Suzanne Lebeau: Gretel und Hänsel (SR 2 Kulturradio)

Archaisches Gruselmärchen

31.07.2017 • Die Märchen der Gebrüder Grimm sind zwar schon alt, dennoch geraten sie nicht in Vergessenheit. Vielleicht liegt das ja nicht zuletzt daran, dass ihnen noch ein Hauch der Vitalität mündlich erzählter und tradierter Texte anhaftet. Auch wenn die betreffenden Geschichten schon lange schriftlich fixiert sind, benötigen sie das performative Element des Vorlesens – nicht zuletzt mit Blick auf die kindliche Zielgruppe.

Grimms Märchen sind auch in der Erwachsenenwelt nicht ausgestorben und oft Ziel von Neuaneignungen. Die „Pro Sieben Märchenstunde“ etwa persiflierte einige von ihnen und übertrug die Geschichten damit in den Comedy-Sektor. Die ziemlich brutale amerikanische Fantasy-Serie „Grimm“ (NBC, 2011 bis 2017) hielt sich da schon weniger genau an die Originalvorlagen. In der im heutigen Portland spielenden Serie (in Deutschland bei Vox ausgestrahlt) waren die Grimms die seltenen Abkömmlinge einer Blutlinie aus dem Schwarzwald – Superhelden, die als Menschen getarnte Fabelwesen jagten.

Auch im Hörspiel und im Theater geht es manchmal märchenhaft zu. So liegt mit „Gretel und Hänsel“ die Neuinterpretation eines Klassikers vor. Der Theatertext von Suzanne Lebeau, für den die Kanadierin 2015 beim „Festival Primeurs“ den Autorenpreis erhielt, wurde beim Saarländischen Rundfunk (SR) und der Regie von Steffen Moratz als Funkarbeit umgesetzt. Grundlage ist die Übersetzung aus dem kanadischen Französisch von Frank Heibert, der gemeinsam mit Hinrich Schmidt-Henkel für die Neuübersetzung von Raymond Queneaus „Stilübungen“ den Straelener Übersetzerpreis 2017 der Kunststiftung NRW erhielt.

Ursprünglich war das erzählerisch geprägte Zwei-Personen-Stück „Gretel und Hänsel“ für ein sehr junges Publikum, etwa zwischen 6 und 10 Jahren gedacht. Die 1948 in Montréal geborene Suzanne Lebeau ist sehr aktiv in der Kinder- und Jugendtheaterszene der kanadischen Provinz Québec. Der SR hat das Stück allerdings auf einem Sendeplatz für reguläre, das heißt ‘Erwachsenen-Hörspiele’ ausgestrahlt und die Inszenierung entspricht nicht der bei Kinderhörspielen üblichen. Hauptunterschied zu den Kindertheater-Inszenierungen von Lebeaus Text ist das Alter der Schauspieler. Sie sind im SR-Hörspiel keine Jugendlichen oder jungen Erwachsenen, sondern hier sprechen und spielen die 1940 geborene Jutta Wachowiak als Gretel und der 1942 geborene Wolf-Dietrich Sprenger in der Hänsel-Rolle.

Am bekannten Handlungsverlauf der Geschichte von Hänsel und Gretel ändert sich bei Suzanne Lebeau kaum etwas. Die beiden werden im Wald von ihren Eltern ausgesetzt und landen bei einer kannibalischen Hexe. Allerdings werden die gesamten Geschehnisse aus der Perspektive des auf seine Kindheitserinnerungen zurückblickenden Geschwisterpaars erzählt, wobei hier im Gegensatz zum ursprünglichen Titel der weibliche Part vorangestellt wird. Wortführerin ist mithin als große Schwester Gretel, deren innere Konflikte in den Vordergrund treten. Dabei wird klar, dass sie eigentlich lieber Einzelkind geblieben wäre, als im Alter von 13 Monaten die elterliche Aufmerksamkeit an ihren neugeborenen Bruder zu verlieren. Schlüsselszene bei der Entwicklung ihrer letztlich doch sehr starken geschwisterlichen Gefühle ist der Entschluss zur Ermordung der Hexe, denn vorher hatte sie noch überlegt, ihren Bruder sterben zu lassen.

Auch wenn im Hörspiel die Nacherzählung der Kurzodyssee durch den dunklen Wald von zwei betagten Personen getätigt wird, verfallen die beiden hin und wieder in einen kindlichen Sprachgestus. Besonders Hänsel hat auch im Alter seine Rolle als kleiner Bruder so stark verinnerlicht, dass er manchmal schon beinahe infantil rüberkommt. In solchen Momenten scheint das Kinderstück durch. Aus dem Umstand, dass der grausame, mehr oder weniger realistisch gehaltene Erlebnisbericht mit dem Auftauchen des Hexenhauses und ihrer Bewohnerin auf einmal in eine altertümlich phantastische Märchenerzählung kippt, ergibt sich ebenfalls ein seltsames Spannungsfeld.

Zeitlich verortet wird die Geschichte an sich nicht. Blickt man auf das Alter der Sprecherin und des Sprechers, die speziell für das Hörspiel ausgewählt wurden, könnte man daraus jedoch den Eindruck gewinnen, dass hier womöglich auf Kindheitstraumata der im Zweiten Weltkrieg geborenen Deutschen Bezug genommen wird. Ohne geschichtlichen Bezug eine deutsche Kriegskindheit als Märchen zu verschlüsseln, ist aber keineswegs unproblematisch.

Und was bleibt vom feministischen Anspruch des Stücks? Immerhin wird ja Gretel im Titel nach vorne geholt und sie wird als Powergirl dargestellt. Doch die Hexe bleibt als Frauenfigur dieselbe böse Hexe, die sie im Märchen schon immer war. Über den Tod dieser Außenstehenden knüpfen die Geschwister ihre unauflösbaren Blutsbande. Letzten Endes ist von Suzanne Lebeaus Stück „Gretel und Hänsel“ ein weiteres archaisches Gruselmärchen.

31.07.2017 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 19/2017

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