Ein großes Geschenk: Zum 90. Geburtstag von „Mister Sportschau“ Ernst Huberty

Die Sonntag-„Sportschau“ am 19. Februar im Ersten endete ungewöhnlich. In einem kurzen Beitrag erinnerte Steffen Simon an den Mann, der diese vom WDR verantwortete Sendung miterfunden und lange Jahre moderiert hatte und der am heutigen 22. Februar seinen 90. Geburtstag feierte: Ernst Huberty. Ungewöhnlich an diesem kleinen Porträt waren der überaus herzliche Tonfall und seine großen Worte. Es sei, beendete Simon – der ja seit einigen Jahren die „Sportschau“-Redaktion in Köln leitet – seinen Beitrag, „ein großes Geschenk“, ihn, Ernst Huberty, kennengelernt zu haben. Als er das sagt, sitzen sich die beiden gegenüber. Und Ernst Huberty bedankt sich seinerseits dafür, dass man ihm so viel Zeit gewidmet habe.

Das mutete auf den ersten Blick merkwürdig an. So viel Zeit? Drei Minuten, so lang war der Beitrag, sind nun wirklich nicht viel Zeit. Doch der Bericht in der „Sportschau“ war gleichsam nur der Teaser für ein halbstündiges Porträt, das an diesem Abend im Dritten Programm WDR Fernsehen zu sehen war. Tatsächlich nahmen sich die Autoren – neben Steffen Simon noch Marc Schlömer – hier Zeit, um die Karriere von Ernst Huberty Revue passieren zu lassen. Sie zeigten etwa einen seiner ersten Filmbeiträge, den er für das damalige WDR-Regionalmagazin „Hier und Heute“ gedreht hatte. Es ging um das Torwarttraining bei Viktoria Köln. Thematisch nichts Besonderes, aber auffallend die Sorgfalt der Montage. Hier war kein Bildersalat betextet worden, sondern Bild und Kommentar waren aufeinander bezogen montiert worden. Ein Stück wie aus einem Guss.

Dass man bei der Fernsehberichterstattung vor allem im Kommentar nicht das erwähnen muss, was der Zuschauer selbst im Bild sehen kann, wurde zu einem Credo, an das sich Huberty als Kommentator von Live-Spielen hielt. Beispielsweise als er 1970 bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Mexiko das Halbfinalspiel zwischen Deutschland und Italien kommentierte, das später als „Jahrhundertspiel“ bezeichnet wurde. Huberty lässt viele Pausen. Er erwähnt Spielernamen, weist auf individuelle Besonderheiten hin, dramatisiert aber nicht, lässt das Ereignis selbst sprechen.

Als Karl-Heinz Schnellinger in diesem Spiel in der 90. Minute das 1:1-Ausgleichstor für Deutschland schießt, sagt Huberty in der Live-Übertragung der ARD aus Mexiko kurz und knapp: „Schnellinger, ausgerechnet Schnellinger.“ Damit schuf er einen Satz, der mittlerweile im Fernsehen bei fast jedem Spielbericht benutzt wird und damit leider zur Floskel verkommen ist. Gemeint ist damit, wenn ein Spieler, der in einer besonderen Beziehung zum Gegner steht, durch eine besondere Leistung auffällt. Schnellinger war damals einer der wenigen deutschen Spieler, die von der Bundesliga in die oberste italienische Liga gewechselt waren und der nun ein nicht ganz unwichtiges Tor gegen Kollegen aus eben dieser Liga geschossen hatte – es bedeutete die Verlängerung (in der gewannen die Italiener bekanntlich noch mit 4:3).

Den Satz von Huberty kennen viele, viele haben ihn nie vergessen. Auch die für das Porträt befragten Schüler von Ernst Huberty, zu denen neben Reinhold Beckmann etwa Oliver Welke, Monica Lierhaus und Alexander Bommes gehören, zitieren ihn. Allerdings zitieren sie ihn nicht ganz vollständig. Denn Huberty setzt den Satz „Schnellinger, ausgerechnet Schnellinger...“ dann noch mit den Worten fort: „...werden die Italiener sagen“ – womit er den Floskelcharakter seines Wortes bereits andeutete.

Ernst Huberty achtete wie kein anderer im Sportfernsehen auf die Sprache – als Moderator wie als Kommentator. So wie er nie laut wurde, zeigte er sich nie jovial, biederte er sich nie an, weder bei den Sportstars noch beim Publikum. Auch die ihm darob zuteilgewordenen Komplimente wehrte er mit der ihm eigenen Ironie ab: Dass er nie laut geworden sei, liege doch nur daran, dass Schreien damals noch nicht in Mode gewesen sei. Doch seine Schüler wissen um die Prinzipientreue seiner Live-Kommentare: „Immer Lücken lassen“ erinnert Beckmann als einen zentralen Ratschlag, auch wenn er sich selbst nicht unbedingt immer darangehalten hat.

Verblüffend, wie viele legendäre Fußballspiele Ernst Huberty kommentiert hat, wie zum Beispiel den 2:1-Sieg von Borussia Dortmund 1966 im Hampden Park von Glasgow gegen den FC Liverpool im Finale um den damaligen Europapokal der Pokalseiger. Es war der erste Europapokalsieg einer deutschen Mannschaft. Oder das DFB-Pokal-Endspiel zwischen dem 1. FC Köln und Borussia Mönchengladbach 1973, bei dem der sich selbst einwechselnde Günter Netzer kurz nach Beginn der Verlängerung das 2:1-Siegtor schoss. Vergnüglich, in den Rückblenden zu sehen, wie der Moderator Huberty, den Simon „nicht uneitel“ nennt, der Herrenmode der Jahre folgte, was seinem Äußeren nicht immer förderlich war. Eher schrecklich der Gedanke an eine Schallplatte, die Huberty mit den „Drei Mexicanos“ vor der WM in Mexiko aufnahm.

Dass er sich als Lehrer für den Nachwuchs begriff, geschah am Ende seiner Karriere. Der WDR hatte ihn 1983 degradiert, ihm die Leitung der „Sportschau“ weggenommen und ihm zur Abteilung Regionalsport versetzt. Im Kommentar nennt Steffen Simon als Grund der Degradierung eine „bis heute unaufgeklärte Diskussion um Spesenabrechnungen“. Dennoch blieb Ernst Huberty Millionen Zuschauern als „Mister Sportschau“ in Erinnerung. So lautete den auch der Titel von Steffen Simons und Marc Schlömers Porträtfilm: „Mister Sportschau wird 90. Eine Hommage an Ernst Huberty“.

Im Regionalsport kümmerte sich Huberty fortan um die jungen Leute, die dort ihre ersten Erfahrungen sammelten. Nach seiner Pensionierung als WDR-Angestellter beriet er als Coach viele Sportkommentatoren und -moderatoren des öffentlich-rechtlichen wie des privaten Fernsehens. Wer ihn dort erlebte, wie er leise auftrat, aber stets genau hinsah und hinhörte, seine Kritik freundlich, aber pointiert formulierte, der war nicht überrascht darüber, wie die, denen er etwas beibrachte, von ihm schwärmten. Für sie (wie – das sei ausnahmsweise eingestanden – auch für den Autor dieser Zeilen) war es tatsächlich ein großes Geschenk, ihn kennengelernt zu haben.

Herzlichen Glückwunsch zum Neunzigsten, Ernst Huberty!

22.02.2017 – Dietrich Leder/MK
Ernst Huberty (im WDR-Film „'Mister Sportschau' wird 90“) Foto: Screenshot