Wolfram Lotz: Die lächerliche Finsternis (SWR 2)

Agenten des Untergangs

Das ist schon eine Kuriosität und Eigentümlichkeit, die auf dem deutschsprachigen Theater- und Hörspielmarkt nicht so oft vorkommt: Der Shooting-Star und von „Theater heute“ als „Nachwuchsautor des Jahres 2011“ gefeierte Wolfram Lotz vollendet im Jahr April 2013 sein Hörspiel „Die lächerliche Finsternis“ nach Joseph Conrads Erzählung „Herz der Finsternis“ (1899); das Hörspielmanuskript liegt zur Prüfung auch dem Südwestrundfunk (SWR) vor, doch es kommt zunächst nicht zu einer Hörspielumsetzung der Vorlage. Der Autor bemerkt in einem Vorwort zum Manuskript, das vom Verlag S. Fischer rechtlich vertreten wird: „Da es sich um ein Hörspielskript handelt und nicht um einen originären Theatertext, bedarf es bei einer etwaigen Umsetzung auf einer Bühne einer umfassenden Transformation. Veränderungen in der Dramaturgie, Streichungen, das Einfügen von Fremdtexten o. Ä. in größerem Maße ist daher nicht nur erlaubt, sondern ratsam. In Ankündigungen, Programmen und Ähnlichem ist nicht die Bezeichnung Stück von, sondern Nach einem Hörspieltext von zu verwenden, und zwar, weil es so ist. Viel Spaß. W. Lotz.“

Während der Hörspieltext auf etlichen Redaktionstischen der Sender zunächst geschlummert haben dürfte, kommt es am 6. September 2014 im Wiener Akademietheater unter der Regie von Dušan David Pařίzek zu einer vielbeachteten Uraufführung, und längst ist die Wiener Produktion zum Theatertreffen im Mai dieses Jahres in Berlin eingeladen. Die aberwitzige Suche und Irrfahrt zweier Bundeswehrsoldaten im fiktiven afghanischen Urwald nach einem abtrünnigen dritten Soldaten, der zwei Kameraden umgebracht haben soll, das deutsche Kriegsgericht gegen einen somalischen Piraten, dessen Existenz durch den Materialismus einer „globalisierten Welt“ völlig zerstört wurde, das alles wird in diesem Theater-Hörspiel in ironischen, tragischen und skurrilen Brechungen verhandelt.

Die postkoloniale Weltordnung (bei Joseph Conrad im dunklen Kongo exekutiert, in der Kinoverfilmung „Apocalypse Now“ dann 1979 auch das Vietnam-Debakel ausleuchtend) ist neuerlich gänzlich aus den Fugen. Freund und Feind, Gut und Böse sind nicht mehr unterscheidbar in dieser dämonischen Unterwelt am imaginären Hindukusch, in der allenfalls die darwinistische Selbstbehauptung gefeiert wird, begleitet von einem Urwald-Knabenchor, der im Auftrag eines perversen Geistlichen zu singen beginnt: „Finsternis, verlass das Herz / Und geh aus in die Wälder. / Herr, zünd’ uns ein Lichtlein an/ Damit die Welt uns sehen kann. / Halleluja, halleluja.“

Hartmut Krug sprach im Deutschlandfunk (7.9.2014) anlässlich der Uraufführung des Stücks in Wien von einem „witzig-klugen Vortrags- und Vorspiel-Theater“, die „Süddeutsche Zeitung“ (10.9.2014) schrieb: „Wolfram Lotz bedient das Theater nicht, er fordert es heraus. Nicht, weil er dem Medium misstraut, im Gegenteil: Er traut dem Theater alles zu.“

Es ist wohl der SWR-Dramaturgin Andrea Oetzmann zu danken, dass das Hörspiel nun doch noch – wenn auch spät – den Weg ins von vornherein angedachte Radio gefunden hat. Leonhard Koppelmann wurde dabei mit der Regie betraut, ein Unternehmen, das insofern erhebliche Anstrengungen gefordert haben dürfte, als das „Hörspiel“ bei der Umsetzung gerade fürs Radio erhebliche Untiefen und Schlaglöcher aufweist, die nicht ohne Weiteres umschifft werden konnten und für vermeidbare Verwirrung sorgten. Da gab es Doppelbesetzungen von Protagonisten und Figuren, von Menschen und Tieren zumal, die an den Lautsprechern kaum zu identifizieren waren. Der gestisch-mimisch angelegte Text, seine bizarre Wildheit, gespeist aus Inferno, Urwald, Seefahrt, Mord und schamloser Ausbeutung postmenschlicher Kreaturen, schreit gewissermaßen nach der mimischen Umsetzung, nach den körperlichen Sprüngen zwischen Opfern und Tätern, den Agenten des Untergangs, die immer beides zugleich sein müssen: Schänder und Geschändete.

Dieses Wechselspiel vermag das 95-minütige Hörspiel nicht immer überzeugend zu vermitteln, weil die Sprecher (darunter Julian Greis, Christoph Luser, Alexander Scheer, Cornelius Obonya und Tim Seyfi) solitäre Sprechstimmen bleiben, so dass der angelegte kollektive Wahnsinn nur schwer über oder in die Lautsprecher springen kann. Hier dürfte das Theater dem Radio überlegen geblieben sein. Allerdings, und das sei rühmend hervorgehoben, figurierten die klugen kompositorischen Einschübe von Georg Zeitblom etwas von jener Dichte und bedrohlichen Unmittelbarkeit, die das einsam gesprochene Wort wegen mimetischer Unterkühlung und autistischer Zentrierung vor dem Mikro vermissen ließ.

06.03.2015 – Christian Hörburger/MK