Fußballchose statt Diesel-„Brennpunkt“: Warum die Übertragung des „Audi-Cups“ im Ersten ein Skandal war

03.08.2017 • Normalerweise hätte es nach diesem Ereignis einen „Brennpunkt“ im Ersten Programm der ARD gegeben. In dieser Sondersendung wäre am Mittwoch (2. August) die merkwürdige Veranstaltung näher betrachtet worden, die an diesem Tag in Berlin unter der Überschrift „Diesel-Gipfel“ stattfand und an der neben Bundesministern und Ministerpräsidenten die Vorstandsvorsitzenden diverser Automobilkonzerne teilnahmen. Sie versuchten einen Ausweg aus der Krise zu finden, die von bestimmten erhöhten Schadstoffwerten ausgelöst worden war, die der Dieselmotor im Betrieb ausstößt. Über diese Werte hatte mutmaßlich ein Kartell aller deutscher Autofirmen (mit Ausnahme von BMW) durch ein raffiniertes Betrugssystem hinweggetäuscht, bei dem ein elektronisches System für niedrige Schadstoffwerte sorgte, sollte das jeweilige Fahrzeug auf einem Prüfstand getestet werden. Sauberer waren die Autos also nur im Testmodus, aber nicht in der Wirklichkeit, also nicht im realen Fahrbetrieb.

Dass der Gipfel mit einem flauen Kompromiss endete, dass sich die Automobilchefs wie etwa VW-Vorstandschef Matthias Müller nicht als reuige Sünder gaben, sondern sich mit dem Pfund ihrer vielen Arbeitsplätze als die Herren des Verfahrens aufspielten, dass die Bundesregierung im Wahlkampfmodus in zwei Fraktionen zerfiel – hier Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU), dort Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) –, all das wäre wirklich einer gesonderten Betrachtung nach der 20.00-Uhr-„Tagesschau“ wert gewesen. Doch statt eines „Brennpunkts“ kam die Zuschauer im Ersten in den Genuss eines Fußballspiels. Das ist in diesen Tagen, in denen ja die erste Bundesliga noch pausiert, überraschenderweise keine Seltenheit, übertragen ARD und ZDF beispielsweise auch die Europameisterschaft im Frauenfußball, selbst nachdem das deutsche Team im Viertelfinale ausschied.

Das Spiel, das die ARD an diesem Mittwoch live zur besten Sendezeit übertrug, fand zwischen Atletico Madrid und dem FC Liverpool statt. Handelt es sich da also, könnte der Fußball-Laie fragen, um einen wichtigen internationalen Wettbewerb, wenn dafür so viel Zeit eingeräumt? In der Tat. Es war das Endspiel im „Audi-Cup“, der seit Jahren in München ausgetragen wird und dessen sportlicher Wert seit Beginn gen Null tendiert. (Am Dienstag hatte die ARD bereits ab 17.30 und 20.30 Uhr zwei Spiele und an diesem Mittwoch ebenfalls ab 17.30 Uhr ein drittes Spiel live übertragen.)

Beim „Audi-Cup“ messen sich vier europäische Spitzenmannschaften, die sich alle noch im Trainingsstadium befinden, auf dem Niveau von Testbegegnungen und Freundschaftsspielen. Nur sehr eingefleischte Fans gewinnen diesen Spielen irgendeinen Sinn ab, beispielsweise was die Integration neuer Spieler oder die Änderung von Taktiken angeht. Finanziert wird diese Chose natürlich vom Namensgeber Audi, der deshalb bei den Übertragungen nicht nur über Reklametafeln im Münchner Stadion, sondern auch über die Namensnennung im Kommentar und über Einblendungen im Bild unendlich oft genannt wurde. Dass sie hier in einem populären und im Prinzip positiven Zusammenhang erwähnt wurde, wird der Automobilfirma, die sich im Besitz von VW befindet, gerade in diesen Tagen recht gewesen sein. Ist sie doch eine jener Firmen, denen vorgeworfen wird, den Dieselbetrug betrieben haben.

Audi hält übrigens 2,5 Prozent der Aktien der FC Bayern München AG. Der Audi-Vorstandsvorsitzende Rupert Stadler gehört, wie auch der ehemalige VW-Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn, dem Aufsichtsrat dieser Aktiengesellschaft an, dem wiederum FC-Bayern-Präsident Uli Hoeneß vorsteht, genauer gesagt: seit Februar dieses Jahres wieder vorsteht. Denn in der Zeit, in der Hoeneß wegen Steuerhinterziehung im Gefängnis saß, hatte er dieses Amt niedergelegt. Als die Affäre um seine Straftat bekannt geworden war, hatte sich so mancher gefragt, warum Stadler und Winterkorn, in deren Unternehmen harte Maßregeln gelten, was solche Taten angeht, sich nicht von Hoeneß distanziert hatten. Heute ahnt man die Ursache. Die Herren hatten wohl in Sachen Dieselbetrug Wichtigeres zu besprechen.

Die ARD übertrug also am vergangenen Mittwoch eine sportlich nur sehr eingeschränkt bedeutsame Veranstaltung, die einen Veranstalter feierte und oft beim Namen nannte, der in einem „Brennpunkt“ an diesem Tag nur mit negativen Vorzeichen erwähnt worden wäre. Ein genialer Trick, der nebenbei bemerkt das öffentlich-rechtliche System aushebelt, dessen Existenzrecht ja gerade in der Unabhängigkeit von solchen Firmen und deren Machenschaften besteht. In diesem Sinne war die Übertragung dieser vier Fußballspiele, bei denen sich der offizielle Ausrichter Bayern München mit zwei klaren Niederlagen blamierte, ein Skandal.

03.08.2017 – Dietrich Leder/MK

Print-Ausgabe 20/2017

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