„Weissensee“ und „Weinberg“, „Deutschland 83“ und „Club der roten Bänder“: 2015 war das Jahr der Fernsehserien!

Es war das Jahr der Fernsehserien! Nicht nur dank frischer Importe aus den USA, aus Großbritannien und Skandinavien, sondern auch dank neuer deutscher Produktionen. Sie waren nicht nur in den klassischen Fernsehprogrammen, sondern auch bei den Streaming-Portalen Netflix und Amazon Prime Video zu sehen.

Unter den Serien aus den USA ragte vor allem die HBO-Produktion „Olive Kitteridge“ heraus. Erzählt wird über mehrere Jahre hinweg die Geschichte einer Frau, die in einem Küstenstädtchen in Neuengland lebt. Zu Beginn ist sie mit dem Apotheker des Ortes verheiratet; ihr Sohn lebt an der amerikanischen Westküste. Es geht in den vier Folgen à 60 Minuten um die alltäglichen Geheimnisse, um verdrängte Sehnsüchte und Wünsche, um Lügen und bittere Wahrheiten. Ihre Attraktion erhält die Serie durch Frances McDormand, die in der Titelrolle zu sehen ist. Die Schauspielerin stand einst auch im Zentrum des Kinofilms „Fargo“ von Joel und Ethan Coen, der 2014 in den USA seine Weitererzählung als Serie erfuhr. Hier wich die anfängliche Skepsis, ob die Serie die Qualität des Kinofilms erreichen würde, bald einer gewissen Begeisterung. Die konnte sogar die zweite Staffel der „Fargo“-Serie halten, die 2015 auf Netflix zu sehen war.

Als mit der insgesamt 92. Folge „Mad Men“ (Fox) zu Ende ging, wurden der hochgelobten Serie im deutschen Feuilleton viele Tränen nachgeweint. Dass die dritte Staffel der zuvor ebenfalls gepriesenen Netflix-Produktion House of Cards, die in Deutschland als erstes beim Pay-TV-Sender Sky Atlantic lief, deutlicher schwächer war als die ersten beiden, fiel hingegen nicht auf. In dieser Staffel entfernen sich die amerikanischen Produzenten zum ersten Mal deutlich vom englischen Original aus den frühen 1990er Jahren. Gelungen hingegen die Serie „Better Call Saul“ (Netflix), in der die Vorgeschichte jenes Rechtsanwalts Jimmy McGill (Bob Odenkirk) erzählt wird, der in „Breaking Bad“ (ging ebenfalls in diesem Jahr auf AXN zu Ende) den Meth-Brauer Walt White in juristischen Dingen beistand.

Bemerkenswerte britische Serien waren „Peaky Blinders“ (zu sehen bei Arte), wo es um den Gangsterkrieg in den 1920er Jahren in Birmingham geht, „The Fall“ (ZDF) mit einer Geschichte, in der Gillian Anderson (einst „Akte X“) als Ermittlerin nach Belfast gerufen wird und dort eine Serie von Frauenmorden aufzuklären hat, und Broadchurch, wo der Mord an einem Jungen einen Küstenort in seinen Grundfesten erschüttert. Wer die vier 90-minütigen Folgen im April und Mai im ZDF sah, wird ein Déjà-vu-Erlebnis gehabt haben. Denn die Geschichte kam denjenigen bekannt vor, die zwei Monate zuvor den ZDF-Zweiteiler „Tod eines Mädchens“ (9.2. und 11.2.) gesehen hatten. Zwar war hier aus dem toten Jungen ein Mädchen geworden und aus der englischen Küstenstadt eine deutsche, aber selbst das deutsche Polizeirevier ähnelte dem englischen bis ins Detail eines grandiosen Fensterblicks.

Gemeinsam mit acht anderen Sendern aus Europa realisierte das ZDF den vierteiligen Polizeikrimi The Team (8., 15., 22. und 29.3.), der von der grenzüberschreitenden Suche nach den Tätern einer Mordserie unter Prostituierten erzählt. Bei mancher Überkonstruktion der Handlung ein ungewöhnlicher und sicher fortsetzbarer Versuch, von der Wirklichkeit in Europa, zu der das Verbrechen ja auch gehört, auf andere Weise zu erzählen.

Mit unter anderem zwei skandinavischen Serien wartete Arte auf: „Occupied“ aus Norwegen wagt eine Zukunftsspekulation: Wie verhielte sich das Land, würde es von Russland besetzt, das durch diesen Akt die norwegische Ölförderung auf Touren halten will, die eigentlich zugunsten erneuerbarer Energien eingestellt werden soll? Ein Thriller, der seine politische Substanz leider zu oft an die Genrekonvention verriet. Und „1864 – Liebe und Verrat in Zeiten des Kriegs“ aus Dänemark rekonstruiert die Vorgeschichte des dänisch-preußischen Kriegs. Ein buntes Geschichtspanorama, das die Allgemeingeschichte mitunter wie im Schulfernsehen abhandelte.

Zu den deutschen Produktionen. Die ARD strahlte im Herbst die dritte Staffel von Weissensee aus, in der die aus den vorherigen beiden Staffeln bekannte die Ost-Berliner Familie das Ende der DDR er- und durchlebt. Das mutete schon etwas merkwürdig an, all die Szenen, die 2014 aus Anlass des 25. Jahrestags des Mauerfalls zu sehen gewesen waren, jetzt noch einmal im Serien-Kontext mitzuerleben. Doch die Serie hat ihre Figuren in den ersten beiden Staffeln viel zu gut exponiert, als dass man das Interesse an ihnen verlieren könnte. Besonders spannend, wie Jörg Hartmann als Stasi-Oberst versucht, sich aus den eigenen Verstrickungen zu winden. Die ARD strahlte die sechsteilige Serie an drei Tagen hintereinander (29.10., 30.10., 1.11.) jeweils mit Doppelfolgen aus. Ein Verfahren, das sich bei den Zuschauerzahlen auszahlte.

Komplizierter war da schon die Programmierung bei „Blochin – Die Lebenden und die Toten“ durch das ZDF. Die fünfteilige Krimiserie um die von Jürgen Vogel gespielte Titelfigur wurde zwar auch auf drei Tage verteilt (25.9., 26.9., 27.9.), aber die einzelnen Folgen wiesen unterschiedliche Längen von 60 oder 90 Minuten auf, was ein gewisses Durcheinander erzeugte. Vielleicht war dies die Ursache dafür, dass die zwar spannend erzählte, wenngleich mit einigen dramaturgischen Fehlern behaftete Serie Zuschauer verlor.

Noch schlimmer erging es in dieser Hinsicht der mit vielen Vorschusslorbeeren gestarteten RTL-Auftragsproduktion Deutschland 83. Sie wurde ab dem 26. November an vier Donnerstagen jeweils in Doppelfolgen gesendet, die zudem mit Werbung und Autopromotion kräftig angereichert wurden. Die durchgängig erzählte Geschichte um einen DDR-Spion, der die Bundeswehr und die NATO infiltrieren soll, hat mit ihren vielen Figuren und Geschichten wohl irgendwann die Zuschauer überfordert, so dass sie mehrheitlich ausstiegen. Bei allen Schwächen der Konstruktion – der Spion (Jonas Nay) mutiert in kürzester Zeit von einem naiven Soldaten zu einem hochprofessionellen Agenten – war die Serie bis in die Ausstattungsdetails sehr gut produziert.

Der zur RTL-Gruppe gehörende Sender Vox war hingegen mit dem Zuschauerzuspruch seiner Eigenproduktion Club der roten Bänder (ab 9.11.) sehr zufrieden. Das Original der Geschichte um sechs Jugendliche, die in einem Krankenhaus über längere Zeit zusammenleben müssen, stammt aus Spanien. Die deutschen Autoren Arne Nolting und Jan Martin Scharf übertrugen die Serien-Folgen auf hiesige Verhältnisse und verschärften einzelne Aspekte der Geschichte. Gerade junge Zuschauer schienen sich mit den Charakteren so stark zu identifizieren, dass sie der Serie über alle Folgen die Treue hielten. Die Folge: Vox gab eine zweite Staffel in Auftrag.

Die beiden Autoren der Vox-Produktion waren auch an der Horror-Serie Weinberg beteiligt, die der kleine Sender TNT Serie ab dem 6. Oktober in seinem Programm präsentierte. Das Arsenal der Schreckensbilder war in jeder Folge erstaunlich groß. So finster hat man das liebliche Tal der Ahr noch nie gesehen. Und die Besetzung stimmte bis in die Nebenfiguren, auch wenn man sich an Gudrun Landgrebe als Psychoanalytikerin nur schwer gewöhnte.

Der WDR strahlte im Sommer in seinem Dritten Programm im Rahmen einer sogenannten Programmoffensive die am Niederrhein angesiedelte Serie „Meuchelbeck“ aus, die zwischen einer Provinzfarce und einem Regionalkrimi hin- und herpendelte. Der Bayerische Rundfunk (BR) und der MDR wagten sich gemeinsam an die deutsch-deutsche Komödie „Sedwitz“, die in zwei benachbarten Dörfern in der Bundesrepublik und in der DDR im Jahr 1988 spielt. Vor allem Thorsten Merten als Oberleutnant Ralle Pietzsch verlieh den sechs Folgen, die ab dem 3. September kurz vor Mitternacht im Ersten Programm der ARD zu sehen waren, einen besonderen Witz.

Das Dritte Programm NDR Fernsehen setzte den weiterhin sehenswerten „Tatortreiniger“ fort und wagte sich von dessen Erfolg beflügelt an eine weitere Komödie: „Jennifer – Auf der Suche nach was Besseres“ (ab 23.12.). Mit bösem Witz werden Menschen in der Provinz gezeigt, die von einem großen Leben anderswo träumen, das sie allein aus dem Fernsehen kennen. Olli Dittrich ist hier als übel gelaunter Besitzer eines Friseursalons zu erleben, der seine Angestellten am laufenden Band triezt. Was den schwarzen Humor angeht, bleiben allerdings die österreichischen Produktionen unübertroffen wie etwa „Vorstadtweiber“ (ab 5.5. in der ARD) oder die beiden Produktionen von David Schalko (Buch/Regie): „Braunschlag“ (ab 18.10. bei 3sat) und „Altes Geld“ (im ORF ab dem 2.11., in Deutschland auf DVD).

Die ZDF-Redaktion „Das kleine Fernsehspiel“ legte von „Lerchenberg“ die zweite Staffel vor (siehe auch Kapitel „Unterhaltung“, S. 25), die wie die erste mit ihren Pointen über das eigene Haus sehr viel Spaß bereitete. Mit „Eichwald, MdB“ (ZDFneo, ab 16.4.) wurde der Berliner Politikbetrieb satirisch aufgespießt; vor allem die Karikatur der Anstrengungen, irgendwie über soziale Medien mit den jungen Wählern in Kontakt zu kommen, trafen ins Schwarze. Auf eine besondere Weise versponnen (bis in den wunderbaren Vorspann hinein) geriet der komische Vierteiler „Komm schon!“ (ZDFneo/ZDF, im November), der von einer Sexualtherapeutin (Marlene Morreis) handelt, die Probleme mit ihrem Freund hat und unter ihrer übergriffigen Mutter (Victoria Trauttmansdorff) leidet. Drei Serien dieser Qualität entwickelt und produziert zu haben, ist Ausweis der Qualität der Redaktion.

Die großen historischen Mehrteiler des Jahres 2015 enttäuschten. Im Dreiteiler „Tannbach – Schicksal eines Dorfes“ (ZDF, 4., 5. und 7.1.) schimmerte stets durch viele Figuren die Blaupause durch, die von den Drehbuchautoren aus den Geschichtsdarstellungen der Zeit unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs gewonnen worden waren. Auch im Zweiteiler „Die Himmelsleiter – Sehnsucht nach morgen“ (ARD/Degeto, 27.2. und 28.2.) erschienen viele Figuren stereotyp und die Handlung war zu vorhersehbar.

Bemerkenswert bei den Dauerserien: Nach über 4000 Folgen fand „Verbotene Liebe“ im Ersten am 26. Juni 2015 ein Ende, während die im September mit hohen Erwartungen gestartete „Daily Romantic Comedy“ mit dem Titel „Mila“ und Susan Sideropoulos in der Hauptrolle schon nach wenigen Wochen mangels Zuschauerinteresse von Sat 1 an den Nischensender Sixx weitergereicht wurde. Die Lindenstraße feierte am 6. Dezember ihr 30-jähriges Bestehen mit einer live gesendeten Folge, die zudem mit einem rätselhaften Todesfall aufwartete.

Auf Anfrage einer Bundestagsabgeordneten der Partei Die Linke musste ZDF-Intendant Thomas Bellut im Frühjahr die Anzahl der Krimis in seinem Programm auszählen lassen. Man kam für das Jahr 2014 auf 452 Filme dieses Genres, von denen 128 zur Primetime zu sehen waren. 2015 wird es nicht unwesentlich anders ausgesehen haben. Das bestätigt ein Blick beispielsweise auf den Montagabendtermin des ZDF („Fernsehfilm der Woche“ um 20.15 Uhr), der gerne mit Reihenproduktionen bestückt wird, von denen ein Film pro Jahr gesendet wird wie bei „Nachtschicht“, „Kommissar Marthaler“ oder – neu seit 2015 – „Dengler“. Überraschend, dass der Film „Zum Sterben zu früh“ (27.8.) von Lars Becker (Buch/Regie) die Vorgeschichte eines anderen Films beifügt, der 2014 im ZDF gezeigt worden war.

Im ARD-„Tatort“ wurde fleißig das Personal durchgewechselt: Margarita Broich und Wolfram Koch ermittelten erstmalig nun für den Hessischen Rundfunk (HR) in Frankfurt, während Meret Becker mit Mark Waschke in Berlin für den RBB tätig wurden. In beiden Fällen haben die Männer Dreck am Stecken, wozu die Hintergründe wohl erst in weiteren Folgen aufgeklärt werden. Festzuhalten ist, dass der Tatort der Publikumshit des deutschen Fernsehpublikums bleibt und die WDR-Folge „Schwanensee“ mit dem Münsteraner Duo Professor Boerne und Kommissar Thiel (Jan-Josef Liefers und Axel Prahl) im Jahr 2015 die meistgesehene Sendung des Jahres war (vgl. Tabelle auf Seite 2 dieser MK).

Während die für November eingeplanten „Tatort“-Folgen mit Til Schweiger nach den Terrorattacken in Paris auf den 1. und 3. Januar 2016 verschoben wurden, sorgte die vom HR verantwortete Wiesbadener „Tatort“-Folge „Wer bin ich?“ am 27. Dezember für Furore. Hier spielt Ulrich Tukur den Schauspieler Ulrich Tukur, der am Rande eines Sets von Dreharbeiten zu einer „Tatort“-Folge selbst eines Mordes beschuldigt wird, den aber nicht er, sondern die Figur, die er in diesem „Tatort“ spielt, begangen hat. Es war ein ironisches Spiel mit dem Genre, ein Spiel allerdings, das sich am Ende in seinen eigenen Drehungen verheddert hatte, bei dem aber wiederum so wunderbare Schauspieler wie Martin Wuttke (Ex-„Tatort“-Kommissar) mit Lust und Wonne vor sich hin chargierten, als wollten sie beweisen, dass sie auch noch ganz anders könnten.

Krimi des Jahres war die vom Bayerischen Rundfunk verantwortete Folge „Kreise“ (ARD, 28.6.) aus der Reihe „Polizeiruf 110“. Der von Christian Petzold geschriebene wie inszenierte Film spielt zwar ebenfalls mit dem Genre, also mit dessen Handlungsstereotypen und Formelsätzen, entfaltet aber gleichzeitig ein doppeltes Psychogramm des Täters, den Justus von Dohnányi als von sich selbst erschöpften Menschen spielt, wie des Ermittlerduos aus Matthias Brandt und der ihm für diese Folge zugeordneten Barbara Auer. Wie diese beiden über schnelle und pointierte Dialoge sich wechselseitig ausdeuten, wie sie mit ihren Erwartungen spielen und wie sie sie unterlaufen, war bei aller Melancholie, die ihnen eigen ist, äußerst komisch. Zugleich war der Film, der stets auf Modellbildungen abhob, auch ein Stück Selbstreflexion. Ein Täter, der seine Tat plant, geht ähnlich vor wie ein Filmregisseur und hinterlässt wie dieser Spuren seiner Planung.  # Dietrich Leder/MK

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Dieser Text ist Teil des großen TV-Jahresrückblicks 2015 von Dietrich Leder in Heft 1/2016 der „Medienkorrespondenz“. Die 36-seitige Ausgabe ist am 13. Januar erschienen. Das Heft kann zum Preis von 13,90 Euro (inkl. postalischer Zustellung) per E-Mail bestellt werden unter der Adresse: leserservice(at)medienkorrespondenz.de, Stichwort: „Jahresrückblick-Zusendung“ (bitte dabei unbedingt Ihre Postadresse angeben). Eine Bestellung ist auch telefonisch möglich unter folgender Nummer: 0228/26000185.

Der Titel des Jahresrückblick-Hefts lautet: „Das Jahr der Serien. Ein Rückblick auf das Fernsehjahr 2015 in 10 Analysen und 10 Bildern“. In den 10-Analyse-Kapiteln geht es um folgende Themen: 1) Politik, 2) Die öffentlich-rechtlichen Sender, 3) Die privaten Medienunternehmen, 4) Medien, Internet und Gesellschaft, 5) Serien, Mehrteiler, Reihen, 6) Fernsehfilm, 7) Unterhaltung, 8) Dokumentarfilm, 9) Sport, 10) Literatur, Musik, Kino.

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17.01.2016 – MK
Serien im deutschen Fernsehen 2015 Fotos: Screenshots