf der Hand, dass eine programmierte Ausstrahlung des linearen Fernsehens weit weniger Strom verbraucht, als wenn dieselbe Zuschauerschaft, die ja in die Millionen gehen kann, die jeweilige Sendung um Stunden, Minuten oder gar Sekunden zeitversetzt individuell sieht.

Von YouTube, dem größten Streaming-Portal, das wie Google zum US-amerikanischen Alphabet-Konzern gehört, kennt man weder die Stromkosten noch die Gewinn- und Verlustrechnung. Bekannt werden nur die exorbitanten Steigerungsraten von YouTube, an denen auch ARD und ZDF einen gehörigen Anteil haben, laufen doch die diversen Angebote ihres neuen Online-Jugendangebots „Funk“ ebenfalls auf Kanälen dieses Streaming-Monopolisten. Das geschieht zur selben Zeit, in denen Berichte eben dieser Sender die Marktmacht von Google kritisieren.

Darüber wurde im Jahr 2016 nicht gesprochen, wenn es um die Segnungen des Fortschritts ging. Stattdessen wurde eine neue Art von Sucht diagnostiziert, die darin besteht, dass die Menschen nicht von ihren Smartphones lassen können. Einige Beobachtungen sprechen für die Richtigkeit dieser Diagnose: In jeder Straßenbahn und in jedem Zug fallen heute die Menschen auf, die nicht auf ihr Handy schauen oder damit schriftlich und mündlich kommunizieren. Im Sommer des Jahres 2016 musste man aufpassen, dass man nicht von jungen Menschen über den Haufen gerannt wurde, die mit dem Smartphone durch die Städte irrten, weil sie für das Spiel „Pokémon Go“ an bestimmten Orten virtuelle Phantasiewesen fangen konnten. Und in einem Strafprozess wurde im Dezember festgestellt, dass das schwerste Zugunglück des Jahres in Deutschland – im Februar in Bayern – vor allem deshalb geschah, weil der verantwortliche Fahrdienstleiter mit einem Online-Videospiel auf seinem Handy so beschäftigt war, dass er die Signale falsch setzte und so den Tod von zwölf Menschen verursachte.

Die gleichsam als Gegenmittel zu dieser Sucht verabreichten Publikationen – Titelgeschichten etwa im „Spiegel“ oder Bücher wie das von Harald Welzer („Die smarte Diktatur“) über die neue Abhängigkeit vom Smartphone und von den Angeboten des Internets – werden an dieser Nutzung wenig geändert haben. Wirkungsvoller war da schon die Warnung, dass ein gerade auf den Markt gekommenes Smartphone-Modell des Samsung-Konzerns sich selbst erhitzen und vereinzelt sogar sich selbst in Brand setzen konnte. Die Finger will man sich an seinem Mobiltelefon oder genauer gesagt: seinem Handy-Computer nun wirklich nicht verbrennen.

Ähnliche Irritationen, was die Internet-Nutzung generell angeht, wurden durch Nachrichten ausgelöst, die etwa besagten, dass diese oder jene Firmenseite gehackt worden sei und dass so Kundendaten demjenigen frei zugänglich seien, der dafür auf dem kriminellen Weltmarkt bezahlt, oder dass Router der Deutschen Telekom, die bei Kunden des Unternehmens den Festnetz-Zugang zum Internet ermöglichen, bei einem Hackversuch lahmgelegt worden waren. Es sind Irritationen, die Zweifel an einer Technik wachsen lassen, die Zugang zu allem und jedem verspricht, aber letztlich auch von jedem blockiert, manipuliert oder anderweitig missbraucht werden kann.

Eine andere Irritation könnte man provozieren, indem man die Mediennutzer dazu aufriefe, einfach mal die Kosten ihrer Mediennutzung pro Monat aufzulisten. Was da alles zusammenkäme, ließe den Rundfunkbeitrag von 17,50 Euro, der monatlich für das Gesamtangebot der öffentlich-rechtlichen Anstalten zu zahlen ist, schnell wie ein Schnäppchen erscheinen.

Bis heute gab es im ZDF donnerstags um 16.00 Uhr noch kein einziges Mal Oliven. • Dietrich Leder/MK

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• Dieser Text ist Teil des großen TV-Jahresrückblicks 2016 von Dietrich Leder in Heft 1/2017 der „Medienkorrespondenz“. Die 36-seitige Ausgabe erscheint am 13. Januar. Das Heft kann zum Preis von 13,90 Euro (inkl. postalischer Zustellung) per E-Mail bestellt werden unter der Adresse: leserservice(at)medienkorrespondenz.de, Stichwort: „Jahresrückblick-Zusendung“ (bitte dabei unbedingt Ihre Postadresse angeben). Eine Bestellung ist auch telefonisch möglich unter folgender Nummer: 0228/26000185. 

Der Titel des Jahresrückblick-Hefts lautet: „Die Aufgabe der Medien". Ein Rückblick auf das Fernsehjahr 2016 in 10 Analysen und 10 Bildern“. In den 10-Analyse-Kapiteln geht es um folgende Themen: 1) Politik, 2) Die öffentlich-rechtlichen Sender, 3) Die privaten Medienunternehmen, 4) Internet-Kommunikation, 5) Serien und Reihen, 6) Fernsehfilm, 7) Unterhaltung, 8) Dokumentarfilm, 9) Sport, 10) Literatur, Musik, Kino.

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20.01.2017 – MK

Print-Ausgabe 6/2017

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