WDR-Produktion zum Thema RAF: Das Stück „Patentöchter“ ist Hörspiel des Monats Oktober

02.11.2017 • Das Stück „Patentöchter“ von Julia Albrecht und Corinna Ponto ist von der Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste zum Hörspiel des Monats Oktober gewählt worden. In dem rund 50-minütigen Stück „Patentöchter“ geht es um die Aufarbeitung eines Teils des sogenannten Deutschen Herbstes mit dem Terror der „Rote Armee Fraktion“ (RAF). Bei dem Hörspiel handelt sich um eine Produktion des WDR (Redaktion: Isabel Platthaus), Regie führte Annette Kurth. Das Stück beruht auf dem vom Julia Albrecht und Corinna Ponto verfassten, im März 2011 im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienenen Buch „Patentöchter. Im Schatten der RAF – ein Dialog“. Die Erstausstrahlung des Hörspiels (Funkbearbeitung: Mirko Böttcher) erfolgte am 8. Oktober um 17.05 Uhr im Programm WDR 5. Am Tag darauf lief das Stück auch bei WDR 3 im Rahmen der dort vom 9  bis 12. Oktober gesendeten Hörspielreihe „Ausnahmezustand – 40 Jahre Deutscher Herbst“. Zur Begründung ihrer Entscheidung, „Patentöchter“ zum Hörspiel des Monats zu wählen, schreibt die Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste:

«Unter dem Vorwand eines Besuchs zum Tee betrat Susanne Albrecht 1977 mit RAF-Genossen die Villa ihres Patenonkels Jürgen Ponto, den ihre Begleiter Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt kurz darauf erschossen. Ein dreister Verrat ermöglichte diesen Anschlag auf den Vorstandssprecher der Dresdner Bank. Erst 30 Jahre danach wagen Julia Albrecht und Corinna Ponto wieder den Kontakt zwischen den einst befreundeten Familien, die in die disparaten Rollen von Täter- und Opferseite gerieten. Die eine ist die kleine Schwester der Terroristin, die andere die Tochter des Ermordeten. Aus beider jahrelang getrenntem Nachdenken über den Fall, der jede von ihnen drastisch, aber anders in Mitleidenschaft zog, entsteht eine kluge Auseinandersetzung ohne falschen Ton, wie nun zu hören ist. Dieser ungewöhnliche Dialog, den Corinna Kirchhoff und Inka Friedrich sprechen, findet im akustischen Medium seine größtmögliche Klarheit und Prägnanz.

In Engführungen und spannungsreichen Parallelmontagen gewinnen im Hörstück zwei Perspektiven und zwei Personen Konturen. Sie durchleuchten Beweg- und Hintergründe, Tragik und Tragweite des Terroranschlags, und dies umso intensiver, je mehr die Schuldigen der RAF schweigen. Susanne, die nach Verrat und jahrelangem Untertauchen in der DDR überhaupt familiäre Erinnerungen löschte, Erklärungen dazu verweigert und sich unter neuem Namen in eine andere Identität einkapselt, provoziert als Leerstelle. Im Gegenzug führen hier Julia Albrechts und Corinna Pontos Erkenntnisprozesse weit über den Gerichtsprozess hinaus. Corinna Ponto, die die Vernichtung und den Verschluss wichtiger Akten detailliert anprangert, vermutet punktuelle Verdunkelung seitens des BND und recherchiert in der Birthler-Behörde zum Anteil der Stasi am Fall Ponto. Wann gibt es „Aufarbeitung“ statt „Mythenbildung“? Noch enden die Recherchen des Autorinnenduos mit Fragezeichen.»

02.11.2017 – MK