Ulrich Land: Norwegian Wood (WDR 3/WDR 5)

Light Listening

20.11.2017 • Der 1956 in Köln geborene und seit einigen Jahren in Freiburg lebende Autor Ulrich Land gehört zu den verlässlichen Lieferanten für Radiokrimis, die seit den 1990er Jahren überwiegend vom Westdeutschen Rundfunk (WDR) produziert werden. Nahezu jedes Jahr ein Land-Krimi, in manchen Jahren auch zwei, fanden in den WDR-Programmen eine Hörerschaft, die nicht so sehr Graus und Crime hören will, auch keine Herz-Schmerz-Nerz-Stückchen, sondern ansprechende Unterhaltung mit Themen, die sozusagen für Familie Jedermann nachvollziehbar sind.

In seinem jüngsten Hörspiel „Norwegian Wood“, ausgestrahlt bei WDR 3 und WDR 5, widmet sich Ulrich Land einem Problem, das vor allem Ältere, vorwiegend wohlhabende Bürger beschäftigt. Es geht um die Übergabe einer Firma in jüngere Hände. Was in dem Stück dargestellt wird, ist ein ‘Klassiker’: Die Großelterngeneration baut auf, die Elterngeneration wurstelt weiter, zerstreitet sich mit dem Vater wegen des Firmenkonzepts und der Enkel wiederum hat nun ganz andere Vorstellungen, eher akademische. Das Unternehmen verschuldet sich dabei mehr und mehr. Der Abgrund scheint nahe. So verhält es sich auch bei der Firma des 70-jährigen Claus Listerkamp, die im Zentrum des Hörspiels steht.

Die Handlung verläuft jedoch nur zu Beginn nach dem „Buddenbrooks“-Schema, denn der Großvater, als Stuhldesigner und Holzspezialist ein profilierter Firmengründer, liegt im Dauerstreit mit seinem Sohn, der das Unternehmen mittels Design von Zahnarztstühlen optimieren und vergrößern will. Listerkamp Senior kann und will nicht glauben, dass dieses Konzept Zukunft hat. Mit großväterlicher Zuneigung und allerlei Tricks überträgt er dann seinem Enkel – der hierfür sein Master-Studium zurückstellt – die Salvierung der Firma. Dass das gelingt, gelingen muss, daran zweifelt schon bei Beginn des Stücks wohl kaum ein Hörer.

Spannend ist also vor allem, zu verfolgen, auf welche Weise das gelingt. So kommen Konten bei ausländischen Banken (vorwiegend in der Schweiz) mit ins Spiel, eine verführerische Norwegerin, die auch eine maßgebliche Stellung in der Firma Listerkamp hat – vermutlich auch zu einem der drei Herren Listerkamp – und schließlich die titelgebende in Norwegen gelegene Holzhütte („Norwegian Wood“). Letztere ist, wie der Großvater meint, bestens geeignet, um Papiere und Aktien zu verstecken. Wobei man sich fragt: Warum Papiere? Es handelt sich um Aktien von Apple, die heutzutage ja eher online gehandelt werden. Nun ja – diese Ungereimtheit stört nicht weiter, Fiktion darf ja so manches, was die Realität sich niemals erlauben würde. Die Papiere werden also als Päckchen in die Hütte transportiert, wo sie der Enkel zwischen Büchern versteckt.

Unterhaltsam ist das 55-minütige Hörspiel auf jeden Fall. Dazu tragen vor allem die profilierten Schauspieler bei. Besonders Reiner Schöne als Großvater Listerkamp wie auch Enno Hesse als Enkel Felix und – in Personalunion – Erzähler. Autor Ulrich Land spricht den Kommissar, der den Listerkamps bei ihren Machenschaften auf die Spur kommt. Und Lisa Werlinder stellt die zwielichtige Buchhalterin Miriam mit skandinavischer Färbung dar. Inmitten der ansonsten gepflegtes Studiodeutsch sprechenden Besetzung setzt dies natürlich einen gewollten Akzent – hätte aber etwas weniger aufdringlich eingesetzt werden können.

Nicht wenige Firmeninhaber suchen hierzulande händeringend nach geeigneten Nachfolgern und scheitern nicht selten dabei. Viele konsultieren auch den umfangreichen jährlich erscheinenden „Deutschen Spendenspiegel“ (zirka 200 DIN-A4-Seiten), um keine Möglichkeit außer Acht zu lassen. Ein Luxusproblem aus der Sicht derjenigen, die sich mit sehr wenig Geld herumschlagen müssen, womöglich sogar unter dem Existenzminimum bleiben. Dennoch hat diese Hörspielproduktion ihren Platz in einem Programm wie WDR 5, das auch den Mainstream bedienen will oder meint, ihn bedienen zu müssen. Die Regie von Angeli Backhausen trägt dieser Überlegung Rechnung und verstärkt sie durch nette, jazzig angehauchte Klavieruntermalung, die ansonsten keinen wirklichen Bezug zum Stück erkennen lässt.

Was englische Bücherfreunde „Light Reading“ nennen, kommt hier akustisch zum Tragen: „Light Listening“. Hörer, die das mögen, gibt es bei WDR 5 vielleicht mehr, als man denkt. Bei der Kulturwelle WDR 3 sind sie wohl eher nicht zu finden – aber Ausstrahlung eines Stücks in zwei WDR-Programmen ist letztlich eine Frage des Budgets und der Senderpolitik, der man sich beugt.

21.10.2017 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK