Diskussion statt Duell: „Wahlarena“ bei der ARD, „Klartext!“ beim ZDF und Tischgespräch bei RTL mit Merkel und Schulz

20.09.2017 • Dass es sich bei der „Wahlarena“ der ARD um „das Original“ handele, betonte Andreas Cichowicz sowohl bei der Diskussion mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am 11. September als auch bei jener mit ihrem Herausforderer Martin Schulz (SPD) eine Woche später (18. September). Der NDR-Chefredakteur wollte sich damit von den Sendungen mit eben den beiden Kandidaten distanzieren, die von RTL und dem ZDF zuvor ausgestrahlt worden waren. Im ZDF hieß das Sendeformat beispielsweise mit Merkel „Klartext! Die Kanzlerin in der Bürger-Arena“ (14. September); bei RTL lief das Äquivalent, zu sehen am 21. August, unter dem Titel „An einem Tisch mit Angela Merkel“ (die Sendungen mit Schulz hießen dem entsprechend).

In der Form ähnelten sich die drei Formate sehr: Die beiden Spitzenpolitiker einzeln wurden von Bürgerinnen und Bürgern, die jeweils im Kreis und in ansteigenden Sitzreihen saßen, zu aktuellen Fragen der Politik befragt. Die moderierenden Journalisten – es waren bei allen drei Sendern jeweils eine Frau und ein Mann – riefen die Fragen auf und achteten tunlichst darauf, dass das Zeitbudget eingehalten wurde. Inhaltlich mischten sie sich eher selten ein. Es sollte jeweils – so nannte es Sonia Mikich (WDR), die mit Cichowicz die „Wahlarena“ moderierte – eine „Sendung der Wahlberechtigten“ sein. Das unterschied diese Formate vom großen „TV-Duell“, bei dem am 3. September Merkel und Schulz gleich von vier Journalistinnen und Journalisten befragt worden waren.

„Wahlarena“ & Co. waren wesentlich lebendiger als das in Ritualen und Regeln versteinerte „TV-Duell“, nicht zuletzt deshalb, weil die beiden Politiker in diesen Sendungen nicht wussten, welche Fragen sie erwarten konnten. Merkel wie Schulz mussten hier unmittelbar und direkt antworten, konnten sich auch nicht wie beim „TV-Duell“ hinter der Position des Konkurrenten verstecken. Gleichzeitig konnten sie sich im Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern als Individuen zeigen, die spontan reagieren können, Neugier auf die Fragesteller zeigen oder gar Mitgefühl mit deren Schicksalen hegen.

Gerade Martin Schulz, der ja nicht von einem Amtsbonus zehren und der nicht wie Angela Merkel in fast allen Wahlsendungen von Telefonaten mit den Staatsmännern und -frauen der ganzen Welt erzählen kann, blühte im Kontakt mit den nach Proporz ausgewählten Wählerinnen und Wählern geradezu auf. Hier spürte man die Erfahrung eines Lokalpolitikers, der als Bürgermeister viele regionale Wahlkämpfe bestritten hat und so ein Gespür für die angeblich kleinen, oft aber existenziellen Fragen der Menschen entwickelt hat.

In allen drei Sendungen ging Martin Schulz auf die Fragesteller zu, lächelte sie an, versuchte sich ihre Namen zu merken, um so einen persönlichen Kontakt herzustellen. Gleichzeitig versuchte er stets Beziehungen zu eigenen Lebenserfahrungen herzustellen, um zu zeigen, dass er als Politiker nicht abgehoben lebe. Diese betonte Nähe zum Wahlvolk hatte etwas Sympathisches an sich und nahm durchaus für ihn ein. Es sei denn, Schulz übertrieb. Sowohl in der ZDF-Sendung als auch bei der ARD meinte er gleich mehrfach, dass er die Orte, von denen die Fragesteller kämen, gut kenne. Doch hier lag er gleich mehrfach daneben – und schon schlug die behauptete Nähe in diesen Momenten in eine plumpe Anbiederei um.

Angela Merkel blieb deutlicher als Martin Schulz auf Distanz – körperlich, indem sie sich nur zu den Fragenden umdrehte und nur selten auf sie zuging, und sachlich, indem sie die Fragen mit Hinweisen auf dem großen Maßnahmekatalog ihrer Regierung beantwortete. Es war, als wolle sie die Fernsehzuschauer stets daran erinnern, dass sie bei ihren Auftritten nicht nur als Wahlkämpferin agiere, sondern auch und vor allem als Amtsinhaberin, die stets das Große und Ganze der Politik im Auge haben müsse. Ihre Person verschwand so fast ganz hinter der Funktion, die sie wahrnimmt und weiter wahrnehmen möchte. Nur gelegentlich, wenn in den Fragen individuelle Schicksale aufschienen, wechselte sie den Modus ihrer Antworten. Dann veränderte sie ihren Gesichtsausdruck von einer auf Distanz angelegten Mimik zu einer, die so etwas persönliche Fürsorge andeutete. Am Ende der ARD-„Wahlarena“ sah man gar, als der Abspann bereits lief, wie sie zu einer Fragestellerin ging und ihr die Hand schüttelte.

Während die Bürger in der ARD-Sendung, nachdem sie sich mit Handzeichen gemeldet hatten, unaufgeregt von den Moderatoren aufgerufen wurden und sich dann erst einmal mit Namen und Wohnort vorstellten, ehe sie sich direkt an Merkel oder Schulz wandten, hatten ZDF und RTL Einspielfilme vorbereitet, mit denen die betreffenden Personen, die dann Fragen stellten, in ihrem Lebensumfeld kurz vorgestellt wurden. Diese Einspielfilme bestanden leider nur aus jenen visuellen Plattitüden, mit denen der Magazinjournalismus seit Jahrzehnten schon Betroffene zu porträtieren meint. Bei RTL stellten die Personen ihre Fragen auch noch in die sie porträtierende Filmkamera, statt sie im Studio direkt an Merkel oder Schulz zu richten. Damit lief der Dialog zunächst stets über die Moderatoren Peter Kloeppel und Roberta Bieling.

Das Verfahren bei RTL wirkte umständlicher und bemühter als etwa im ZDF, wo die Fragen nach den Einspielfilmen direkt an die Kanzlerin und ihren Herausforderer gerichtet wurden. Dort signalisierten bei ihrer Moderation Bettina Schausten und Peter Frey deutlich, dass sie Chefin und Chef im Verfahren waren. Hier wäre es unmöglich gewesen, dass Martin Schulz – wie in der ARD geschehen – sich das Recht einer letzten Bemerkung einfach nimmt, auch wenn die Sendezeit schon überschritten ist.

In dieser abschließenden Bemerkung wünschte sich Schulz, dass eine solche Begegnung zwischen Politiker und Bürgerinnen und Bürgern nicht nur eine alle vier Jahre stattfindende Wahlkampfgeschichte sein, sondern regelmäßig „einmal im Monat“ stattfinden solle. Bei aller Anerkennung, dass diese Live-Gespräche tatsächlich politische Substanz besaßen, darf man sie nun allerdings auch nicht gleich zum perfekten Forum der politischen Auseinandersetzung erheben. Dazu waren dann doch einige Fragen zu detailliert, zu verquer oder einfach zu stark von den individuellen Lebensbedingungen derjenigen geprägt, die sie stellten. Aber als Alternative nicht nur zum „TV-Duell“, sondern auch zu den Talkshows mit stets denselben Gästen sind sie allemal zu begrüßen.

Selbstverständlich gibt es ein Original dieses Formats. Doch da handelt es sich nicht um die erstmalig 2005 veranstaltete „Wahlarena“ der ARD, sondern um jene town hall meetings, in denen in den USA Politiker und Wähler seit dem späten 19. Jahrhundert zusammenkommen. Auf ihnen basieren, das hat Harald Keller in seinem verdienstvollen Buch „Die Geschichte der Talkshow in Deutschland“ rekonstruiert, viele Konzepte von Gesprächssendungen in Hörfunk und Fernsehen. RTL war so ehrlich, das zuzugeben. Doch der Begriff „Townhall Meeting“ tauchte hier nur am Rande auf. Stattdessen wurde beim Privatsender einem Tisch die Gnade der Titelnennung zuteil. „An einem Tisch mit Angela Merkel“ (oder mit Martin Schulz) – erinnerte dann doch eher an eine Koch- denn an eine Politiksendung.

20.09.2017 – Dietrich Leder/MK

Print-Ausgabe 24/2017

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