Ralf Kaupenjohann/Ulrich Greb: Zitrone Schlüssel Ball – ein Stück über das Verschwinden (Nordwestradio)

Gesunde und demente Menschen

Um schnell zu ermitteln, wie es um die geistige Leistungsfähigkeit eines Menschen bestellt ist, gibt es den „Minimal-Mental-Status-Test“, kurz: MMST. Mit den für diesen Test zusammengestellten Fragen und Übungen soll in erster Linie festgestellt werden, ob eine Person Anzeichen von Demenz aufweist. Eine Stelle des MMST betrifft die Merkfähigkeit, dort muss die Testperson drei Begriffe wiederholen: „Zitrone“, „Schlüssel“ und „Ball“. Dass dieses Begriffstrio auch Ulrich Grebs Hörspiel den Titel gegeben hat, ist selbstredend kein Zufall, denn das dokumentarisch grundierte Stück widmet sich den mit steigender Lebenserwartung in der heutigen Gesellschaft immer häufiger auftretenden Demenzerkrankungen.

Das von Radio Bremen veranstaltete Nordwestradio strahlte die Produktion „Zitrone Schlüssel Ball – ein Stück über das Verschwinden“ nun in seinem Programm aus. Dass es diese am 20. November 2016 urgesendete Studio-Hörversion gibt, ist der Initiative des Musikers Ralf Kaupenjohann zu verdanken, der für die Musik und Klangregie verantwortlich zeichnet. Basis für das 2013 im „RevierTon“-Studio Herne unter der Regie von Ulrich Greb entstandene Hörstück ist die gleichnamige Theaterarbeit, die Greb im Rahmen der Kampagne „Erinnern-Vergessen: Kunststücke Demenz“ (2005 bis 2007) am Schlosstheater Moers entwickelte, dessen Intendant er auch ist. In der vorangehenden Recherchephase hierfür fanden Interviews mit dementen Personen und deren Angehörigen, mit Selbsthilfegruppen von Betroffenen und mit medizinischem Pflegepersonal statt.

Um im Hörspiel mit solch authentischen Nahaufnahmen nicht voyeuristische Begierden auf Seiten des Zuhörers zu befriedigen, wird das Recherchematerial mehrfach gebrochen. Ein wesentlicher Gesichtspunkt hierbei ist, dass Schauspielerinnen (Janin Roeder, Adriana Kocijan, Jutta Menzel-Püschel) und Schauspieler (Peter Gerold und Werner Strenger) den Interviewten ihre Stimme leihen. Zudem bleiben die Urheber der Aussagen weitgehend im Schutz der Anonymität. Ein weiterer Punkt ist die zeitliche Begrenzung der Monologe, die nur fragmentarisch wiedergegeben werden. Durch themenbezogene Schnitte wird das allgemein Menschliche an den konkreten Krankheitsgeschichten herausgearbeitet.

Beeindruckend beim Hören ist, wie es gelingt, die Veränderungen aufzuzeigen, die geistig gesunde Menschen durchmachen, wenn ihre Ehepartner oder Eltern immer mehr Dinge vergessen. Ein Mann etwa erregt sich sehr über eine verlegte Uhr – am Anfang meint man, es könne sich vielleicht bei ihm selbst um einen dementen Menschen handeln. Doch stellt sich heraus, dass der beinahe als cholerischer Anfall zu bezeichnende Wutausbruch seinen Ursprung in der demenzbedingten Vergesslichkeit der beschenkten Person hat, die zum wiederholten Mal die Uhr nicht am Handgelenk trägt.

Einige Passagen des rund 55-minütigen Stücks sind aber auch eindeutig erfunden. Der anfangs erwähnte Test etwa wird über einen Dialog hörbar gemacht. Dass es sich dabei nicht um eine authentische Testsituation handeln kann, wird deutlich, wenn das Frage-Antwort-‘Spiel’ auf absurde Bahnen abgleitet. So etwa, als sich die Testperson eine aberwitzig lange Ziffernfolge merken soll. Sowohl die klinische Kälte des standardisierten Tests als auch das etwaige Gefühl von Überforderung bei der befragten Person vermitteln sich dem Hörer durch diesen Kniff jedoch eindrücklich.

Und so kann man sagen, dass dem von Akkordeonmusik untermalten Hörspiel etwas gelingt, was bei der Beschäftigung mit Demenz gar nicht so einfach ist: Die Träger dieses Krankheitsbildes werden nicht (nur) eingesetzt, um als passive Betrachtungsobjekte beim Hörer Mitleid zu erregen oder auch Belustigung hervorzurufen, sondern sie werden als Repräsentanten eines sozialen Phänomens in Szene gesetzt; eine besondere Bedeutung kommt dabei ihrem Umfeld zu. Aber auch für dieses Stück bleibt es letztlich unmöglich, nachvollziehbar zu machen, wie ein dementer Mensch denkt und empfindet.

29.12.2016 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 2-3/2017

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