Sibylle Lewitscharoff: Die Brunnenhalle (SWR 2)

Die Geschichte mit dem Wässerlein

Damit kein Hörer auf falsche Gedanken kommt und sich womöglich an Wiesbaden, Meran, Marienbad, Budapest oder selbstverständlich Baden-Baden erinnert, sich danach sehnt oder gottfroh ist, den heißen Quellen, den Trinkhallen und den gelegentlichen ‘Kurschatten’ entronnen zu sein, führt ein Sprecher in die Welt dieses Hörspiels ein: „Eingang der Brunnenhalle, die Geräusche klingen nach dem Empfangsraum eines Hotels, es hallt wie in einer Badeanstalt.“ So weit ist es nicht schwierig, sich zurechtzufinden.

Aber dann: „Es handelt sich um einen Übergangsort zwischen Lebenswelt und Totenreich; die Ankommenden haben noch nicht recht begriffen, dass sie tot sind. Sie müssen sich erst daran gewöhnen, wo sie gelandet sind.“ Das muss natürlich auch der Hörer, wobei ihm ziemlich bald klar wird, dass er sich hier im Abglanz eines sehr bekannten Mythos befindet, einer der schönsten Legenden der abendländischen Kultur. Dabei helfen die Namen einiger Personen – wie etwa der des Eugen Suso Orph, der später noch Seraphus als weiteren Vornamen hinzubekommt. Dieser Besucher der Brunnenhalle kann ja nun kein anderer sein als der Sänger Orpheus auf der Suche nach seiner verlorenen Geliebten Eurydike, die hier jedoch Rike Dieu heißt und erst relativ spät auftaucht. Zuvor führt uns ein Chor (Antikisches soll nicht fehlen!) mit Gesängen und Reimen zu den Wassern des Vergessens (also Lethe).

Sibylle Lewitscharoff, 1954 in Stuttgart geboren, lebt seit Jahren in Berlin und zählt zu den interessanten und unerschrocken polarisierenden Autorinnen deutscher Sprache. Für ihre Romane wie „Blumenberg“ oder „Das Pfingstwunder“ erhielt die studierte Religionswissenschaftlerin bedeutende Literaturpreise, darunter 2013 den Georg-Büchner-Preis. Gelegentlich schreibt sie Hörspiele, zuletzt das Stück „Vogelzug“ (SWR 2015).

Nachvollziehbar ist sicher, dass eine so profilierte und ambitionierte Autorin den Wunsch hat, nach der berückenden Adaption durch den Opernkomponisten Christoph Willibald Gluck 1762 und der nicht minder berühmten, eleganten und pikanten Version von Jacques Offenbach ihre eigene Umschreibung der thrakischen Sage vom Sänger Orpheus und der schönen Naïade Eurydike zu gestalten. Lewitscharoff ändert nichts am Lauf der Geschichte, auch in ihrem Hörspiel „Die Brunnenhalle“ ist Eurydike im Totenreich gefangen, Opfer eines Schlangenbisses. Orpheus rührt mit dem Klang seiner Leier an das Herz des Totengottes Hades. Er darf seine geliebte Frau zurückgeleiten ins Reich der Lebenden – doch nur dann, wenn Eurydike sich nicht nach ihm umblickt.

Es ist nicht so, dass man dem Hörspiel (erneut eine SWR-Produktion) nicht folgen könnte, wenn man diesen Mythos nicht kennt, aber er ist ständig präsent und beweist auf erstaunliche Weise seine Strahlkraft. Als fürchte sie sich davor und wolle sich auf das ‘Erhabene’ nicht einlassen, kreiert Sibylle Lewitscharoff ein Dekorum – man könnte durchaus auch Ambiente sagen –, das zeitgeistiger nicht sein könnte. Vor allem aber schafft sie ein sprachliches Klima, das rau und schroff über die Zartheit der Legende hinwegfegt.

Die einzelnen Figuren, allen voran ein eigens von ihr dazu erfundener Handwerker (als wär’s ein Peter Squentz aus Shakespeares „Sommernachtstraum“), sprechen ein unüberhörbar umgangssprachliches Idiom, das aber gelegentlich über Ecken und Kanten stolpert, als wäre die Sprache sich ihrer selbst nicht sicher. Dem Chor werden simple a-b-a-b-Reime in den Mund gelegt: „Denk dich hinaus, da droben glänzt ein Stern, / durch leichten Dunst siehst du ihn blinken, / es ist dein Stern, er hat dich gern, / und will dir mit den Strahlen winken.“ Oder: „Die Zeit strähnt ihr Haar, und die Flocken, sie fallen, / der Wind kämmt die Wellen, die Zungen, sie lallen.“ Man muss davon ausgehen, dass eine Autorin wie Sibylle Lewitscharoff gewusst hat, was sie tut, wenn sie schiefe Metaphern einsetzt und ein mögliches, denkbares hohes Sprachniveau mit Stiefeltritten zum Teufel jagt.

Der Regie und vor allem der musikalischen Ausgestaltung tut die Autorin damit jedoch einen Bärendienst. Weder die Regisseurin (Iris Drögekamp) noch der Komponist (Andreas Bick) kommen mit den sprachlichen Klippen und Fallstricken zurecht. Wie setzt man eine ‘auf links gebürstete’ Sprache um? Wie führt man die Schauspieler durch diese seichten Untiefen? Die Sprecher schlagen sich wacker, auch Jana Schulz mit dem unseligen Rollennamen Rike Dieu versucht, ihre Eurydike nicht der Lächerlichkeit preiszugeben. Josef Ostendorf wagt als Brunnenwart einen aufgeblähten Gauleiterton, Sebastian Rudolph als Eugen Suso Orph versucht eine jungenhafte „Modernität“, jeder versucht etwas – es führt zu nichts.

Die Autorin des Katerkrimis mit dem schönen Namen „Killmousky“ hat uns alle an der Nase herumgeführt. Was ja mal per se keine schlechte Idee ist. Nur: Musste es ausgerechnet der Mythos von Orpheus und Eurydike sein? Aber natürlich passt zum Produktionsort Baden-Baden, wo die SWR-Hörspielabteilung ihren Sitz hat, dann eben doch die Geschichte mit dem Wässerlein Lethe am besten.

26.12.2016 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK