Thomas Jonigk: Liebesgeschichte. Hörspiel nach Motiven des gleichnamigen Romans (SWR 2)

Versuchsanordnung des Bösen

21.10.2017 • Ein Hörspiel in der Tat für ganz späte Radiostunden: „Dieses Hörspiel ist nichts für Menschen unter achtzehn, nichts für Menschen über achtzehn mit schwachen Nerven“, so lautet der ausdrückliche Warnhinweis des Südwestrundfunks (SWR) zu seiner 54-minütigen Produktion „Liebesgeschichte“. Denn es geht in diesem Stück von Thomas Jonigk um Scheußlichkeiten und Perversitäten, begangen an einem jungen Frauenkörper, der auf der Behandlungspritsche eines gewiss abnormen Allgemeinmediziners landet, Dr. Alexander Wertheimer ist sei Name. Maria Melnyik heißt die Frau, die bewusstlos in die Praxis dieses Arztes gebracht wird, der die Frau dann dort begutachtet, voyeuristisch seziert und wohl auch missbraucht. Das wehrlose und schamlos traktierte Opfer ist mit Hämatomen übersät und hat zu allem Leid auch noch einen blutigen Abgang zu beklagen.

Vielleicht war die Frau eine junge Prostituierte, erpresst und gegängelt durch einen Zuhälter, Genaueres ist nicht zu erfahren. Der monologisierende, triebgesteuerte und seinen sexuellen Obsessionen sich hingebende Doktor halluziniert freilich mantragleich seine imaginierte Unschuld: „Ich bin kein Täter. Dies ist eine Liebesgeschichte.“ Abnehmen mag dies der Hörer der gestörten und ver-rückten Individualität freilich nicht. Die Ohren haben zur Kenntnis zu nehmen, dass ein narzisstisches Monster durch den Äther spricht (Wolfgang Pregler), ein Enkel des Dr. Frankenstein mit seinen Urgründen und Projektionen des Bösen.

Thomas Jonigk, der Dramaturg, Regisseur und Dramenschreiber, gilt längst als Meister der Darstellung von Gewalt und Abhängigkeiten im Kontext von Familien- und Liebesbeziehungen. Sein verstörender Roman „Liebesbeziehungen“, der die Grundlage des gleichnamigen Hörspiels bildet, erschien 2016 im Literaturverlag Droschl (Graz). Der monströse Charakter des Doktors, der auf 220 Seiten zelebriert wurde (ebenfalls keine Bettlektüre!), lässt den Leser frieren und vergeblich auf ein versöhnliches Finale hoffen.

SWR-Chefdramaturg Manfred Hess verweist in einer Pressemitteilung des Senders nicht ohne Stolz auf die Tatsache, dass der Südwestrundfunk mit der Ersuchen an den Autor um eine Hörspielbearbeitung seines Romans „an die alte, mittlerweile nur noch selten gepflegte Tradition im Hörspiel“ anknüpfe, „Autoren und Autorinnen zu bitten, ihre Theater- und Prosa­texte auf das akustische Medium hin zu adaptieren. Über den kreativen Vorgang des Umschreibens und Übertragens entsteht ein Originalhörspiel, eine zweite Fassung, die den ästhetischen Gesetzen des Akustischen folgt“, wodurch „notwendigerweise die Geschichte inhaltlich anders akzentuiert“ werde.

Und so ist die akustische Bündelung von Jonigks Roman zum eigenständigen Hörspiel, das akustische Konzentrat der Perversionen, dem gedruckten Roman möglicherweise tatsächlich überlegen. Das strenge und schnörkellose Regiekonzept von Björn SC Deigner war dabei hilfreich, weil es eine Versuchsanordnung des Bösen und der maskulinen Gewalt plastisch und zugleich ganz unaufgeregt zum Klingen brachte. Dankenswerterweise fügten sich die Stimmen von Wolfgang Pregler, Lilith Stangenberg, Robert Gallinowski und Sandra Gerling immer bedrohlich-harmonisch in diesen Abgrund einer menschlichen Existenz.

Am Radio auffällig nur die hier völlig überdreht agierende Frauenstimme von Astrid Meyerfeldt. Sie durfte oder musste als Spiegel einer hysterischen Nachbarin so ganz ‘aus der Rolle’ fallen. Wer allerdings nach diesem Hörspiel zur nächtlichen Stunde ganz unbeobachtet zu einem den Schlaf fördernden Getränk gegriffen haben mag, der kann nichts falsch gemacht haben – und das verbunden mit dem verständlichen Wunsch, diesem angeblich liebenden Monster namens Dr. Alexander Wertheimer („Dies ist eine Liebesgeschichte“) nie begegnen zu müssen.

21.10.2017 – Christian Hörburger/MK