Yann Martel: Ein Hemd des 20. Jahrhunderts (HR 2 Kultur)

Wie über die Gräuel sprechen?

08.09.2017 • Es war der Sensationserfolg des Buchs „Schiffbruch mit Tiger“ (Originaltitel: „Life of Pi“), der den kanadischen Schriftsteller Yann Martel, geboren 1963 im spanischen Salamanca als Sohn eines Diplomaten, international einem breiten Publikum bekannt machte. Der im Jahr 2001 veröffentlichte Roman erhielt den „Man Booker Prize“, verkaufte sich ausgezeichnet und wurde von Hollywood verfilmt.

So war der Erwartungsdruck enorm groß, der auf Martel hinsichtlich seiner nächsten Veröffentlichung lastete. Versüßt wurde ihm dieser Druck angeblich mit dem bis dahin höchsten Vorschuss, der auf dem kanadischen Buchmarkt jemals gezahlt wurde: 3 Mio Dollar für die weltweiten Buchrechte. 2010 erschien dann der lang erwartete Roman „Ein Hemd des 20. Jahrhunderts“ (Originaltitel: „Beatrice and Virgil“). Bei HR 2 Kultur ist nun Mitte August eine rund 70 Minuten lange Hörspielversion dieses Romans urgesendet worden (Übersetzung aus dem Englischen: Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié); bearbeitet und inszeniert hat den Text der Regisseur Jan Buck.

Hauptfigur ist ein Autor namens Henry (gesprochen von Wolfram Koch), der sich in einer Schaffenskrise befindet. Während seine Geschichte im Roman in der dritten Person erzählt wird, hat sich Jan Buck dazu entschlossen, im Hörspiel eine Rahmenhandlung zu etablieren und Henry darin auch als Erzähler einzusetzen. Dieser berichtet in gemütlicher Atmosphäre einigen Freunden von seinen jüngsten abenteuerlichen Arbeitserlebnissen. Die leichte Konstellationsänderung in der Funkbearbeitung sorgt dafür, dass dem Hörer ein recht intimes Flair geboten wird und bis zu einem gewissen Grad sogar ein Eintauchen in diese rahmende Szenerie möglich ist. Diese Modifikation führt zu einem illusionistischen Distanzverlust und man kann dazu geschmacklich sicherlich unterschiedliche Haltungen einnehmen. Im Kontext der sich wandelnden Medienlandschaft mit ihrem zunehmend immersiven Charakter, wie ihn vor allem 3D-Kino und Virtual Reality zur Schau stellen, ist es aber wenig verwunderlich, dass sich auch das Hörspiel in die Richtung zu bewegen scheint, für ein forciertes Eintauchen in die Handlung zu sorgen.

Inhaltlich geht es bei dem Erzählten um die schwierige Arbeit eines unter Erfolgsdruck stehenden Schriftstellers, um den Holocaust und um die Frage, wie man darüber überhaupt sprechen bzw. schreiben kann. Zunächst schildert Henry die Versuche, ein sogenanntes Flipbook über den Holocaust zu verfassen, das in der einen Hälfte einen dokumentarischen Charakter aufweist und, wenn man das Buch auf den Kopf dreht, in der anderen Hälfte eine fiktive Geschichte erzählt. Das Vorhaben scheitert allerdings am Verleger, der wenig überzeugt von dieser Vorgehensweise ist. Den Plan, eine fiktive Geschichte über den Holocaust zu schreiben, gibt Henry aber nicht auf.

Vermeintliche Hilfe oder zumindest Inspiration für sein Projekt glaubt er in einer zufälligen Bekanntschaft mit einem alten Tierpräparator (Heinrich Giskes) zu finden, der ebenfalls mit Vornamen Henry heißt. Dieser Taxidermist meldet sich mit einem Brief, in dem er um Hilfe bei der Verfertigung eines Theaterstücks bittet und dem er eine Textprobe beigelegt hat. In dem Theaterstück, das den Titel „Ein Hemd des 20. Jahrhunderts“ trägt und als Text im Text auch dem Hörspielhörer fragmentarisch präsentiert wird, sind sprechende Tiere die Handlungsträger. Das „Hemd“ im Titel steht dort als Platzhalter für ein nicht ausgesprochenes Land.

Der Präparator hat in seinem Laden unter den ausgestopften Tieren unter anderem eine Eselin und einen Brüllaffen stehen. Diese beiden Tiere erweckt er in seinem Theaterstück zum Leben. Es geht darum, dass die Eselin namens Beatrice (Barbara Philipp) und der Brüllaffe namens Vergil (der gleichfalls von Heinrich Giskes gesprochen wird) sich der Verfolgung durch Menschen ausgesetzt sehen und wie viele andere Mitglieder des Tierreichs von der Auslöschung bedroht sind. Die Brutalität der menschlichen Peiniger erinnert – nicht ohne Grund – an Nazi-Methoden. Die beiden Tiere versuchen nun eine Möglichkeit zu finden, über die von ihnen erlittenen Gräuel zu reden.

Beim Schriftsteller Henry verpufft bald die anfängliche Begeisterung darüber, dass er und sein Vornamensvetter beim Schreiben ihrer Geschichten das gleiche Thema haben. Ihm dämmert, dass es sich beim Taxidermisten selbst um einen alten Nazi-Verbrecher handelt, der nun bloß aus einer anderen Perspektive und verschlüsselt seine grässlichen Taten gesteht. Der Tierpräparator reagiert auf das nunmehr abweisende Verhalten des Schriftstellers mit einem Mordversuch an ihm, der aber misslingt. Daraufhin verbrennt er sich selbst in seinem Laden.

So endet das Stück mit einer radikalen Auflösung, die aber insofern wirklich überzeugt, als Martel es schafft, einen kritischen Blick auf die Motive zu werfen, die hinter dem Wunsch stehen, eine Holo­caust-Fiktion zu schreiben. Das beinhaltet eventuell auch Selbstkritik, denn Henry ist in mehrfacher Hinsicht das Alter Ego Martels – versuchte doch auch Martel erfolglos, seinen Verleger für ein Holocaust-Flipbook zu begeistern. Was in diesem möglichen Plädoyer für eine konkrete Auseinandersetzung mit dem Holocaust fehlt, ist die klare Benennung von Tätern und Opfern: Im Hörspiel wird kein einziges Mal gesagt, dass NS-Deutschland den Holocaust plante und ausführte und dabei die Ermordung aller Juden zum Ziel hatte. Bei der exzessiven Bezugnahme auf den Holocaust im Stück wäre es gut gewesen, dies wenigstens einmal auszusprechen. So bleibt leider der Eindruck, dass „Ein Hemd des 20. Jahrhunderts“ den Holocaust sehr abstrakt, unpersönlich und ahistorisch als eine Art soziologisches Experiment abhandelt und nicht als Manifestation eines eliminatorischen Antisemitismus.

08.09.2017 – Rafik Will/MK