Der Schock wirkt nach: Wie das Fußballgeschehen nach dem Attentat auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund weiterging

Ob in dem Moment, als Sven Bender, nachdem er im eigenen Strafraum gefoult wurde, nicht hinfiel, sondern er die Balance zu halten versuchte und genau dadurch ungeschickt den Ball, den der Gegner AS Monaco in diesem Viertelfinalspiel der Champions League geflankt hatte, zum 0:2 ins eigene Tor lenkte, einer der Spieler von Borussia Dortmund daran dachte, was genau 24 Stunden zuvor geschehen war? Die Funktionäre des Fußball-Bundesligisten hatten in der dazwischen liegenden Zeit des öfteren betont, dass Profis so etwas wegstecken und verarbeiten müssten, dass 24 Stunden Pause vielleicht für eine psychische Verarbeitung des Erlebten sogar besser wären als eine oder mehrere Wochen. Ob Sven Bender wirklich durch das Erlebte blockiert war oder ob es einfach der Übereifer war, eine schwierige Situation spielerisch zu lösen, statt sich auf den Pfiff eines schwachen Schiedsrichters zu verlassen, der das erste Tor der Monegassen gegeben hatte, obgleich der Schütze deutlich und auf den ersten Blick zu sehen im Abseits stand, war in dem Moment kaum zu beurteilen, als man es am Mittwoch (12. April) bei der Live-Übertragung des Spiels beim Pay-TV-Sender Sky sah. Am Abend zuvor hatte es ein Attentat auf den Dortmunder Mannschaftsbus gegeben, als dieser mit Team und Trainer auf dem Weg ins Stadion zum Champions-League-Spiel gegen den AS Monaco war; nahe dem Fahrzeug war es zu drei Explosionen gekommen.

Nach dem Abpfiff des Spiels am Mittwoch und der unglücklichen 2:3-Niederlage im eigenen Stadion brach es dann aus einigen Dortmunder Spielern heraus. Sokratis, der sonst so stoische Innenverteidiger, kämpfte, als er vor den Fans der Südtribüne stand, mit den Tränen. Der sonst so souveräne Nuri Sahin, den sein Trainer Thomas Tuchel zur zweiten Halbzeit und damit zu spät eingewechselt hatte, hatte deutlich Schwierigkeiten, im Interview bei Sky nach Spielende seine Lage am Vorabend zu schildern, als er nach dem Anschlag auf den Mannschaftsbus nach Hause zu Frau und Kind zurückgekehrt war. Er sagte aber auch, dass er erst auf dem Platz das Bombenattentat auf den Mannschaftsbus verdrängen konnte. Thomas Tuchel wiederum kritisierte den europäischen Fußballverband UEFA und damit den Veranstalter der Champions League scharf dafür, dass er das am Vorabend (Dienstag) eine Stunde nach dem Anschlag abgesagte Spiel auf den nächsten Tag um 18.45 Uhr neu angesetzt hatte.

Diese Maßnahme war bereits am Dienstagabend diskutiert worden. An diesem Abend lagen die alleinigen Übertragungsrechte bei Sky. Der Pay-TV-Sender hatte in seinem Münchner Studio, in dem Jessica Kastrop moderierte, mit Ottmar Hitzfeld einen ehemaligen Trainer und mit Steffen Freund einen ehemaligen Spieler des BV Borussia Dortmund versammelt, die nun, als die Nachricht vom Attentat auf den Spielerbus kurz vor 20.00 Uhr die Runde machte, darüber spekulieren mussten, was geschehen sei und was das für die Spieler bedeutete. Diese Spekulationen füllten nachfolgend fast eine Stunde, ehe man auf diesem für das BVB-Spiel vorgesehenen Kanal dann auch das zweite Viertelfinalspiel des Dienstagabends zwischen Juventus Turin und dem FC Barcelona (3:0) übertrug.

Das Spekulieren führte zu mancher kruden Assoziation, wenn sich beispielsweise Steffen Freund anlässlich des Attentats erinnerte, wie es 1998 war, als sich in der Champions League durch ein umgefallenes Tor der Anpfiff des Halbfinalspiels der Dortmunder bei Real Madrid verschoben hatte. (Ein Ereignis, das dann Fernsehgeschichte schrieb, weil das Team von Premiere – so hieß Sky vor einigen Jahren – um Günther Jauch und Marcel Reif es zum Anlass für allerlei an Jokus nahm.) Es war denn auch eine Assoziation, für die sich Freund, eine ehrliche Haut, einige Minuten später entschuldigte. Auch die Durchhalteparolen, die der ehemalige Mathematiklehrer und spätere Meistertrainer Hitzfeld herausraunzte, wirkten seltsam fehl am Platze. So war es allein Erik Meijer vorbehalten, der seit einigen Jahren Sky-Experte bei solchen Spielen ist, etwas Sinnvolles und Einfühlsames über die Spieler zu sagen, die gerade diesen Anschlag erlebt hatten und von denen einer – der Innenverteidiger Marc Bartra – so verletzt worden war, dass er sofort im Krankenhaus operiert werden musste.

Die Live-Regie von Sky verabsäumte es in dieser Stunde mehrfach, im richtigen Moment ins Dortmunder Stadion zu schalten, so dass man die Reaktionen der Fans auf die Bekanntgabe der Nachricht des Anschlags oder die dann um 20.30 Uhr erfolgte Absage und Verlegung des Spiels nicht richtig mitbekam. Eine Scharte, die dann Sky-Kommentator Kai Dittmann auswetzte, als er am Ende dieser Übertragung im Interview sehr präzise schilderte, was wann im Stadion abgelaufen war. Dittmann war es auch, der am folgenden Tag während seines Kommentars des Spiels immer wieder richtige Worte fand, um die Situation der Dortmunder Spieler zu schildern.

Dass die Show, dass der Sport weitergehen müsse, worauf Ottmar Hitzfeld am Abend des dann abgesagten Spieles bei Sky hingewiesen hatte, ist eine Erkenntnis, mit der der damalige IOC-Präsident Avery Brundage 1972 die Fortsetzung der Olympischen Sommerspiele in München nach dem Attentat auf die israelische Mannschaft begründet hatte. Auch dieser Zusammenhang ist aus mehreren Gründen prekär. Zum einen waren bei dieser Geiselnahme durch ein palästinensisches Kommando mehrere israelische Sportler und Trainer umgekommen; die Ereignisse waren also um vieles dramatischer und blutiger. Zum anderen ist gerade der US-Funktionär Brundage ein schlechter Gewährsmann für Moral im Sport. Es war derselbe Avery Brundage, der 1935 den Wunsch vieler Sportler und Funktionäre hintertrieben hatte, die Olympischen Sommerspiele im nationalsozialistischen Deutschland zu boykottieren. Es sollte ihm mit einem Bauauftrag der Reichsregierung gelohnt werden, zu dessen Umsetzung es dann wegen des Angriffskriegs der Deutschen auf Polen aber nicht mehr kam.

Die Fans im Dortmunder Stadion zeigten am Mittwochabend ein größeres Gespür für den Zusammenhang von Sport und Moral als die Funktionäre der UEFA, die allein ihren Zeitplan und die aus etwaigen Verschiebungen resultierenden pekuniären Mindereinnahmen im Kopf hatten. Auch die aus Monaco angereisten Zuschauer feierten mit den einheimischen am Ende – genau 24 Stunden nach dem geplanten Anpfiff – des Spiels die weitgehend jungen Spieler von Borussia Dortmund, die sichtlich durch das gezeichnet waren, was sie am Tag zuvor erlebt hatten. Der hier sichtbare Schock wirkt noch nach. Was man von der Kritik an der seelenlosen UEFA nicht sagen kann.

13.04.2017 – Dietrich Leder/MK