Volker Braun: Die Putzfrauen (MDR Figaro)

Ein Rückgrat aus Hexametern

Neben einer Nachrichtencollage zur Schuldenkrise Griechenlands aus der ersten Hälfte des Jahres 2015 stellt Regisseur Stefan Kanis dem neuen Hörspiel „Die Putzfrauen“ von Volker Braun dessen Gedicht „Gemischter Chor“ aus dem Jahr 1987 voran:

 „Das Unverfängliche
  Gibt uns kein Gleichnis;
  Das Unzulängliche
  Hier wird’s Erreichnis.
  Das fein Geplante
  Ist doch zum Schrein.
  Das Ungeahnte
  Tritt eisern ein.“

Diese spöttisch-dialektale Paraphrase auf den Schluss von „Faust II“ setzt einerseits den hohen Ton, der das Hörspiel bestimmen wird, und verweist andererseits in der Überblendung von Ereignis und Erreichnis auf die Brechung eben dieses hohen Tons.

Volker Braun, der Autor des Theaterstücks „Die Übergangsgesellschaft“, das den Stillstand und die Perspektivlosigkeit des DDR-Sozialismus thematisierte und sich und in der Wendezeit auf deutschen Bühnen großer Beliebtheit erfreute, sieht sich ein Vierteljahrhundert später angesichts der Griechenlandkrise damit konfrontiert, dass er noch nie derart „mit der Geschichte um die Wette geschrieben“ habe, so Braun in dem von ihm selbst gesprochenen „Nachsatz“ zu dem 46 Minuten langen Hörspiel.

Dass die bedingungslose Kapitulation Griechenlands vor der sogenannten Troika (aus EZB, IWF und Europäischer Kommission), die sogar die legislative Kompetenz des griechischen Parlaments empfindlich beschnitten hat, möglicherweise das Ende der Idee eines demokratischen Europas eingeläutet hat, ist durch die Flüchtlingskrise fast in Vergessenheit geraten. Volker Braun setzt aber mit seinem in Hexametern verfassten Text noch eine Stufe höher an: „Zwei Mythen kämpfen seit alters miteinander. Sie sind so mächtig, dass wir Menschen sie glauben. Das Recht der Völker, ihre mitgeborene Freiheit, die Macht des Markts, unsterblich wie seine Gesetze.“

Zwischen dem menschlichen Recht und den göttlichen Markgesetzen sitzen die 400 griechischen Putzfrauen auf ihren „marmornen Hintern“ auf den Stufen des Finanzministeriums in Athen und recken ihre rot behandschuhten Hände empor. Aufgrund der Auflagen der Troika entlassen, haben sie ihre Wiedereinstellung erstritten. Sie sind der Chor in dem „plebejischen Satyrspiel“, als das Braun sein Stück verstanden wissen will.

Hedi Kriegeskotte und Marina Frenk geben den Putzfrauen ihre Stimmen, Thomas Thieme spricht den Chronisten und die Rolle von Bernhard Schütz changiert zwischen einem besorgtem Bürger, der seinen Euros ins Trockene bringen will, und einer Art fauchendem Minotaurus im Rollstuhl – Wolfgang Schäuble, der deutsche Finanzminister, als opferverschlingender „Eurotaurus“. Zuzuordnen sind diese Stimmen beim ersten Anhören nicht – zumal die Putzfrauen im Verlauf des Stücks auch mal als Nereiden, Grazien oder Bakchen vorkommen.

Die Methode, auf antikisierender Folie die Gegenwart zu beschreiben, war in der DDR das Mittel der Wahl, um das eigene kleine Land in einem heroischen Kontext kritisierbar zu machen. In den gegenwärtigen europäischen Übergangsgesellschaften wirkt die mythische Dimension jedoch nur noch wie eine Kulisse. Eine Erinnerung, die im Vergessen verschwinden wird. Zusammengehalten wird die gegenwärtige Europäische Union nicht von einer Tradition oder einer Idee, sondern von ihrem formalen Gerüst – ähnlich wie Volker Brauns Stück von den durchlaufenden Hexametern, die das Rückgrat des Hörspiels bilden, zusammengehalten wird.

Stefan Kanis, der schon 2009 Brauns Hörspiel „Das Mittagsmahl“ inszeniert hatte, bereitet diesmal Volker Brauns Textkörper nach dem gleichen Erfolgsrezept zu, nach dem er auch schon Sibylle Bergs Stück „Und jetzt: Die Welt!“ (vgl. MK-Kritik) auf den Tisch gebracht hat. Doch nicht jedes Gericht lässt sich mit der gleichen Soße verfeinern. Und wenn Marina Frenk diesmal statt Rio Reiser Demis Roussos („Schönes Mädchen aus Arcadia“) und Nana Mouskouri („Weiße Rosen aus Athen“) nachsingt, dann bezieht das seine inhaltliche Legitimation aus ein paar klischeehaften Textschnipseln und einer eher faden Ironie.

Nur das auch schon wieder zehn Jahre alte „Lied vom Ende des Kapitalismus“ von PeterLicht überzeugt, weil es in Erinnerungen an die Zeit schwelgt, „als wir unsere Dinge übers Geld regelten“ und als wir „mit dem Sonnenwagen über das Firmament fuhren“. Eine Zeit, die noch lange nicht vorbei ist, denn auf den Finanzmärkten explodiert die Geldmenge, während in Griechenland „der Luxus der Löhne sowie der Renten“ gekürzt wird. Der Sieg der griechischen Putzfrauen ist da nur ein kleines „Erreichnis“ am Rande und  Volker Brauns Stück ein kulinarisches Aperçu dazu.

15.04.2016 – Jochen Meißner/MK