Robert Schoen: Die verlorenen Söhne (HR 2 Kultur)

Die doppelte Materialität der Stimme

Eine der Voraussetzungen auditiver Überlieferung ist die Möglichkeit der Aufzeichnung von Schallereignissen. Dass man mittels Grammophon-Platten die Stimmen längst Dahingegangener konservieren kann, war schon früh ein Argument, das auf Schallplatten verbreitet wurde, die für ihre eigenen Abspielgeräte warben. Nun hinterlassen die Produktionsmittel der Aufzeichnung immer im Aufgezeichneten auch ihre eigenen Spuren, wie der Stichel des Edison-Phonographen in einem Wachszylinder oder die Stahlnadel in einer Schallplatte.

Hörbar wird dieser physische Abdruck von Stimmen und ihrer Aufzeichnungsgeräte in Robert Schoens neuem Hörspiel „Die verlorenen Söhne“ in Dokumenten aus dem Ersten Weltkrieg. Am 27. Oktober 1915 wurde unter strengster Geheimhaltung auf Initiative des Sprachwissenschaftlers Wilhelm Doegen die ‘Königlich Preußische Phonographische Kommission’ gegründet. In dieser Kommission arbeiteten Ethnologen, Musikwissenschaftler und Linguisten, um „die Stimmen der Welt“ systematisch auf Lautplatten aufzunehmen und zu erforschen. Sprachen, Dialekte und Gesänge verschiedenster Ethnien sollten möglichst vollständig erfasst werden. O-Ton-Geber waren die Kriegsgefangenen im sogenannten Halbmondlager im brandenburgischen Zossen, die Lieder singen, Gedichte und Zahlenreihen aufsagen und auch die Geschichte vom verlorenen Sohn erzählen sollten.

Die zweite narrative Ebene in dem Stück bestreitet der Radioperformer Lorenz Eberle – mit dem zusammen Robert Schoen für seine Joseph-Roth-Paraphrase „Schicksal, Hauptsache Schicksal“ nach der Novelle „Die Legende vom heiligen Trinker“ mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichnet worden war (vgl. hierzu FK-Hefte Nr. 51-52/10 und 11/11). Eberle schreibt in der Rolle des verlorenen Sohnes Etzel Mauss aus seiner französischen Wahlheimat einen Brief an seinen Vater. Sein Erbteil hat er durchgebracht und Schulden hat er auch. Kenner des Hörspiels können sich daran erfreuen, dass Etzel Mauss einen Bruder namens Erwin hat, dem Paul Pörtner 1968 in seinem Hörspiel „Was sagen Sie zu Erwin Mauss?“ verewigt hat.

Autor und Regisseur Robert Schoen ist selbst in seinem 52-minütigen Hörspiel zu hören und zwar sowohl in der Rolle eines Chronisten, der im Lautarchiv der Berliner Humboldt-Universität recherchiert, als auch in der Rolle eines Einsagers, der Lorenz Eberle Anweisungen gibt. Statt der allmählichen Verfertigung der Gedanken beim Reden haben wir es hier mit einem umgekehrten Prozess zu tun: der Verfertigung der Rede beim Denken.

Auf einer dritten Ebene analysiert der (real existierende) emeritierte Phonologe Bernd Pompino-Marschall von der Humboldt-Universität den Sprachduktus von Lorenz Eberle. Dessen mit „Knarrstimme“ artikuliertes „Äh“ – in der linguistischen Fachsprache eine „Hesitations-Vokalisation“ – verdeutlicht, dass nicht nur Werkzeuge der Schallaufzeichnung ihre Spuren in der Stimme hinterlassen, sondern auch der Artikulationsapparat selbst seine Spuren in der Stimme hinterlässt. Es ist diese doppelte Materialität von Produktion und Reproduktion der Stimme, die den Kern dieses Hörspiels ausmachen.

Auf der erzählerischen Ebene gliedert sich das Stück in fünf nummerierte Abschnitte, von „1 Der Aufbruch“ über „2 Rencontre avec des camarades / Treffen mit Kumpels“, „3 L’ivresse / Trunkenheit“, „4 Réveil et remords / Aufwachen und Gewissensbisse“ bis zu „5 Le retour / Die Rückkehr“. Der letzte Teil wird allerdings nicht als reale Rückkehr zum Vater inszeniert, sondern nur in einer musikanalytischen Volte imaginiert. Insofern lässt sich das Stück auch als eine Fortsetzung von Schoens Version der „Legende vom heiligen Trinker“ auffassen, in der Lorenz Eberle ebenfalls seine musikwissenschaftliche Kompetenz ausspielen konnte. Hier wie dort findet eine Verschiebung von der Oberfläche des platt Erzählerischen zur Metaebene des gleichnishaft Komponierten statt – eine Rückkehr in die Kunst.

Ebenso wie Robert Schoen die Dopplung von Produktion und Reproduktion, Acting und Reenactment zusammenführt, so denkt er auch Kultur und Natur zusammen, wie schon in seinem letzten Hörspiel „Ein verrauchtes Idyll“ (vgl. MK-Kritik). Dort trafen die mit Kinderstimmen besetzten Äonen der Evolution auf die Stimmen hundertjähriger Protagonisten des Jahrgangs 1914. Das neue Hörspiel „Die verlorenen Söhne“ umfasst ebenfalls ein Jahrhundert, das von 1915, dem Beginn wissenschaftlicher Tonaufzeichnungen der Stimmen von inzwischen längst Verstorbenen, bis zum Jahr 2015 reicht, in dem die verbrauchte Stimme Lorenz Eberles mit linguistischem Besteck seziert wird.

Dass durch die Figur Etzel Mauss immer wieder schon qua Stimme Lorenz Eberle durchscheint, ist weder unbeabsichtigt noch vermeidbar. Und dieser Stimme werden wir noch einmal wiederbegegnen. Robert Schoen arbeitet bereits an einem weiteren Stück, das dann den Abschluss einer Lorenz-Eberle-Trilogie bilden wird und das hoffentlich genauso gut wird wie seine beiden Vorgänger.

24.03.2017 – Jochen Meißner/MK

Print-Ausgabe 14/2017

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