Starke Mehrteiler: Der Hörspielwettbewerb beim jetzt nicht mehr dotierten Prix Europa

Von Jochen Meißner 

18.11.2017 • Nur insgesamt 28 Stücke waren es, die beim Prix Europa 2017 darum konkurrierten, als „Bestes Europäisches Hörspiel“ bzw. „Beste europäische Hörspielserie“ den Wettbewerb in diesen beiden Kategorien zu gewinnen. Das waren fünf Stücke weniger als in den vergangenen Jahren. Aber um mehr als den Titel und die handgemachte Stier-Trophäe ging es leider nicht, denn seit diesem Jahr ist der bislang in jeder Kategorie mit jeweils 6000 Euro dotierte Preis ein reiner Ehrenpreis. Was daran liege, so die Prix-Europa-Veranstalter auf MK-Nachfrage, dass „die Diskrepanz zwischen dem Prestige eines Prix Europa und der Höhe des Preisgeldes sehr groß“ sei, weshalb sich das Steering Committee des Wettbewerbs entschlossen habe, die Dotierung „komplett zu streichen und das Geld in die Durchführung des Wettbewerbs zu stecken“.

Den Prix-Europa-Teilnehmern, die vom 14. bis zum 20. Oktober im Berliner ‘Haus des Rundfunks’ ihre Hörspiele, Radiofeatures, Online-Projekte, Fernsehfilme, -serien und -dokumentationen vorstellten, dürfte diese doch sehr selbstbewusst formulierte Aussage der Veranstalter weniger gefallen haben, sind doch auch schon Einsparungen bei fast allen auftraggebenden oder produzierenden Sendern an der Tagesordnung – und der Kurs der Aufmerksamkeitswährung des Prix Europa, der jetzt zum 31. Mal ausgerichtet wurde, hat auch noch Luft nach oben. Wenigstens wurden diesmal bei der Preisverleihung, anders als in der Vergangenheit, endlich auch die Audiobeiträge (und nicht nur die der Fernseh- oder Online-Kategorien) mit kurzen Trailern vorgestellt.

Kleinster gemeinsamer Nenner

Bleibt noch der Kernbestandteil des Wettbewerbs: der professionelle Austausch unter den Machern, die jedes einzelne Stück einer – meist freundlich-konstruktiven – Kritik unterziehen. Als Juroren wählen sie mittels eines Punktesystems, das tendenziell den kleinsten gemeinsamen Nenner bevorzugt, ihre Preisträger. Anders ist es kaum zu erklären, dass eine Petitesse wie das flämische Hörspiel „Almanak“ („Almanach“) des belgischen Autors Wederik De Backer als bestes europäisches Hörspiel 2017 durchgehen konnte. Die Geschichte der Trennung eines Liebespaares, um die es hier geht, spielt vor dem Hintergrund eines schon vor Jahren geschlossenen Kulturzentrums in einem Arbeiterviertel in Gent. Humoristische Einsprengsel – da ist etwa ein chauvinistischer marokkanischer Bäcker, der nicht für einen Türken gehalten werden will – sorgen für Abwechslung in einer netten Geschichte, die nicht mehr sein will als eben das. Gegenüber den Stücken, die sich moralisch oder kulturell gerne etwas aufplusterten, sorgte dieses Hörspiel für ein wenig Entspannung. Weil es als letztes im Wettbewerb der langen Einzelstücke lief (insgesamt 16 Einreichungen), schien es alle Punkte auf sich zu vereinigen, die die Juroren noch übrig zu haben meinten. 

An gut gemeinten, aber oft nicht allzu gut gemachten Stücken herrschte auch dieses Jahr kein Mangel. Kevin Brew und Ellie Kisyombe ließen in ihrem für den irischen Rundfunk RTÉ produzierten Stück „Flight Risk“ („Flugrisiko“) eine Asylbewerberin im Flugzeug nach Dublin ihre Alpträume von der Zurückweisung durch die Behörden durchleben. In dem vom schwedischen Radio SR stammenden tragikomischen Feelgood-Stück „Salongen“ („Der Friseursalon“) von Marjaneh Bakhtiari ärgert sich die iranische Friseurin mit ihren Söhnen herum, die ihre Anerkennung entweder in der Rückbesinnung auf die Tradition oder im Comedy-Geschäft suchen. Ein ähnliches Stück von der Kategorie Das-kannst-du-deinem-Friseur-erzählen kam von Danmarks Radio (DR): „De Gamle“ („Die Alten“) von Ine Urheim. Dort trifft ein ambulanter Friseur in einem Altenheim auf eine Klientel am Rande des Grabes. Auch hier wurden Tod und Sterben, wie so oft bei den Einreichungen zum Prix Europa, auf erschreckend unterkomplexe Weise behandelt.

Auf der Höhe der moralischen, nicht aber der politischen Diskussion bewegte sich das von James Fritz stammende BBC-Hörspiel „Comment is free“ („Kommentare frei“), in dem ein rechtspopulistischer Demagoge ermordet wird. In den Echokammern der sozialen Medien wechselt angesichts dessen die Stimmung von heftiger Ablehnung zu mitleidiger Zustimmung. Dass das Mordopfer zuvor eine lautstarke Fan-Gemeinde gehabt haben muss, die seinen Aufstieg erst ermöglicht hat, kommt im Stück indes nicht vor. Stattdessen macht die Ehefrau des Getöteten, die vom verwerflichen Treiben ihres Mannes nichts mitbekommen haben will, eine moralische Läuterung durch. Das alles klingt eher nach der dramatisierten Version eines abstrakten moral-philosophischen Diskurses als nach einer Analyse der gegenwärtigen Verhältnisse in Großbritannien. Trotzdem gab es dafür eine ‘Lobende Erwähnung’ beim Prix Europa. Die deutsche Nominierung im diesjährigen Hörspielwettbewerb, Andreas Ammers mit dokumentarischem O-Ton-Material arbeitendes Stück „Sie sprechen mit der Stasi“ (WDR; vgl. MK-Kritik), erreichte in der Endabstimmung Platz 5.

Arte kann auch Radio

Wie üblich überkomplex in der Konstruktion und hinsichtlich der historischen Bezüge und Konnotationen waren die beiden eingereichten Stücke des deutschen Autors Werner Fritsch, die allerdings nicht von deutschen Sendern, sondern vom tschechischen Radio CR in Prag („Shakespeares Schädel – In Fausts Faust“) und vom slowakischen Rundfunk RTV in Bratislava („Der schwarze Regen Ovid, der weiße Regen Mark Aurel“) produziert worden waren. Wer sich in Geografie nicht so auskennt: Der Weiße und der Schwarze Regen vereinigen sich im ostbayerischen Bad Kötzting zum Donau-Nebenfluss Regen.

Die Hörspielkategorie „Serien und Mehrteiler“ (12 Einreichungen) war in diesem Jahr erheblich stärker besetzt als die der langen Einzelstücke. Die Preisträger-Serie „La préhistoire du futur“ („Die Vorgeschichte der Zukunft “) von Benjamin Abitan klang ob ihres exzessiven Einsatzes parodistisch-radiophoner Mittel, als sei sie für das Webradio des deutsch-französischen Kulturkanals Arte (arteradio.com) entstanden. Die zirka siebenminütigen Episoden liefen aber im Programm France Culture jeweils vor den Nachrichten. Die erste Folge der zweiten Staffel handelt von der wenig spektakulären Invasion der Aliens, mit der sich die Menschheit oder zumindest ihr französischsprachiger Teil schnell abfindet, weil die Außerirdischen die Steuern senken und der neue Imperator in Talkshows auch Zuschauerfragen beantwortet. Der Weltuntergang ist auch nur ein Verwaltungsakt.

Ähnlich comicmäßig klang die Schweizer Serie „Donjon“ (SRF) von Wolfram Höll und Johannes Mayr. Kein Wunder, handelte es sich doch um die Radioversion der gleichnamigen Comic-Bände von Joann Sfar und Lewis Trondheim. Der Donjon ist ein phantastisches Verlies voller Drachen und anderer Wesen. Gleichzeitig aber ist er ein ziemlich erfolgreiches Geschäftsmodell, in dem sich Abenteurer aller Art auf Schatzsuche begeben – und in aller Regel den Monstern zum Opfer fallen. Realistischer ging es da in der Serie „Paartherapeut Klaus Kranitz“ zu. „Bei Trennung Geld zurück“ ist der Werbeslogan des Therapeuten, eines ehemaligen Immobilienmaklers, der sich in der Hörspielserie von Jan Georg Schütte und Wolfgang Seesko im Eheberatungsgeschäft versucht. Ziemlich gut geschrieben, könnte man denken, wenn man nicht wüsste, dass Schütte in seinen Fernsehfilmen und Hörspielen gerne mit improvisierenden Schauspielern arbeitet. Und weil Schütte seine Figuren ernst nimmt und ihnen genug Futter gibt, kann sich auch in „Paartherapeut Klaus Kranitz“ (Radio Bremen) die Komik wieder umso prächtiger entwickeln; der Neunteiler landete im Wettbewerb am Ende auf Rang 5.

Auszeichnung für RBB/WDR‑Feature 

Auf Platz 4 der Kategorie „Serien und Mehrteiler“ kam die BBC-Produktion „Tracks“, eine Serie, deren unspezifischer Titel die Struktur hinlänglich kennzeichnet. Denn man merkt in jeder Szene, welche dramaturgische Funktion sie zu erfüllen hat und auf welche Spur sie den Hörer setzen will. Hier wird die Figur gezeichnet, da der Konflikt exponiert und dort noch ein Rahmen für die Handlung gezimmert. Bei keiner Serie merkte man so überdeutlich, dass ihr Inhalte völlig gleichgültig waren. Vor so ein dramaturgisches Gerüst kann man jede beliebige Fassade hängen, eine mythologische oder eine technologische, eine historische oder eine futuristische. Selten wurde seelenloses (Schreib-)Handwerk so deutlich in Szene gesetzt wie in „Tracks“ – ein enthüllendes Beispiel dafür, was dabei herauskommt, wenn man so wirklich gar nichts zu erzählen, aber einen Sendeplatz zu füllen hat. 

Viel zu erzählen hingegen hatte François Pérache in seiner zusammen mit Sabine Zovighian für Arte Radio produzierten Serie „De guerre en fils“. Der Titel variiert die Formulierung „de père en fils“ („vom Vater auf den Sohn“) um die Dimension des Krieges. Denn es geht um die Ermordung von François Péraches Großvater, der Polizeioffizier war, durch algerische Terroristen. Die Ermordung bildete den Auftakt zu einem Massaker an in Paris lebenden Algeriern im Oktober 1961 – einem in Frankreich heute noch tabubehafteten Ereignis. Damals tobte der Unabhängigkeitskrieg der Algerier gegen Frankreich und welche Rolle der Großvater von François Péraches genau spielte, bleibt auch nach den insgesamt 80 Minuten der sechsteiligen Serie offen.

Was eine simple journalistische Podcast-Serie hätte werden können, wird durch die persönliche Involviertheit des Autors glaubwürdig und durch die historischen Hintergründe spannend. Was das Stück „De guerre en fils“ zu einem aufregenden Wechselspiel zwischen Faction und Fiction, zwischen Dokumentarischem und Fiktionalem macht, ist die raffinierte erzähltechnische Konstruktion, in der der Einsatz von Schauspielern zu dokumentarischen Zwecken stets transparent gemacht wird. Das setzt Maßstäbe für ein sauberes journalistisches Verfahren, das in seinen überraschenden ironischen Brechungen sehr unterhaltsam ist, ohne die Ernsthaftigkeit des Stücks zu unterminieren. „De guerre en fils“ hat in diesem Jahr schon den Prix Italia gewonnen und landete beim Prix Europa immerhin auf dem zweiten Platz in der Hörspielserien-Kategorie.

Besonderer Preis für Can Dündar

In den insgesamt 14 Wettbewerbskategorien des Prix Europa gab es in diesem Jahr nur einen Gewinner aus Deutschland. Christian Lerch wurde für sein Radiofeature „Papa, wir sind in Syrien! Joachim Gerhards Suche nach verlorenen Söhnen und heiligen Kriegern“ mit dem Preis der Kategorie „Radio Documentary“ ausgezeichnet. Das Stück, eine Koproduktion von RBB und WDR, basiert auf O-Tönen von WhatsApp-Sprachnachrichten, in denen ein Vater versucht, mit seinen beiden Söhnen zu kommunizieren, die sich der Terrororganisation, die sich „Islamischer Staat“ (IS) nennt, angeschlossen haben.

Mit dem „Outstanding Achievement Award“ des Prix Europa 2017 wurde Can Dündar als Journalist des Jahres ausgezeichnet. Der seit 2016 im deutschen Exil lebende ehemalige Chefredakteur der türkischen Tageszeitung „Cumhuriyet“ widmete seinen Preis den in der Türkei im Gefängnis sitzenden Kollegen.

18.11.2017