Wittmann/Zeitblom: Gadji Beri # 2016. DADA-Radio-Oper (Deutschlandfunk)

„Da, da – ja, ja!“

Begeistert entringt sich dem Pressetext des Deutsch-landfunks zur Ursendung von „Gadji Beri # 2016“ ein Schrei: „Hundert Jahre nach DADA: DADA!“ Böllerartig wird da etwas „in den Äther“ geschossen, was sich anscheinend schon dem reinen Wortklang nach die Herzen der Fans erobert hat. „Dada“ – das klingt so nett nach Kindersprache, alliteriert gewitzt mit dem schweizerischen Wort „gaga“ (verrückt), das sich sogar eine italienischstämmige amerikanische Popmusik-Ikone angeheftet hat – Lady Gaga.

Eindringlich also ist es, das Wort „Dada“ – aber was ist es? Dass und wie darum gestritten wird und sich die Geister dabei scheiden, wurde im Anschluss an das 52-minütige von Wittmann und Zeitblom erstellte Hörstück (eine Gemeinschaftsproduktion von Deutschlandfunk, NDR, SWR und WDR) in einem Gespräch zwischen dem Autor Michael Langer und dem Kulturwissenschaftler Peter Gendolla eruiert. Doch auch diese beiden bestens informierten Gesprächspartner kommen dem Wort, seinem Ursprung und seiner Bedeutung nicht wirklich auf die Spur. Was eigentlich kein Wunder ist. Erfunden wurde es ja doch von einem Autor, der gleichzeitig auch Kabarettist war und sich voller Wut auf die von ihm und Gleichgesinnten wahrgenommene Sinnentleertheit mit der sprachlichen Maske der Groteske zu erwehren versuchte. Das geschah zum ersten Mal am 5. Februar 1916 in Zürich. In der Spiegelgasse 1 in Alt-Zürich eröffnete der Münchner Dramaturg Hugo Ball zusammen mit seiner Freundin und späteren Ehefrau Emmy Hennings das „Cabaret Voltaire“, das den zahlreichen vor dem Weltkrieg geflüchteten Emigranten die Möglichkeit geben sollte, ihre Ansichten zu „proklamieren“ (Ball).

Zu diesen Manifesten zählt auch: „Dada ist die Kriegsanleihe des ewigen Lebens.“ Was auf den ersten Blick sehr eingängig ist, zerfasert indes bei genauerem Nachdenken. Aber – so werden Dada-Fans sagen – das ist es ja gerade. Es soll ja gerade keinen Sinn machen. Keinen „Ismus“ dürfe es mehr geben, keine Festlegungen, nur „die Alchimie der Worte“, hatte Hugo Ball gefordert. Und plötzlich war für diese Synthese das Wort „Dada“ gefunden, eingängig für die meisten. Angeblich auch für einen Nachbarn aus der Spiegelgasse 14. Wladimir Iljitsch Lenin, der ebenfalls in Zürich Schutz gesucht hatte, soll bei einer Vorstellung im „Cabaret Voltaire“ in seiner Muttersprache gerufen haben: „Da, da“! – Also: Ja, ja! Auch wenn das wohl eher gut erfunden als wahr ist, so lassen sich doch viele neuere Exegeten des Phänomens „Dada“ auf solche eher spielerischen Konnotationen ein. Wittmann und Zeitblom hingegen setzen als Produzenten der „Radio-Oper“ nicht auf Kabarett, sondern auf die künstlerische Strömung Dada, spannen Bögen von Hugo Balls Lautgedichten („Gadji Beri“) zu digitaler Kombinatorik, von Rimbaud und Jarry zur Hauntology (Jacques Derrida) vor allem in der Musik. Jonathan Meese wird bemüht, ebenso elektronische Klänge und sogenannter minimalistischer Krautrock. Das alles wird „in den Mixer gesteckt“, sagen Wittmann/Zeitblom: „Und was kommt heraus? Dada-Salat.“

Aber nicht nur, möchte man den beiden Machern zurufen. Denn dazu sind sie doch zu erfahren und zu sehr Künstler, um dem „Salat“ nicht Struktur und Geschmack zu geben. So wichtig wie den Schöpfern des Dada im Kriegsjahr 1916 ist ihnen aber auch die heutige politische Temperatur, die sie in der „Diktatur des Kapitals“ wahrzunehmen glauben. Und diese laufe auf „Demokratie als Diktatur“ hinaus. „Ein paradoxer Zustand. Wo ist da noch der Sinn?“, fragen sie. Die Antwort für sie lautet: „So gesehen ist alles, was uns umgibt, gegen den Sinn. Also Dada“. Seltsam immerhin, dass die Produktion im Titel mit dem Modezeichen „#“ (Hashtag) versehen wird, das ja doch dem Zweck der Auffindung im digitalen System dient und somit keineswegs sinnfrei ist. Aber der Blätterwald rauscht derzeit vor geistreichem Gedenken an den Esprit des Sinnlosen. Da ist es nicht ganz einfach, sich akustisch zu positionieren. Eine schicke Betitelung („#“, „Oper“) kann da durchaus hilfreich sein beim Versuch, quasi eine Alleinstellung zu etablieren.

Die Produktion selbst weist neben engagierten Sprechern (vor allem Dirk von Lowtzow und Jule Böwe) auch kreative Klangkunst auf (Achim Färber, Jochen Arbeit, Zeitblom). Die Dimension einer „Radio-Oper“, wie es im Untertitel heißt, hat die Produktion zwar nicht, doch sie ist temporeich und rappig. Einspielungen wie etwa „Gadji Beri Bimba“ von den Talking Heads ziselieren das Klangbild. Dada-­Fans werden auf ihre Kosten kommen. Anderen wird;diese Kreation zum Hunderter-Jubiläum von Dada fremd bleiben, so wie es schon damals in Zürich war.

19.02.2016 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK