Steven Uhly: Königreich der Dämmerung. 2‑teiliges Hörspiel (SWR 2)

Mitreißende Tragik

Anlässlich der Veröffentlichung von Steven Uhlys viertem Roman vor rund zweieinhalb Jahren frohlockte die Literaturkritik im Deutschlandradio Kultur in einer Sendung am 13. September 2014 in großen Tönen, doch mit Fug und Recht: „Actionreich wie ein Blockbuster, poetisch wie ein biblisches Klagelied: In ‘Königreich der Dämmerung’ erzählt Steven Uhly die Geschichte von Deutschen und Juden über drei Genrationen und verschiedene Länder hinweg – von 1944 bis in die 70er Jahre. Dämmerung – das ist der Übergang von einer Zeit in eine andere, das Treffen von Tag und Nacht, ist die Begegnung von Ende und Anfang. Ein überschaubarer, vorübergehender Moment, zumindest in der Natur. Wie anders in der Literatur.“

Auf über 650 Seiten (Taschenbuchausgabe, btb/Random House) erzählt der Autor in diachron, synchron oder fragmentarisch geordneten Zeitzeugnissen von nichts Geringerem als der Zerstörung und Zersplitterung der europäischen Identität durch die deutsche Gewaltherrschaft auf dem moribunden Kontinent, die vor allem die jüdischen Mitbürger betraf, die nach 1933 dem Vernichtungstrieb der deutschen Soldateska ausgesetzt waren und damit eine globale Fluchtbewegung auslösen sollte, die weit bis in die Gegenwart ihre Spuren hinterlassen hat. Der Autor verfolgt in seinem bisweilen minutiös recherchierten Stationendrama die Fluchtbewegungen zersprengter Familien oder ihre zertrümmerten Restbestände.

Da ist einmal die Jüdin Anna Stirnweiss, die in die Fänge des SS-Obersturmbannführers Josef Ranzer gerät, vergewaltigt wird und dem Peiniger nach dem Krieg nochmals begegnet. Der SS-Scherge findet im Zeichen des Wirtschaftswunders zunächst Unterschlupf beim Bundesnachrichtendienst (BND), bis auch das Spionagezentrum in der Ära Adenauer kalte Füße bekommt und den braunen Agenten fallen lässt. Uhly widmet sich weiter den anrührenden Biografien von Witwen und Frauen, die ihre Männer in Sibirien verlieren, gleichzeitig ihre Humanitas mit der Überlebenspflege von verwaisten Kleinkindern im Schatten der russischen Front unter Beweis stellen.

Immer wieder steigert sich das Narrativum zu ganz großen tragischen Fallhöhen, so wenn das vergewaltigte Opfer sich nach seiner Schändung als „mitschuldig“ zu wissen glaubt und an ihrer Identität zweifelt: „Anna wusste, dass nichts gut war, weil gut ein Begriff aus der Kindheit war, und die Kindheit war ums Leben gekommen, mitten in ihr. Alle Freude, die sie empfand, musste sie sich selbst vordenken, allen Lebenssinn musste sie sich zusammensuchen, wie jemand, dem das Frühstückstablett aus der Hand geglitten ist.“

Aber auch im fernen Palästina, von Anfang an erodiertes Glücksversprechen für die Gestrandeten und Flüchtlinge, scheint der Exodus im Taumel neuer politischer Auseinandersetzungen nicht zum Stillstand zu kommen. In mancherlei Hinsicht erinnert Steven Uhly an Ursula Krechels Spurensuche „Landgericht“ (Buchveröffentlichung 2012, in diesem Jahr als Verfilmung im ZDF zu sehen; vgl. MK-Artikel) oder an ihre Hörspieldokumentation „Shanghai fern von wo“ (vgl. FK-Heft Nr. 48/98).

Leonhard Koppelmann, so etwas wie der Chefbearbeiter groß angelegter Romane für den Hörfunk, hat aus Uhlys grandioser Vorlage (ihm oblagen Bearbeitung und Regie) für den Südwestrundfunk (SWR) einen Hörspielzweiteiler in einer Gesamtlänge von fast 200 Minuten gestaltet. Wie schon im Roman selbst besteht die ‘Zumutung’ für den Hörer nicht zuletzt darin, nicht den roten Faden zu verlieren, da die vielen Erzählstränge allerhöchste Aufmerksamkeit abverlangen. Allein vier Stimmen – von zwei Erzählerinnen und zwei Erzählern, alle auf ihre Weise brillant agierend – haben in der SWR-Produktion (Dramaturgie: Andrea Oetzmann) für Übersicht und Ordnung zu sorgen: Barbara Nüsse, Lena Stolze, Stefan Hunstein und nicht zuletzt Christoph Leszczynski, der mit genialer Befremdung und Fremdheit eine knorrige polnische Einfärbung dem Erzählteil schenkte. (Es wäre dennoch eine kluge und hilfreiche Entscheidung gewesen, es bei der männlichen Erzählstimme zu belassen. Das Mehr an narrativen Stimmen war nicht zwingend, eher unbegründet.)

Dass der auch vom Hörer herbeigesehnte Tod des SS-Scheusals und BRD-Aufstehmännchens Ranzer auf seiner Lagerstatt (Christian Redl spricht mit dem notwendigen diabolischen Biss) nun doch nicht mehr mitgeteilt werden konnte, bleibt bedauerlich. Der musikalischen Gestaltung von Peter Kaizar schien diesmal der ganz große Zugriff zu fehlen, da mit allzu vielen Versuchsanordnungen (ansprechend, aber nicht unbedingt einleuchtend, zwar möglich, aber in der Mosaikbreite und Vielfalt dann doch ausufernd) experimentiert wurde. Ungeachtet dieser kleinen Einschränkungen gelang Leonhard Koppelmann hier in Bearbeitung und Regie ein großartiges Hörspieltableau von mitreißender Tragik und Vitalität.

16.05.2017 – Christian Hörburger/MK

Print-Ausgabe 14/2017

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