Die Handy-Aktion von Leipzigs Sportdirektor Ralf Rangnick: Ein Hinweis auf die Probleme des Videobeweises beim Fußball

02.11.2017 • Kurz nach dem Halbzeitpfiff des DFB-Pokalspiels zwischen RB Leipzig und Bayern München (25. Oktober) ereignete sich etwas Merkwürdiges. Der Leipziger Sportdirektor Ralf Rangnick stürmte mit erhobenem Mobiltelefon in Richtung des Schiedsrichters Felix Zwayer und seiner Assistenten. Rangnick wollte ihnen wohl etwas auf dem Handy zeigen. Dazu kam es aber nicht, da Bayern-Spieler wie Mats Hummels dem Leipziger Manager den Laufweg zum Schiedsrichter mit ihren Körpern verstellten. Was aber wollte Ralf Rangnick dem Schiedsrichter zeigen?

Mutmaßlich wollte er ihm eine Szene aus der 34. Minute der Live-Übertragung der ARD oder von Sky zeigen. In dieser Szene droht der RB-Stürmer Emil Forsberg seinem Gegenspieler Arturo Vidal zu entwischen, weshalb der Bayern-Spieler – noch außerhalb des Strafraums – ihn festzuhalten versucht. Als auch das den Stürmer an seiner Vorwärtsbewegung nicht hindert, setzt Vidal zu einer Grätsche an, die den Leipziger Spieler nun im Strafraum der Bayern so am Fuß trifft, dass er zu Boden stürzt.

Schiedsrichter Zwayer, der fünf oder sechs Meter hinter dem Geschehen stand und es direkt und ohne Beeinträchtigung wahrnehmen konnte, pfiff und zeigte auf den Elfmeterpunkt. Eine klare Entscheidung, so dachten wohl alle mit Ausnahme der Bayern-Spieler, die heftig protestierten. Doch dann griff sich der Schiedsrichter an seinen Kopfhörer. Er hatte wohl von seinem Assistenten, der an der Torauslinie stand, ein Signal bekommen. Zwayer eilt zu ihm, dann konferieren die beiden. Am Ende nimmt Zwayer seine Elfmeterentscheidung zurück, gibt stattdessen einen Freistoß an der Stelle, an der Vidal sein erstes Foul beging, den Halteversuch.

Die Fernsehbilder zeigten indes eindeutig, dass das entscheidende Foul im Strafraum begangen worden war. Zudem hatte Zwayer das Halten Vidals zuvor ja nicht abgepfiffen, das er nun auf einmal als ahndungsbedürftig ausgab. Es war eine klare Fehlentscheidung, die der Schiedsrichter traf, nachdem er zuvor bei seiner ersten Entscheidung richtig gelegen hatte. Eine Fehlentscheidung, die auf dem Urteil des Assistenten beruhte, der vom Geschehen deutlich entfernter gestanden hatte als der Schiedsrichter und der zudem die Szene nur von einer eher seitlichen Ansicht kannte.

Ralf Rangnick, der dem Spiel zunächst von der Tribüne zugeschaut hatte, muss wohl auf seinem Mobiltelefon die Zeitlupenbilder des Fernsehens, welche die Richtigkeit der Elfmeterentscheidung bezeugten, gesehen haben. Jedenfalls setzte er sich kurz danach auf die Bank seiner Mannschaft, wo er auf den Moment wartete, in dem er mit dem Handy zum Schiedsrichter gehen wollte. (Hätte er Zwayer tatsächlich die umstrittene Szene noch einmal zeigen können? Wie er dann auf seinem Mobiltelefon die Szene der Live-Übertragung so abspeichern konnte, dass diese beliebig abzuspielen gewesen wäre, ist dann wohl ein Geheimnis von Rangnicks Smartphone; vielleicht hatte er ja ein Bildschirmfoto von dem entscheidenden Moment hergestellt, was aber nur bei der ARD-Übertragung möglich gewesen wäre, da bei Sky-Übertragungen die Screenshot-Funktion blockiert ist.)

Notwendig schien Rangnick seine Aktion, die der Deutsche Fußball-Bund (DFB) wenige Tage später als Unsportlichkeit kritisierte und darob ein Ermittlungsverfahren gegen den Leipziger Sportdirektor anstrengte, aus einem einzigen Grund: In dieser Pokalrunde wurde der Videobeweis, der in der Bundesliga mit dem Beginn der laufenden Saison eingeführt worden war, noch nicht eingesetzt. Erst ab dem Viertelfinale gibt es ihn dann auch im DFB-Pokal. Rangnick wollte (so es ihm denn mittels seines Smartphones möglich war) den Videobeweis also gleichsam nachträglich und privatim einführen, um den Schiedsrichter eines Fehlers zu zeihen, der für das weitere Spielgeschehen nicht unerheblich war: Der FC Bayern siegte am Ende durch Elfmeterschießen, so dass Leipzig aus dem Wettbewerb ausschied.

Das Absurde, das diese Szene aus dem Pokalspiel erneut offenbarte, ist, dass der Videobeweis – das zeigen auch die Erfahrungen der ersten zehn Bundesliga-Spieltage – die Entscheidungslage der Schiedsrichter nicht erleichtert, sondern verkompliziert. Zwar gab es eine Reihe von Szenen, in denen das, was an Bildsignalen aus einem Videokontrollraum der Deutschen Fußball-Liga (DFL) in Köln geliefert wird, zur Verbesserung von Entscheidungen geführt hat, krasse Fehlentscheidungen bei Abseitsstellungen oder schweren Fouls konnten so revidiert werden; aber ebenso schufen die Korrekturen aus dem Kölner Kontrollzentrum neue Fehlentscheidungen. Dabei war es dann so wie bei dem Pokalspiel in Leipzig: Der Schiedsrichter trifft nach dem ersten Augenschein eine Entscheidung, die sich bei Betrachten aller Videobilder als richtig herausstellt, doch dann greift der Videoassistent ein – in der Bundesliga mehrfach der Videoschiedsrichter in Köln –, der das Geschehen nur vom Monitor und von den Fernsehbildern kennt.

Beispielhaft dafür ist eine Szene aus der Bundesliga-Partie Bayern München gegen Hertha BSC Berlin am 1. Oktober. Als Hertha-Spieler Vladimir Darida mit dem Ball in den Strafraum der Bayern stürmt, kann ihn Javier Martínez – so sah es auf den ersten Blick der seitlichen Führungskamera aus – nur mit einem Foul stoppen. Schiedsrichter Harm Osmers, der hinter den beiden Spielern stand, zeigt folgerichtig auf den Elfmeterpunkt. Da erhält er über Kopfhörer einen Hinweis von seinem Videokollegen aus Köln. Osmers gibt daraufhin das Zeichen für den Videobeweis: Indem er mit beiden Händen den Rahmen eines Videodisplays in die Luft zeichnet, eilt an den Spielfeldrand, wo in der Höhe der Mittellinie ein Videomonitor hochgefahren wird. Darauf sieht sich Osmers nun die Wiederholungen an, von denen einige auch die Live-Zuschauer bei Sky zu Gesicht bekommen. All diese Aufnahmen stammen von seitlichen Kameras etwa aus der Höhe der Eckfahne oder von der Kamera, die hinter dem Bayern-Tor installiert ist. Aus dieser Perspektive ergibt sich, dass Martínez erst den Ball, dann Darida traf. Folgerichtig revidiert Osmers seine Entscheidung.

Der Videobeweis hatte hier also funktioniert. Er hatte eine Fehlentscheidung rückgängig gemacht. Glaubten alle, die das Spiel am Fernsehbild verfolgt hatten. Bis die Regie von Sky eine weitere Zeitlupe einspielt. Sie stammt aus der Hintertorkamera des Hertha-Tors, die das Geschehen in einer starken Teleeinstellung erfasst. Diese Kamera zeigte das Geschehen aus derselben Perspektive, aus der es auch der Schiedsrichter wahrnahm. Hier ist nun zu sehen, dass Martínez erst Darida, dann den Ball, dann erneut den Hertha-Spieler trifft. Der Elfmeterpfiff war also vollkommen zu Recht erfolgt.

Beide Szenen zusammengenommen, weisen auf ein großes Problem des Videobeweises hin: Bilder bedürfen wie die Wirklichkeit der Interpretation. Die Kameras haben wie der menschliche Blick ihre blinden Flecke. Ihre Bilder unterliegen den Bedingungen von Position, Perspektive und Bewegungsrichtung. Und Entscheidendes kann verstellt werden – etwa durch Spieler, die sich zwischen dem Geschehen und der Kamera befinden. Die Interpretation bedarf eines Fachwissens – nicht nur zum Fußball und seinen Regeln, sondern auch über die Bildherstellung und ihre technischen Bedingungen. Wer beispielsweise eine Szene nur von einer oder zwei Seiten betrachtet, wird Dinge nicht erkennen können, die erst von der dritten oder der vierten Seite ersichtlich sind.

Hinzu kommt der Interpretationsspielraum: Was für den einen eindeutig ist – beispielsweise das (vermeintliche) Handspiel eines Freiburger Spielers in der Bundesliga-Partie gegen den VfB Stuttgart am 29. Oktober –, ist es für den anderen nicht. In diesem Fall griff der Videoschiedsrichter in Köln ein, wies den Schiedsrichter vor Ort an, dass Spiel zu unterbrechen und den Freiburger Spieler sogar vom Platz zu stellen. Eindeutig war diese Szene auch nach dem Betrachten aller Zeitlupen nicht; es steht demnach eher zu vermuten, dass die Berührung des Balls mit der Hand die Folge eines Remplers war, den der Stuttgarter Stürmer seinem Freiburger Kontrahenten gab.

Dieser Vorgang verdeutlicht, dass sich die Videoschiedsrichter mittlerweile als die überlegene Instanz begreifen. Der Schiedsrichter auf dem Platz als König des Geschehens hat seine Allmacht verloren. An seine Stelle tritt der neue König, es ist der Kollege aus dem Videokontrollraum, dem – daran ist zu erinnern – nicht mehr zur Verfügung steht als das, was alle Fernsehzuschauer einer Live-Übertragung auch sehen. Vielleicht sogar noch weniger als das. Darauf wies ein Beitrag der Sendung „Sport inside“ vom 29. Oktober im Dritten Programm WDR Fernsehen hin, in dem ein anonymisierter Schiedsrichter berichtete, dass im Kölner Videokontrollraum längst nicht alle Bilder aller Kameras zu Verfügung stünden und dass die wenigen Bilder, die man dort betrachten könne, nur in Standard- und nicht in hochauflösender Qualität (SD statt HD) auf den Monitoren erschienen.

Kritik am Verfahren, das zeigte auch der „Sport-inside“-Bericht, wehren die Verantwortlichen von DFB und DFL ab. Sie gestehen noch nicht einmal die Probleme ein, die offensichtlich sind. Dass sie eine Geste wie die von Ralf Rangnick, der den Videobeweis nach eigenen Gnaden in das Verfahren einführen wollte, erst provozierten, kommt ihnen nicht in den Sinn.

02.11.2017 – Dietrich Leder/MK
Ralf Rangnick, Sportdirektor von RB Leipzig, stürmt mit erhobenem Mobiltelefon in Richtung Schiedsrichter
Hätte Rangnick dem Schiedsrichter tatsächlich die umstrittende Szene noch einmal zeigen können?
Videobeweisaktion direkt im Stadion: In der Höhe der Mittellinie wird ein Videomonitor hochgefahren
Bildsignale aus dem Videokontrollraum: Die Entscheidungslage ist für die Schiedsrichter schwieriger geworden Fotos: Screenshots (aus der „Sportschau“ am 28. Oktober 2017 im Ersten)