Der Wahlabend bei ARD und ZDF: Entpolitisierung, missverstandene Popkultur und der Umgang mit dem Janusgesicht

25.09.2017 • Am Ende ging alles sehr schnell. Schon vor den traditionell um 18.00 Uhr verkündeten Prognosen konnte man den Gesichtern der in den Studios von ARD und ZDF versammelten Journalisten und Fachleuten entnehmen, dass die Bundestagswahl 2017 ein ungewöhnliches Ergebnis erbringen würde. Selten sah man den Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte, der seit Jahren bei Wahlen als Fachmann beim ZDF auftritt, so ernst dreinschauen wie diesmal um 17.55 Uhr. Kurz zuvor hatte Thomas Walde, der für den Mainzer Sender aus dem Hauptquartier der SPD berichtete, erklärt, die Sozialdemokraten wollten bei einer Wahlniederlage in die Opposition gehen. Korte, die SPD-Spitze und Walde hatten wohl schon vorab die Ergebnisse der Prognosen von ARD und ZDF erhalten, die beide Sender dann um 18.00 Uhr veröffentlichten (wobei sich die Prognosen nur um Nuancen unterschieden) und die eine krachende Niederlage für die Große Koalition aus CDU/CSU und SPD signalisierten.

Am Ende eines langen Wahlabends, als das vorläufige Endergebnis feststand, hatten die Unionsparteien zusammen genommen 8,6 Prozent im Vergleich zur letzten Bundestagswahl 2013 verloren und die Sozialdemokratie 5,2 Prozent. Grüne und die Linke hielten in etwa ihr Ergebnis, während die AfD mit 12,6 Prozent zum ersten Mal in den Bundestag einzog und die FDP mit 10,7 Prozent in das Parlament zurückkehrte, aus dem sie vier Jahre zuvor geflogen war.

Dass Thomas Walde mit seiner Mutmaßung Recht behalten sollte, wurde dann schon wenige Minuten später deutlich, als die stellvertretende SPD-Vorsitzende Manuela Schwesig im ZDF ankündigte, ihre Partei würde nun in die Opposition gehen. Sie verkündete damit das Ende der Großen Koalition, die – das hatte Jörg Schönenborn kurz zuvor im Ersten Programm der ARD richtig erkannt – ja längst keine große Koalition mehr ist, sondern nur eine von zwei Möglichkeiten, bei denen die Regierung jeweils ähnlich viele Abgeordnete auf sich versammelt: CDU/CSU mit der SPD oder mit Grünen und FDP. Letztere müsste, käme sie denn zustande, angesichts der dort dann versammelten Meinungen und Ansicht den Begriff einer Noch Größeren Koalition tragen.

Der Ausstieg der Sozialdemokraten aus der Regierungsverantwortung sowie die Frage, ob und wie eine Regierung von CDU/CSU, FDP und Grünen – für die sich der absurde Begriff „Jamaika“-Koalition herausgebildet hatte, weil die Farben dieser Parteien zusammengesetzt die Fahne des Karibikstaates ergeben – begründet werden könne, bestimmten dann auch den Fortgang des Abends. So auch in den Diskussionen, die sich nach der klassischen Wahlberichterstattung ab 20.15 Uhr in der „Berliner Runde“ – von der ARD und dem ZDF gemeinsam ausgestrahlt – sowie anschließend in ersten Talkrunden bei „Anne Will“ (ARD) oder mit Bettina Schausten (ZDF) anschlossen.

Verblüffend der Auftritt des SPD-Vorsitzenden Martin Schulz, der in der „Berliner Runde“ Angela Merkel frontal anging, die er als „Ideenstaubsauger“ bezeichnete, die den Wahlkampf „skandalös“ entpolitisiert habe und die so für ein „Vakuum“ verantwortlich sei, in dem eine Partei wie die AfD hätte gedeihen können. Verblüffend war das, weil Schulz in dem zum „Duell“ hochgejazzten Dialog mit der Kanzlerin, das drei Wochen zuvor nicht nur von ARD und ZDF, sondern auch von RTL und Sat 1 ausgestrahlt worden war, über weite Strecken große Gemeinsamkeiten mit der Kanzlerin herausgestellt und zudem auf jeden persönlichen Angriff verzichtet hatte. Dass Schulz nun so aufdrehte, kann man nur als eine Art Ersatzhandlung begreifen. Er holte nach, was er im „Duell“ verabsäumt hatte. Wie angefasst Schulz nach dem Wahlergebnis für seine Partei war, zeigte sich in der „Berliner Runde“ – die ARD-Chefredakteur Rainald Becker und ZDF-Chefredakteur Peter Frey moderierten – dadurch, dass er Frey, der ihn bei einem Gedanken unterbrach, entgegnete: „Es reicht, wenn man im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ständig irgendwelche sonstigen Lektionen erteilt bekommt. Jetzt führe ich meinen Satz zu Ende. Das durfte ich bei anderen Gelegenheiten nicht, mit Ihrer tätigen Mithilfe. Heute kann ich das machen.“

Das Wahlergebnis hatte aber auch bewiesen, wie unsinnig das „Duell“ als politische Veranstaltung und als wichtigste Fernsehsendung vor der Wahl war. Es hat nur selten in der Bundesrepublik eine Situation gegeben, in der zwei Spitzenkandidaten unmittelbar gegeneinander antraten und in der man von einer direkten Konkurrenz zweier Politiker hätte sprechen können. In der Regel ging es um die Frage, welche Koalition die Mehrheit der Stimmen erringt und dauerhaft im Bundestag auf sich vereinigen kann. Die vom Sport übernommene Vorstellung eines „Duells“, bei dem sich die Stärksten miteinander messen, verfehlte also nicht nur das Prinzip, dass die Kanzlerin oder der Kanzler von den Parlamentariern und eben nicht von den Bürgern direkt gewählt wird, sondern auch die Stimmung im Land, die mit der amtierenden Großen Koalition alles andere als zufrieden war. Die sich im „Duell“ zeigende müde Gemeinsamkeit von Merkel und Schulz hatte vielleicht einen gehörigen Anteil daran, dass diese Koalition abgewählt wurde.

Damit trüge das Fernsehen tatsächlich eine gewisse Verantwortung für das Wahlergebnis. Diese Verantwortung wollte der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) dem Fernsehen in einer anderen Hinsicht zuschieben: In der „Berliner Runde“ warf Herrmann, der bei der Bundestagswahl als Spitzenkandidat seiner Partei antrat, den beiden öffentlich-rechtlichen Sendern vor, mit einer viel zu umfangreichen Berichterstattung über die AfD diese Partei erst stark gemacht zu haben. Dass aber nicht nur das Fernsehen, sondern auch die demokratischen Parteien noch nach einem Modus suchen, wie sie mit der tendenziell rechtsradikalen AfD umzugehen haben, zeigte die Talkshow von Anne Will.

Hier saß mit Alexander Gauland einer der beiden Spitzenkandidaten der jungen Partei, der kurz nach 18.00 Uhr vor seinen Parteifreunden und den Fernsehkameras lauthals versprochen habe, man werde die Kanzlerin „jagen“ und man wolle sich „unser Land und unser Volk“ zurückholen. Bei „Anne Will“ gab sich der rechte Brandstifter Gauland, der ja mit dem Begriff des Jagens als Ziel das Erlegen implizit ausgibt und das Volk in den Besitz einer Partei überführen möchte, als gelassener Biedermann, der kein Wässerchen trüben kann. Mit diesem Janusgesicht von Gauland wissen die anderen Politiker, aber auch die wenigsten Journalisten kaum umzugehen. Das wird aber in den nächsten Wochen und Monaten notwendig sein; denn ab jetzt wird die AfD beanspruchen, in jeder Talkshow und Diskussionsrunde vertreten zu sein. Wenn man es böse formulieren will, befriedigt ihre auf Krawall gebürstete Rhetorik jene Sensationslust, von der ein auf Unterhaltung zentriertes Fernsehen nicht genug bekommen kann.

Wie sehr auch die anderen Parteien sich und ihr Erscheinen auf das Fernsehen orientiert haben, bewiesen am Wahlabend auch Details. Als Angela Merkel vor ihre Parteifreunde und die Kameras trat und bekannte, sie hätte sich „ein wenig ein besseres Ergebnis“ gewünscht, hielten Mitglieder der Jungen Union ihr Schilder entgegen, auf denen stand „Voll muttiviert“. Zuvor hatten sie die amtierende Kanzlerin mit den Rufen „Angie, Angie“ begrüßt. Diese fatale Mischung aus missverstandener Popkultur („Angie“), plumper Ironie („Mutti“) und fader Selbstbegeisterung zielte einzig und allein für die Fernsehkameras ab. Denn wer von den jungen Parteimitgliedern wird im privaten Gespräch oder im politischen Diskurs die Kanzlerin derart ansprechen und titulieren wollen? Und umgekehrt: Wie kann sich eine Partei, die in einem solch wichtigen Moment dergestalt auftritt, ernsthaft gegen jede Form von Populismus wehren?

Auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen wird sich einiges fragen lassen müssen, wie es etwa die politische Debatte einem strukturell auf Unterhaltung angelegten Format der Talkshow überlassen und damit systematisch entpolitisieren konnte. Daran ändert auch nichts, dass „Anne Will“ gestern wie die Fortsetzung der „Berliner Runde“ nur mit anderen Gästen daherkam. Besser konnte man die Ununterscheidbarkeit von Politik und Unterhaltung im Fernsehen nicht verdeutlichen.

25.09.2017 – Dietrich Leder/MK

Print-Ausgabe 24/2017

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