Wolfgang Müller: Intervallum – Eine Hommage an die Pause (Bayern 2)

Zwischenräume ohne Stille

Mit einem Vorurteil räumt Wolfgang Müller in seinem Hörspiel „Intervallum“ gleich zu Beginn auf, nämlich damit, dass eine Pause etwas mit Ruhe, Stille oder Leere zu tun habe. Die große Pause beispielsweise gehört zu den lautesten Ereignissen im Schulalltag. Und was eine Pause überhaupt ist, ist eine Frage, die nicht leicht zu beantworten ist. Die empirisch zu beobachtenden Pausen wie Atempausen Sendepausen, Pinkelpausen oder Viertelpausen taugen nur zur ersten Annäherung an das allgemeine Phänomen. Ihnen allen gemeinsam ist, dass selbst eine sich endlos anfühlende Pause einen Anfang braucht – oder etwa nicht? Was Müller nicht verrät, ist, dass die wörtliche Übersetzung von „Intervallum“ „Zwischenraum“ ist, also ein Differenzphänomen bezeichnet, das von seiner Systemumwelt abhängig ist.

Die Stimme der Schauspielerin Claudia Urbschat-Mingues, die schon durch Wolfgang Müllers mit dem Karl-Sczuka-Preis ausgezeichnetes Hörstück „Séance Vocibus Avium“ geführt hat (vgl. FK-Heft Nr. 32/08), füllt, überbrückt und formt in „Intervallum“ die freie Zeit zwischen zwei Ereignissen. Sie agiert sozusagen als Pausenfüller. Dabei werden ihre natürlichen Sprechpausen bisweilen durch technisch erzeugte akustische Leerstellen unterbrochen. Sie sei sich darüber im Klaren, sagt Claudia Urbschat-Mingues, dass „eine Hommage an die Pause nur ein grotesker Kompromiss zwischen Aufmerksamkeit und Unaufmerksamkeit sein kann“.

Das Phänomen der technischen Pause beobachtet Wolfgang Müller am Beispiel der Grotesk-Tänzerin Valeska Gert (1892 bis 1978), die schon in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts filmische Phänomene wie die Zeitlupe, den Zeitraffer oder das Flackern des Filmlichts in tänzerische Bewegungen überführt hat. Valeska Gert hat auch die „Pause“ getanzt – was auf einem Foto überliefert ist, auf dem ihr Körper „der Notation einer Viertelpause“ ähnelt. Der Bayerische Rundfunk (BR) hat dieses Bild auf das Cover seiner halbjährlichen Hörspielbroschüre gedruckt. Der Pausen-Tanz Valeska Gerts ist nur auf diesem statischen Foto überliefert. In Wolfgang Müllers Hörspiel heißt es: „Die Fotografie birgt das Geheimnis vom Anfang und Ende der Pause.“ Und weiter: „Die Pause wird auf einer Fotografie zur unendlichen Pause mit unbestimmtem Anfang und unbestimmten Ende, einer end- und anfangslosen Pause.“

Das steht natürlich im Widerspruch zur eingangs geäußerten Vermutung, dass eine „anfangslose Pause“ nur schwer vorstellbar sei. Den Begriff „Beginnlosigkeit“ vermeidet Müller, denn den hat schon Botho Strauß 1992 für seine „Reflexionen über Fleck und Linie“ verwendet, in denen es unter anderem um die kosmologische Theorie eines stabilen Universums geht (nach der sogenannten „Steady-State-Theorie“ des Astronomen Fred Hoyle). Dass, wie von Müller angedeutet, Stillstellung und Permanenz Eigenschaften der Pause sind, will aber nicht so recht zu dem Begriff der Pause passen, die der Hörspielautor an anderer Stelle auch als „Unterbrechung des Eigentlichen, des Hauptsächlichen“ definiert hat.

Wolfgang Müller hat sein 55-minütiges Hörspiel in insgesamt sechs Abschnitte unterteilt, die als „Intervallum I-VI“ betitelt sind. Darin gibt es natürlich auch entspannende Denkpausen, wie ein Interview mit dem Medienkünstler Ernst Mitzka, der von seinen Begegnungen mit Valeska Gert berichtet („Intervallum II“). Die poetische Logopädin Charlotte Simon demonstriert Nasenatmung und Sprechpausen („Intervallum IV“). Und eine Toilettenpause mit Frieder Butzmann gibt es auch noch. Der besingt das „unglaublich selbstreferenzielle Geräusch“ der Spülung der WCs in den ICEs der Deutschen Bahn („Intervallum V“).

Das letzte Intervall des Hörspiels ist der Rezitation von Pausen gewidmet, die im Roman „A“ des Popart-Künstlers Andy Warhol verschriftlicht worden sind. Der Titel „A“ steht für „Amphetamin“. Bei dem Roman aus dem Jahr 1969 handelt es sich um die Abschrift eines angeblich 24-stündigen Dauergesprächs mit dem Schauspieler Robert Olivo auf Speed. Dessen Redestrom fließt unablässig: „Das Geplapper wird zum lang andauernden Rauschen wie eine defekte WC-Spülung“, heißt es im Hörspiel.

Begrifflich bleibt die Pause in Wolfgang Müllers Hörspiel merkwürdig unscharf. Sie ist ein flüchtiges Paradox zwischen den Gegensätzen, die es umgrenzen. „Intervallum“ ist ein ähnliches Zwischending, wie das letzte Stück der ersten LP der von Wolfgang Müller 1980 gegründeten Kunst- und Musikgruppe „Die Tödliche Doris“. Das Stück hieß „In der Pause“ und versprach somit eine Fortsetzung. Mal hören, wie Wolfgang Müllers nächstes Hörspiel klingen wird.

13.11.2016 – Jochen Meißner/MK

Print-Ausgabe 14/2017

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