Der einsame Gang des Emmanuel Macron: Aus dem Dunkel der Geschichte ins Licht der Medien

Am Abend des vorigen Sonntags (7. Mai) musste man als Fernsehzuschauer lange warten, ehe sich Emmanuel Macron auf den Weg zu seinen Anhängern begab, die vor dem Louvre in Paris auf ihn warteten. Der unabhängige Kandidat, der für seine Bewerbung als französischer Staatspräsident eine eigene Bewegung – Slogan: En Marche! – gegründet hatte, war an diesem Tag als Sieger aus der Stichwahl mit Marine Le  Pen, der Kandidatin der rechtsextremen Partei Front National, hervorgegangen. Das war schon unmittelbar nach Schließung der Wahllokale (in den Großstädten um 20.00 Uhr) bekannt geworden. Im Lauf des Abends vergrößerte sich sein Vorsprung noch, ehe das Endergebnis feststand: Macron erhielt 66,1 Prozent der abgegebenen gültigen Stimmen und damit doppelt so viele wie Le Pen, die 33,9 Prozent auf sich vereinigen konnten. (Aus diesen Zahlen sind die etwa 4 Mio Proteststimmen der Wähler herausgerechnet, die nur einen weißen Zettel im Umschlag abgaben und damit ungültig abstimmten.)

Anders als beim ersten Wahlgang berichteten ARD und ZDF diesmal ab 18.00 Uhr umfassend vom Geschehen in Frankreich. Das fiel den beiden öffentlich-rechtlichen Hauptprogrammen auch leicht, da ja an diesem Tag auch noch eine Landtagswahl in Schleswig-Holstein stattfand, so dass man mühelos zwischen Kiel, Paris und Berlin hin- und herschalten konnte und eben nicht das französische Ereignis allein in den Mittelpunkt stellen musste. Als dann in der ARD nach einem auf die „Tagesschau“ folgenden 15-minütigen „Brennpunkt“ zur Stichwahl in Frankreich um 20.30 Uhr der „Polizeiruf 110“ begann, waren die wesentlichen Punkte dieser Wahl schon dargelegt. Man versäumte also nicht viel. Wer dennoch an den Debatten um die Interpretation des Ergebnisses interessiert war, wurde auf Phoenix bestens bedient, während der einst deutsch-französische und heute europäische Kulturkanal Arte nach einer bis 20.15 Uhr währenden Sendung zur Wahl im weiteren Verlauf eisern an seinem Spielfilmangebot festhielt, als sei die Wahl eine Petitesse.

Phoenix übernahm an diesem Sonntagabend – wie schon am Mittwoch zuvor (3. Mai) im Fall des TV-Duells zwischen Macron und Le Pen – live das Programm des Senders öffentlich-rechtlichen Senders France 2 und ließ die Wortbeiträge simultan übersetzen (auf dem zweiten Kanalton konnte man das Ganze im französischen Original mitverfolgen). So wurde man bei Phoenix Zeuge zum einen einer unglaublich hässlichen Studiodekoration, die mit seinem umlaufenden Rang wie ein Raumschiff wirkte und in der ein blasses Blau dominierte. Hier hatten sich unübersichtlich viele Politiker und Sachverständige an Nebentischen versammelt, die mal nach vorne rückten, um dann wieder nach hinten zu verschwinden. Gemeinsam mit einem Nachrichtensprecher führte eine hochschwangere Moderatorin souverän durch das mehrstündige Programm.

Es war noch zu Anfang durch die Details der ersten Ergebnisse bestimmt, ehe man sich an deren Interpretation wagte und anschließend die Folgen dieser Wahl für die französische Gesellschaft verhandelte. Auffallend war, wer alles seine Hoffnungen auf den mit 39 Jahren bisher jüngsten Präsidenten Frankreichs richtete – Anhänger und Sympathisanten der Sozialisten ebenso wie die der Konservativen. Die Kandidaten dieser Parteien, die bislang die Präsidentschaft unter sich ausgemacht hatten, waren im ersten Wahlgang stellenweise desaströs gescheitert. Nun hoffen sie, den Präsidenten der 5. Republik in ihre Richtung manövrieren zu können.

Ab 22.00 Uhr warteten dann alle im französischen Wahlstudio auf den Auftritt von Macron. Der ließ allerdings auf sich warten, so dass die Moderatorin mühsam die politische Debatte im Studio immer wieder anstieß, um sie aber jederzeit mit Blick auf das Live-Bild vom Platz vor dem Louvre wieder stoppen zu können. Dieses Bild war dann mehrfach im Splitscreen zur Studioansicht eingeblendet, so dass einen auch als Zuschauer nicht das Gefühl beschlich, man verpasse vielleicht etwas. Nach 22.30 Uhr war es dann endlich soweit: Emmanuel Macron trat, begleitet vom Schlusschor der 9. Symphonie von Beethoven, aus dem Hintergrund auf und schritt in langsamem Tempo in Richtung der Rednertribüne, die vor dem Glaskubus des Museums errichtet worden war. Mehrere Kameras verfolgten diesen Gang durch ein Halbdunkel, das nur durch mehrere Verfolgungsscheinwerfer erhellt war. Von diesem Gang werden die mehr als 10.000 Zuschauer auf diesem Platz direkt nichts mitbekommen haben, da ihnen durch Aufbauten und Absperrungen der Blick blockiert war. Stattdessen wurde ihnen auf großen Leinwänden das Live-Bild des Fernsehens gezeigt.

Der Gang dauerte, der Privatsender TF 1 hat es später ausgezählt, 3 Minuten und 50 Sekunden, ehe der designierte neue Staatspräsident die Plattform hinaufgestiegen war, auf der das Rednerpult stand. Zu lange für Beethoven. Als Macron immer noch nicht angekommen war, wiederholte man einfach den Musikclip – nun in einer rein akustischen Version – noch einmal, damit der pathetische Gang weiterhin passend untermalt wurde. Oben angekommen streckte dann ein nun lächelnder Macron beide Arme in die Höhe, als er seine jubelnden Anhänger begrüßte. Schon am Abend wurde dieser pathetische Auftritt des einsamen Gangs aus dem Dunkel der Geschichte ins Licht der Medien mit dem von François Mitterand verglichen, der nach seiner Amtseinführung (also nicht am Wahlabend) allein mit drei Rosen in der Hand minutenlang durch den Pantheon geschritten war, um am Grab des Widerstandskämpfers Jean Moulin die Blumen niederzulegen.

Man kann dieses Zitat Macrons so deuten: Er bedient sich in seinen symbolischen Handlungen ähnlich freihändig wie in seiner politischen Pragmatik bei allem, was ihm gefällt und was ihm nützt. Er ist ein Patchwork-Politiker, der sich und seine Identität aus dem Baukasten des späten 20. Jahrhunderts zusammengebastelt hat.

09.05.2017 – Dietrich Leder/MK

Print-Ausgabe 10/2017

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